Register des Erinnerns

Im Frühjahr stellte der Leipziger Forum-Verlag im Rahmen einer Podiumsdiskussion seinen Sammelband „Orte des Erinnerns – Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur und SBZ und DDR“ vor. Das umfassende Buch ist das Produkt einer mehrjährigen Gemeinschaftsarbeit von Opferverbänden, der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie der Bundeszentrale für politische Bildung. Im Mittelpunkt des Werkes steht eine Auflistung von 356 Museen, Gedenktafeln und -steinen, die an Ereignisse aus vier Jahrzehnten DDR erinnern: an vom NKWD Verhaftete und Ermordete; Speziallager und Haftanstalten des NKWD und des MfS, Gefängnisse mit einem hohen Anteil politischer Häftlinge; Orte, von denen Menschen wegen politischer Optionen zwangsweise ausgesiedelt wurden; vollkommen zerstörte Dörfer im sogenannten „Sperrgebiet“, an die Fluchtversuche über die innerdeutschen Grenzen und die dabei getöteten Menschen, an die Teilung Deutschlands, den 17. Juni 1953 und die friedliche Revolution von 1989/90. Der überwiegende Teil der verzeichneten Gedenkstätten wurde in den letzten vierzehn Jahren errichtet. Erinnert wird vor allem an Ereignisse in der Zeit zwischen 1945 und 1954, aber auch an die Maueröffnung und die staatliche Verschmelzung 1990. Dagegen stammen fast alle vergleichbaren Orte in Westdeutschland aus der Zeit zwischen 1953 und dem Mauerbau im August 1961. Ihre Existenz stand in nicht wenigen Fällen in den siebziger und achtziger Jahren auf dem Spiel, als Bundes- und Lokalpolitiker darin wetteiferten, alle „deutschlandpolitischen Illusionen“ nicht nur aus dem Gedächtnis zu streichen, sondern auch von den Steinen zu tilgen. Die Gliederung erfolgt geographisch geordnet nach Bundesländern. Dazu gibt es ausführliche Literaturhinweise und Standortbeschreibungen. Daneben enthält der Sammelband kurze Überblicksbeiträge wie über das sowjetische Speziallagersystem, den politischen Strafvollzug in der DDR, die Rolle des MfS in der politischen Justiz und zu Opposition und Widerstand. Wenig zweckmäßig erscheint jedoch, daß die zum Verständnis wesentlichen Grundinformationen erst am Ende des Bandes zu finden sind. Einige Passagen – etwa die zum Streit um das historische Erinnern im ehemaligen NS-Konzentrationslagers und späteren sowjetischen Speziallagers Sachsenhausen – stiften eher Verwirrung. Daß das Nachschlagewerk keinen tatsächlich „vollständigen“ Überblick über alle heutigen Gedenkorte ermöglichen kann, ist infolge der erstmaligen systematisch aufbereiteten Sammlung zwangsläufig. So sind nach Drucklegung bereits über vierzig weitere Erinnerungsstätten bekannt geworden. Für die politische und kulturelle Bildungsarbeit über das DDR-Unrecht ist der Band als Handbuch jedoch praktisch unentbehrlich. Annette Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns – Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. Forum Verlag, Leipzig 2004, gebunden, 546 Seiten, 18,60 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles