Retourkutsche gegen Manieren

Hat der äthiopische Prinz und Kaiserneffe Asfa-Wossen Asserate seinen Beststeller „Manieren“ nun wirklich selbst geschrieben? Oder hat ihn sein Freund, der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach, verfaßt? Oder haben die beiden zusammen das Buch geschrieben, oder hat es Asserate geschrieben, und Mosebach hat es nur „redigiert“? Oder ist das Ganze schlicht ein „Fake“, ein literarischer Scherz des Frankfurter Eichborn Verlags, genauer: seiner „Anderen Bibliothek“, wo die „Manieren“ erschienen sind, herausgegeben und verantwortet von Hans Magnus Enzensberger? Das sind so Fragen, die die literarischen Gemüter in Wallung bringen, seitdem letzte Woche irgend etwas (niemand weiß genau, was wirklich) „durchgesickert“ ist. Enzensbergers „Andere“ liegt zur Zeit im Visier linker PC-Aufseher, weil voriges Jahr dort auch der anonyme, den Leser aufwühlende Report einer Frau neu aufgelegt wurde, die 1945 bei der Eroberung Berlins Opfer sowjetischer Massenvergewaltigungen geworden war. Die PC-Wächter bezweifelten aus durchsichtigen politischen Gründen die Authentizität des Berichts – und finden nun in der „Affäre Asserate-Mosebach-Enzensberger“ willkommenen Anlaß, die Seriosität der Enzensbergerschen Verlagstätigkeit insgesamt mit Fragezeichen zu versehen. Die neue „Affäre“ gibt freilich kaum politischen Honig her, denn es geht bei den „Manieren“ ja nicht, wie im Falle der „Anonyma“, um Fakten der „historischen Aufarbeitung“, sondern lediglich um mehr oder weniger prinzliche Meinungen über den Wert guten Benehmens und den Rang, den es zur Zeit in unserer Gesellschaft einnimmt. Kann man überhaupt etwas Negatives an der „Affäre“ finden? Ist es nicht vollständig gleichgültig, wer was geschrieben hat, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um vorsätzliches Plagiat oder um Honorarberaubung? Der letzte große bekanntgewordene Fall von Honorarberaubung war der der berüchtigten Wallraffschen „Enthüllungsbücher“, die zwar nichts taugten und nichts enthüllten, dafür aber kielgenau im Zeitgeist lagen und Millionen Mark einbrachten, die der angebliche Autor Wallraff dann nicht mit den wirklichen Autoren teilen wollte. Die wirklichen Autoren begehrten auf, brachten den Fall an die Öffentlichkeit, und so flog der ganze Schwindel auf. An sich ist der Beruf des „Ghostwriters“ hoch achtbar und längst allgemein akzeptiert. Sogenannte Stars und Promis, die nicht schreiben können, andererseits aber unbedingt ihre Memoiren unter die Leute bringen wollen, halten sich ganz offiziell „Ghostwriter“, mit denen vorher abgemacht wird, wieviel Anteil an Honorar bzw. Tantiemen sie bekommen sollen. Juristisch sind solche Fälle klar: Der Promi steht für die „Tatsachen“ und die Meinungen gerade, die mitgeteilt werden, der „Ghostwriter“ allein für den Stil. Bei der Vergabe eventueller Verfilmungsrechte geht der „Ghostwriter“ in der Regel leer aus. Außerdem gibt es neuerdings eine mittlerweile schon riesige und immer mehr expandierende Memoiren-Industrie, weil unzählige Mitbürger den Drang verspüren, die Stationen ihres Erdengangs nicht nur auf Amateurfilmen, sondern auch auf Papier und in einigermaßen geordneter Redeweise zu verewigen. Ganze Schreiber-Agenturen sind entstanden, die Hilfe beim Abfassen von Memoiren anbieten. Einige Schreiber hören sich die Erzählungen auch auf eigene Kappe an, gehen dann hin und machen aus dem Gehörten „Fiktion“, Romane und Novellen, die aber so durchschaubar „authentisch“ sind, daß die Opfer sich darin wiedererkennen und wegen verletzter Ehre und Intimsphäre vor den Kadi ziehen. Keiner der geschilderten Fälle trifft, soweit man sehen kann, auf die „Affäre Asserate-Mosebach-Enzensberger“ zu. Die beteiligten Protagonisten sind unbezweifelbare Gentlemen und werden sich wegen anfallender Großtantiemen (das Buch ist, wie gesagt, ein Bestseller) gewiß nicht in die Haare geraten. Dagegen spräche ja allein schon der Gegenstand des Buches, eben die guten Manieren. Es wäre geradezu monströs und natürlich tief deprimierend, wenn gute Manieren ausgerechnet anläßlich eines Buches über gute Manieren in die Binsen gingen. Schlüsselfigur der „Affäre“ ist Martin Mosebach, bekanntermaßen ein äußerst einfallsreicher und witziger Herr, von dem man sich ohne weiteres vorstellen kann, daß er den befreundeten Prinzen überreden konnte, sich als mondänes Sprachrohr eigener, Mosebachscher, Bauchrednerei zur Verfügung zu stellen. Jedermann sieht ja sofort: Ein Buch über gute Manieren in Deutschland aus der Feder eines deutschen Schriftstellers, und sei er noch so gut und prominent, hätte allerhöchstens halbe Chancen im Vergleich zu einem ähnlichen Buch aus der Feder eines waschechten ausländischen Prinzen. Und die Aufgipfelung: Es handelt sich nicht um irgendeinen Prinzen, sondern um ein feenhaftes Prachtexemplar aus dem fernen Äthiopien, einen wahren Weisen des Morgenlands, einen leibhaftigen Kaiserneffen von jenem urchristlichen Rand Afrikas, der in seinen besten Zeiten nicht nur für das stand, was sich unter den Augen Gottes gleichsam von selbst verstehen sollte, sondern der auch immer von Geheimnis und Rätsel umwittert war, in dem sich die Hieroglyphen Ägyptens, die Tempelschätze Salomos und die unvergleichlichen Weihrauchdüfte und Myrrhen der Königin von Saba auf eigentümliche Weise um christliche Grundwahrheiten gruppierten. Die Rechnung, wenn es denn eine war, ist voll aufgegangen. Der deutsche Leser der prinzlichen Überzeugungen und Ratschläge fühlt sich ungeheuer geschmeichelt, die Lektüre geht ihm ein wie allerteuerstes Olivenöl, und daß der Märchenprinz ganz und gar zum Anfassen ist, im Fernsehen und auf Lesereisen auftritt und ein höchst gutmütiges und respektheischendes Verhältnis zum deutschen Normalbürger zu erkennen gibt, steigert die Freude noch. Schon lange hat es kein so erquickliches und ungetrübtes Literaturereignis mehr gegeben wie das Erscheinen der „Manieren“ von Prinz Asfa-Wossen Asserate. Wer es uns auch zubereitet haben mag, Mosebach, Enzensberger, der Prinz selbst oder alle zwei bzw. drei zusammen – es ist ganz unwichtig. Die Frage nach dem Autor und nach der Authentizität löst sich hier auf in lauter Wohlgefallen. Das Buch ist nützlich, auf handfeste Weise für den Alltag verwertbar, und es ist anmutig, gut geschrieben und hintergründig augenzwinkernd. Mehr kann man heute von einem Bestseller nicht verlangen.

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