Stacheldraht-Dramen

Detlef Bieseke, Jahrgang 1915, Doyen der Berliner Journalisten, hat die Verarbeitung seiner Kriegsgefangenenjahre mit dem unlängst erschienen Band „Tödliche Obhut – Ein kanadisches Requiem“ abgeschlossen. Den Anfang hatte „Gefangen auf vier Kontinenten“ gemacht, in dem der Weg des jungen Journalisten, der als „Wüstenfuchs“ in Nordafrika in Gefangenschaft geraten war, bis nach Kanada nachgezeichnet wurde. Mit „Tödliche Obhut“ erklimmt der Autor ohne Zweifel den Höhepunkt seines literarischen Werdeganges. War er im ersten Teil seiner Kriegserinnerungen noch Reporter, leuchten in der Darstellung seiner kanadischen Jahre immer wieder weltanschauliche und allgemein-menschliche Betrachtungen durch den Lager-Alltag, durch die Monate als Holzfäller in den kanadischen Wäldern, schließlich als Redakteur eines Nachrichtendienstes für Kriegsgefangene. Und – man staune, wenn man diese Memoiren mit der anderer Kriegsgefangenschaften vergleicht – durch die Freuden und Schwierigkeiten eines von den kanadischen Behörden zugelassenen Fernstudiums in Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Was zutiefst beeindruckt: hinter den Beschreibungen und Betrachtungen des „Richard“ (so das Pseudonym, hinter dem sich der Autor versteckt) entdeckt der Leser nicht nur den heimatbetrauernden Soldaten, nicht nur den kultivierten Literaten, sondern auch ein großes Herz, das nicht aufhört für seine Mitmenschen zu schlagen – auch hinter dem Stacheldraht des Lagers. Die Porträts, die er von seinen Mitgefangenen zeichnet, strahlen eine von seltener Sensibilität genährte Menschlichkeit aus. Ein traumatisches Erlebnis begleitet den Autor durch seine Lagerjahre. Er wurde Zeuge, wie ein Kamerad aus vermeintlich ideologischen Gründen von den das Lagerleben kontrollierenden NS-Handlangern in Camp Medicine Hat gemobbt und gelyncht wird. Angeblich wollte eine Gruppe ehemaliger Fremdenlegionäre, die dann in der Wehrmacht gedient hatten, die „Macht“ im Lager den ungeläuterten NS-Anhängern entreißen. Das letzte Drittel des Buches ist einer Dokumentation (erstellt aus Berichten der örtlichen Presse, die der Autor mit Hilfe kanadischer Kollegen aus Archivbeständen beziehen konnte) der Gerichtsverfahren gewidmet, die von den kanadischen Behörden mit großer Fairneß angestrengt wurden und mit vier Todesurteilen wegen Mordes endeten, die dann auch vollstreckt wurden. Mit seiner empfehlenswerten Dokumentation bietet Detlef Bieseke bisher einmalige Einblicke in der Kriegsgefangenenliteratur. Auch als Stoff für ein Filmdrehbuch würde sich „Tödliche Obhut“ gut eignen. Detlev Bieseke: Tödliche Obhut – Ein kanadisches Requiem. Oberbaum Verlag, Berlin 2003, 300 Seiten, gebunden, 29,65 Euro

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