Schöne Grüße an den Rest der Welt

Die abenteuerlichen Zahlenspielereien, die Michael Moore anstellt, um vorzurechnen, daß in Wirklichkeit nur eine verschwindende Minderheit – ja, eigentlich so gut wie niemand – für George W. Bush gestimmt hat, sollen vornehmlich seine Landsleute über den Schock vom 2. November hinwegtrösten ( www.michaelmoore.com ): Nicht nur sei Bushs Sieg „der knappste Wahlausgang für einen amtierenden Präsidenten seit Woodrow Wilson 1916“ gewesen, seine Wählerschaft bestehe zu 88 Prozent aus Weißen, die in naher Zukunft sowieso in der Unterzahl sein würden. Und schließlich habe Herausforderer John Kerry als „ausgesprochener Liberaler“ mehr Stimmen errungen als seinerzeit Ronald Reagan, George Bush der Ältere oder Bill Clinton bei ihren Wahlsiegen! Moores Gleichgesinnten gibt die Internetseite www.sorryeverybody.com Gelegenheit, sich bei der ganzen Welt für den Wahlausgang zu entschuldigen. In einer Fotogalerie, die so unschön wie hoffentlich unbeabsichtigt an Geiselvideos aus dem Irak erinnert – Amateuraufnahmen beklommen dreinblickender Frauen, Männer und Kinder, die handgemalte Schrifttafeln hochhalten -, stellen 6.189 zumeist junge Reuige, darunter zwei Pandabären („Sorry, World, ich war gerade beim Bambus-Essen und hab‘ vergessen zu wählen“ – „Nicht unsere Schuld. Schmeckt echt lecker“), ihren Verdruß zur Schau. Handelte es sich um Deutsche, man käme kaum umhin, ihnen Betroffenheit zu attestieren. Wer derartige Abbitten überhaupt für notwendig erachtet, hätte sie sicherlich lieber aus dem Munde der tatsächlich Schuldigen, der 60 Millionen Bush-Wähler nämlich, vernommen. Doch heutzutage nimmt man halt, was man kriegen kann, und so erweist der Rest der Welt seine Dankbarkeit mit Beileidsbekundungen, internationaler Solidarität von Taiwan bis Rußland sowie Asylangeboten aus Kanada („Unsere Grenze bleibt offen“) und von „österreichischen Marathonläufern“. Etwas schwerer tut sich eine im gehobenen WG-Stil auf einem Sofa posierende Gruppe Europäer – Spanierin, Österreicher, Französin, Italienerin, Deutscher -, deren Schild die mahnende Botschaft ziert: „Dieses Mal verzeihen wir euch, aber macht so was nicht nochmal!“ Und wem’s so richtig leid tut, der kann auf derselben Seite spenden, T-Shirts kaufen oder sein Auto einer wohltätigen Organisation stiften.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles