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Verachtung für Sekurität und Verfettung

Der Essay ist eine bürgerliche Literaturgattung. Seine Stellung zwischen Poesie und Wissenschaft verdankt sich gleichermaßen der Gelehrsamkeit wie dem darstellerischen Ehrgeiz seiner Autoren. Das gilt von Adam Müllers literarkritischen Schriften, Ferdinand Gregorovius‘ italienischen Städtebildern und Wilhelm Diltheys ideengeschichtlichen Dichterporträts über Josef Hofmillers Versuche, „Wanderungen“, in sich subtile Lehren essayistischen Schreibens, bis hin zu Gerd-Klaus Kaltenbrunners Galerie europäischer Denker. Urbanität und Bequemlichkeit des Essays, seine relative Freiheit, Ungezwungenheit und offene Form bedürfen andererseits auch einer „Plausibilitätsstruktur“, in die sie eingelassen sind: einer gewissen Identität von Autor, Gegenstand, Publikum und Bildungswelt, Gemeinschaftlichkeit der Erfahrung und des Horizonts. Soziale Heterogenität und Multikultur, Autonomisierung von Kunst und Wissenschaft wirken tödlich auf die elegante Feder, zersprengen ihre typische Mittellage. Dann gewinnen rückblickend relative Windstille und idyllische Winkel im bürgerlichen Seelenhaushalt Kontur: die kontemplativen Züge und figürlichen Erzählformen des Jahrhunderts von Goethe bis Fontane werden deutlich. Das „Zeitalter der Extreme“ hat behutsame Fingerzeige wie schwelgerische Tableaus hinweggerafft, die Moderne uns „die Augenlider weggeschnitten“, humanistische Kunstübung und bürgerlichen Kulturbetrieb in Frage gestellt. Unterm Druck von Gewalt und Banalisierung ringen Autoren seitdem um Legitimität, ihre Texte müssen Existenzgrund und Rezeptionssystem selbst erzeugen, statt sie vorauszusetzen. Der darum wußte und schriftstellerische Konsequenzen zog, war Gerhard Nebel (1903-1974), ein denkerisch und sprachlich robuster Erneuerer des Essays. Nebels erste Publikation fällt ins Jahr 1939 („Feuer und Wasser“), doch liegen die meisten seiner Veröffentlichungen nach 1945, darunter Titel wie „Griechischer Ursprung“, „Ernst Jünger und das Schicksal des Menschen“ (beide 1948), „Weltangst und Götterzorn“ (1951), „Hinter dem Walde. 16 Lektionen für Zeitgenossen“ (1964), „Sprung von des Tigers Rücken“ (1970) oder sein Hamann-Buch (1970). Nebel drängt weg von den bürgerlichen „Bildungserlebnissen“, hin zu „ursprünglicher Erfahrung“. Seine Texte artikulieren Zeitkritik und antimoderne Polemik statt Harmonie, die „rauhe Fügung“ statt des gefälligen Wortes und die Wiedergewinnung existenzieller „Geschichtlichkeit“ statt Diltheys behaglichen Blicks auf die „Schule von Athen“. Welttiefe, mythische Offenbarung werden zurückerobert durch Arbeit an der Sprache, in der sich das „Seins-Geschick“ ereignet, Wahrheit ver- oder entbirgt. Nebels großes Jugenderlebnis war Martin Heidegger, eine lebenslange Prägung, dazu traten Stefan George und Ernst Jünger, später auch Carl Schmitt, ein geistiger Club also nicht der schlechtesten Adresse. Gemeinsam ist diesen Denkern die Überzeugung, daß es „beim Menschen um das entschlossene Leben und das tapfere Sterben, daß es um die Verehrung einer transzendenten Macht und um liebende Hingabe“ geht. Als „Verächter des Fortschrittsoptimismus“ sind diese überzeugt von der Verächtlichkeit der Moderne, des „letzten Menschen“. Gegen den „metaphysisch verödeten Konsumenten der Wohlstandsgesellschaft“, den „entpersonalisierten Funktionär“, den „Schwätzer von kulturellen Gemeinplätzen“ gilt es „aufhaltende“ Mächte und Gestalten vorzurufen, den Katechon. All dies findet man in Nebels Jugenderinnerungen, die jetzt von der Schillergesellschaft aus dem Nachlaß am Deutschen Literaturarchiv in Marbach ediert wurden. Die Aufzeichnungen entstanden 1968, sind Torso geblieben: Das „Stück Autobiographie“ bricht 1938 ab, schildert zuletzt Nebels Ostafrika-Reise bis zu seinen verwegenen Erlebnisse am Kilimandscharo. Der Abenteurer gehört zur Charakterspezifik dabei ebenso wie der Athlet, Nebels Begeisterung für Sport und Körperlichkeit, die leidenschaftliche Suche nach Archaik und Transzendenz ebenso wie eine gewisse Heimatlosigkeit kleinbürgerlicher Herkunft in Dessau und Koblenz. Persönliches Familien- und allgemeines Zeitschicksal werfen auf Nebels Vita einen Schatten kultureller Zerbröselung und moderner Entortung, starke Anklänge hier an Gottried Benn. Da liegt ein Epochensprung zwischen Ludwig Curtius‘ „Deutsche und antike Welt“ (1950) und dem Antikenbild des studierten Altphilologen Nebel. Er bleibt der sperrige Charakter, ein Anarch und Waldgänger, Ereignissen und Zeiten nah wie fern. Als Leitfaden des Lebenswegs bietet sich nun Nebels kleine Phänomenologie deutscher Städte an. Die erfaßt er physiognomisch sehr genau. Studiert hat er in Freiburg, Marburg und dem „Weltdorf“ Heidelberg; dort machte er wichtige Bekanntschaften. Aus dieser Schar bleiben uns eindrucksvolle Porträts von Nicolai Hartmann, Friedrich Gundolf oder Karl Jaspers im Gedächtnis, ebenso kräftige Skizzen zu Schmitt, Jünger und Heidegger. Exkurse zu George finden sich in einem separaten Thesenpapier, auch bedeutsame theologische Reflexionen; dem späteren Nebel vollendet sich die alte Götterwelt in Christus. Nebel ist der Autor der moralischen, politischen und historischen Inkorrektheiten, ein Durchkreuzer des heutigen juste milieu par excellence. Doch auch sich selbst nimmt er nicht aus, berichtet ohne Betulichkeit über seinen oberflächlichen Sozialismus, das „Gerümpel einer linken Gesinnung“, vielmehr seine Lust um 1930, sich auf der Straße herumzuschlagen, als „Prügler, und zwar innerhalb radikaler Kolonnen“. Neben seiner Armut nennt er „meine Bewunderung für die Härte, Kühnheit vieler Arbeiter“ als Motiv, „meine Verachtung der Sekurität und Verfettung“, die ihn zeitweilig zum Kommunisten machte. Nebel, der Nonkonformist, hält sich frei von Karrierismus und Besitzgier. Doch Abhängigkeit auch bei ihm: Als Gymnasiallehrer hat er sich mit vorgesetzten Behörden herumgeschlagen, wandelt in der NS-Zeit auf schmalem Grat, ein sonderbar schillerndes Dissidentenschicksal samt einer 1942 verfügten Strafversetzung auf die „nördlichen Hesperiden“, fort den Annehmlichkeiten des Pariser Besatzerdaseins im Kreise Ernst Jüngers. Doch sein Bedürfnis nach komplexer Erfahrungsrealität profitiert selbst unter widrigen Zeitverhältnissen. So formuliert er von hier aus lesenswerte Innenansichten des Dritten Reichs, vergleicht dann, wieder inkorrekt, den Typ des fanatischen Jungnationalsozialisten mit APO-Rabauken. Nebels autobiographische Aufzeichnungen rekonstruieren die Perioden seines Lebens, die seiner Autorschaft vorangingen, zeigen also, „wie einer zu dem wird, was er ist“, nämlich: philosophischer Essayist und Mythograph. Sie komplettieren den Eindruck seiner meisterlichen Aufsätze und eignen sich ebenso gut zur Einführung. Dankenswert sind Chronik und Bibliographie im Anhang, sodann das annotierte Personenregister. Verzichtbar scheinen hingegen die Einlassungen Martin Mosebachs, der hier offenkundig kein Heimspiel bestreitet. Nebel zeugt eben am besten für sich selbst: als ein großer Autor deutscher Sprache. Gerhard Nebel: „Alles Gefühl ist leiblich“. Ein Stück Autobiographie. Herausgegeben von Nicolai Riedel. Mit einem Essay von Martin Mosebach. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 2003, 263 Seiten, 18 Euro. Gerhard Nebel (um 1955): Suche nach den aufhaltenden Mächten

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