Traumwandler der Romantik

Eduard Mörike sei der „schwäbische Goethe“, meinte vor hundert Jahren Harry Maync, sein wichtigster Biograph. Mörike, ein „Olympier“ der idealistischen Ära also? Überragend, mit leuchtender Aura, großer Geste und freiem Blick? Man denke an Stielers Goethe-Bildnis oder die Schillerplastik von Dannecker: Chiffren eines schöpferischen Reichtums der Geister in der deutschen „Kunstperiode“. Stellen wir doch Mörikes Bild daneben, zumal die Jahresausstellung 2004 des Deutschen Literaturarchivs eine ganze Abteilung mit Porträts des schwäbischen Poeten bestückt hat: Zeichnungen, Scherenschnitte, „Daguerrotypen“. Wir stehen vor dem Konterfei des Theologiestudenten (1824): Sanft wellen sich lockige Haare, versonnen blicken die Augen, weich die Linie des Mundes, artig gefaßt selbst der Schillerkragen. Harmonischer Eindruck einer liebenswerten Figur, von Eichendorff erdacht. Komisch-skurril dann der Scherenschnitt um 1850: Mörike „spitzweghaft“ en profil, mit Zylinder und Regenschirm, dazu – wie eine Sternschnuppe oder Eisblume am winterlichen Fenster – links unten: ein kleines Reh. Nun die späten Fotos – der vergrämte Leidenszug: runde Stirn, Kartoffel-nase, hängender Mund, amorphes Kinn, die weichen, schlaffen Züge eine „unschuldige Hypertrophie des Empfindens bei vollkommener Abwesenheit des Ideenhaften“, so Holthusen. Nein, das entspricht den Weimarern nicht. Passen muß der Schwabe gerade in dem, was Klassiker und Romantiker wesentlich ausmacht. Die große „Persönlichkeit“, die einzigartige „Natur“, die Herder, Goethe, Schiller, Tieck zu Vorbildern des bürgerlichen Zeitalters macht, und die geistige Universalität, im persönlichen Bildungsgang die Welt aufzunehmen, eine Totalität zu gestalten, waren Mörike versagt. Er hingegen: ein Spießbürger im Biedermeier, Provinzpflaume, in intellektuellen Dingen ganz unselbständig; Mörikes Bildung ist drittklassig, die Perioden seines Jahrhunderts durchlebt er äußerlich, verfehlt sie gerade als geistige Epochen: ihn interessieren nicht die philosophischen Debatten, nicht der Aufschwung der Kulturwissenschaften, nicht die theologischen Zwiste, nicht die Politisierung im Vormärz, noch die Sehnsucht nach staatlicher Einigung, die er 1871 miterleben sollte. In all dem nun kein bewußtes „Zeitablehnungsgenie“ (Heine), sondern einfach Begriffsstutzigkeit, eine „gewissen Blödigkeit“, wie man damals sagte. Galaxienweit entfernt Zeitgenossen wie Joseph Görres, Haupt der Münchner Romantik, der seit der Revolution von 1789 jede Epoche nicht bloß intensiv erlebt, sondern maßgeblich mitgestaltet hat: ein Intellektueller, der sich den säkularen Herausforderungen stellt, dann freilich über sie hinaus strebt, den Anspruch des Ewigen donnernd in die Welt hineinzurufen. Dagegen Pastor Mörike: piepsig, murkelig, verdruckt, zerknittert, eine schattenhafte Figur ohne Schmiß, wenig konturiert, verschwindend fast vor älteren Kollegen wie Bengel und Oettinger, den tiefschürfenden Pietisten und genialen Theologen, die in ihren Landpfarren wie ein kosmisches Ereignis meteorhaft wirkten als Weltgeist, den nichts bindet. Diesem hingen auch Mörikes Freunde an, die Hegelianer David Strauß und Theodor Vischer. Sie drängten den Freund, aus seinen literarischen Kleinformaten herauszutreten. „Ich möchte so gern ein Drama von Dir! Oder etwas umfassend Episches, was die Welt so hinreißt durch weltbeherrschende Ideen aus der sittlichen Welt! Ich möchte Dich bitten, einen großen historischen Stoff zu behandeln!“ (Vischer). Es verschlägt den Atem, die Wirklichkeit springt Mörike konnte den sein Talent verkennenden Bitten nicht entsprechen – weder großen Ideen noch welthaltigen Stoffen, er blieb den kleinen Formen und unscheinbaren Motiven treu, mit denen er gleichwohl ins Schwarze traf. Bezeichnend, daß er – als Autor! – beim Predigt- und Zeitungsschreiben scheiterte, indes ihm die herrlichsten Verse glückten. Das zeigt: Mörike war schwach als diskursiver Verstand; Argumentation, Urteilsbildung, Problemanalyse waren nicht seine Stärke. Selbst seine Äußerungen zur Kunst bieten nur flaue Platitüden. Stifter vergleichbar, läßt Mörike sich nicht den beiden großen Fraktionen um 1850 zuordnen: nicht den revolutionären Jungdeutschen, Heine, Börne, Marx, noch den idealistischen Spätromantikern Görres, Schlegel, Schelling; auch steht er fern dem humanistischen Bildungsraum, wie ihn Jacob Burckhardt verkörpert. Sein Leitstern bleibt das „sanfte Gesetz“, der stille Winkel, das private Refugium. Seine Stoffe sind Sagen („Stuttgarter Hutzelmännlein“) oder Genrethemen wie in der Versidylle vom „Alten Turmhahn“, wo der Dorfpfarrer nachts über seiner Sonntagspredigt grübelt. Der Idylliker Mörike – so ging er ins allgemeine Gedächtnis ein. Idyllisch seine Existenz, idyllisch seine Themen, idyllisch die Form seiner lyrischen Distichen oder die Verserzählung in Hexametern, „Idylle vom Bodensee“. Mörike – ein „harmloses Gemüt“; seine Poesie – von regionaler Bedeutung? Dem Klischee von der Provinznulpe trat das „dämonische“ Geraune späterer Germanisten, so Benno von Wiese (1950), gegenüber. Beide wenig intelligent, verkürzten und verkitschten den Autor. Vielmehr gilt es, Mörikes Duplizität zu erkennen: äußere Unauffälligkeit, vermeintliche Schlichtheit verbinden sich mit subtiler Spracharbeit und raffinierter Artistik. So schemenhaft Mörike als äußerer Charakter wirkt, so tritt er als absoluter Lyriker sofort ins Zentrum, ist gleich am Ziel. Der Leser schlägt ein Gedicht auf – es verschlägt ihm den Atem, die Wirklichkeit springt. In seiner Poesie braucht der Autor keinen Anschub, alles Vorläufige, Unklare fällt ab, ohne zu suchen findet er pfeilgrad zum Ausdruck. Der Leser spürt: Es kann nicht anders sein, so hat es je geheißen, Mörike deckt nur auf, was existiert, was schon vollbracht war. Einzigartige Wendungen fallen ihm ein: „Lilienverwandte“ und „wieder aufgerichtet, besonnte Felsen, alte Wolkenstühle!“ Diese beschwören die Landschaft beim „Besuch in Urach“, komponiert aus zwölf Stanzen in achtteiligen Strophen, so meisterhaft wie Goethe in seinen „Urworten Orphisch“. Dagegen die freien Rhythmen der „Äolsharfe“: „Angelehnt an die Efeuwand/Dieser alten Terrasse,/Du, einer luftgebornen Muse/Geheimnisvolles Saitenspiel;/Fang an,/Fange wieder an/Deine melodische Klage!“ Die Beispiele signalisieren die formsichere Spannweite seiner Muster: antike Metren und Strophen, romanische Formen wie Stanze und Sonett, Versepen und freie Rhythmen. Immer aber fügt er die Worte in traumwandlerischer Sicherheit, mit innerem Takt, verfehlt nie die gleichsam vorbestimmte Stelle. So ist der schmalbrüstige „Intellektuelle“ Mörike als Poet immer schon im Wesen der Sprache, im Haus des Seins, gerechtfertigt als Künstler und Mensch. Dieser wurde am 8. September 1804 in Ludwigsburg als siebtes Kind einer gutbürgerlichen Familie geboren; der Vater ein bedeutender Arzt. Zum Theologen bestimmt, durchläuft er das „niedere Seminar“ in Urach, den traditionellen Bildungsweg des geistlichen Nachwuchses. Es folgt das Tübinger Stift, wo 30 Jahre zuvor das legendäre Kleeblatt Hegel, Hölderlin und Schelling Freundschaft geschlossen hatte. Nach dem Examen 1826 tingelt er acht Jahre als Vikar durch der Provinz, bis er endlich 1934 eine eigene Pfarrstelle in Cleversulzbach erhält. Freundschaftliche Kontakte ergeben sich zu Justinus Kerner in Weinsberg, dessen Haus der Treffpunkt der schwäbischen Dichterschule ist (Kerner, Uhland, Schwab, Mörike, Hermann Kurz, Lenau, Hauff). Nach vielen Verdrießlichkeiten und Hypochondrien nimmt er 1843 seinen Abschied und läßt sich mit 39 Jahren pensionieren. In Mergentheim, dem nächsten Aufenthalt, lernt er Margarethe Speeth kennen. Beide heiraten 1851 und ziehen nach Stuttgart, wo Mörike Lehrbeauftragter für Literaturunterricht an einem Mädchenpensionat wird. So schleppen sich die Jahre hin in einer ménage à trois, Mörike, Schwester, Grete. 1873 trennt man sich, doch kehrt Grete im Mai 1875 zu ihrem todkranken Mann zurück; beide versöhnen sich. Mörike verstirbt am 6. Juni. Als Poet ist Mörike immer schon im Haus des Seins Die derzeit im Schiller-Nationalmuseum gezeigte Retrospektive „Mörike und die Künste“ (Katalog mit CD, 458 Seiten, 30 Euro), die mit keinem überzeugenden Konzept aufwartet und es vor allem an systematischem Ordnungswillen fehlen läßt, kippt hoch selektiv eine Datenflut über Besucher und Katalogleser, zum Großteil nichtige Informationen, die die assoziativ anmutenden Verweisungsketten durchspielen. Verräterisch das Stichwort „Wiederspiegelungen“, das uns verdeutlicht, wie sehr konstruktivistische Sprachspiele auch seriöse Museumsleute kapern. Beim Blättern im Katalog packt einen die Wut, zu sehen, wie die Wissensinflation mitbedient wird. Ausufernde Analysen von fotografischen Schnappschüssen, das ganze viertklassige Personal des Stuttgarter Musiklebens von 1840 werden uns zugemutet oder die seitenlangen Notizen Mörikes zu den Öffnungszeiten der Staatsgalerie, nirgendwo jedoch das Thema systematisch untersucht und strukturiert dargestellt. Der dionysische Tanz der Einzelheiten provoziert einen Informationsbrei, der wie im bösen Märchen kocht, ohne innezuhalten, uns zudeckt, statt zur Erkenntnis zu befreien. Bild: Eduard Mörike (1824): Sein Jahrhundert durchlebt er äußerlich, verfehlt seine geistigen Epochen Die Mörike-.Ausstellung im Schiller-Nationalmuseum in Marbach ist bis zum 31. Oktober täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Internet: www.dla-marbach.de

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