Superwahljahr

 

Panoptikum biographischer Miniaturen

Zu den spezifischen Schwierigkeiten des Publizierens gehört die Wahl des richtigen Titels. Ob nun viel oder wenig versprochen wird, im allgemeinen sollte der Leser dort eine Beschreibung dessen finden, was zwischen den Buchdeckeln auf ihn wartet. Das ist bei Werner Bräuningers Arbeit über „Hitlers Kontrahenten“ nur bedingt gelungen. Nicht, daß es keine Widersacher Hitlers gegeben hätte. Bis er vom Gefreiten zum Diktator geworden war, galt es für ihn zahlreiche Widerstände zu überwinden, innerhalb wie außerhalb der NSDAP. Wer an seine Gegner im Inneren der Partei denkt, dem werden wahrscheinlich die Namen der Strasser-Brüder einfallen, eventuell Ernst Röhm, vielleicht auch Joseph Goebbels, der Mitte der zwanziger Jahre zeitweise ausgesprochen wenig Neigung zeigte, sich einer Leitung aus München unterzuordnen. Dies alles klammert Werner Bräuninger jedoch bewußt aus, wie er dem Leser eingangs mitteilt. Was er demgegenüber darstellt, sind interessante biographische Miniaturen, die allerdings fast ausschließlich von Personen handeln, die nicht als ernsthafte Kontrahenten Hitlers bezeichnet werden können. Keiner von ihnen stellte seinen Alleinführungsanspruch in der NSDAP substantiell in Frage oder wäre auch nur theoretisch dazu in der Lage gewesen. Einige lassen gar die Basisvoraussetzung der Parteimitgliedschaft vermissen. Was die von Bräuninger ausgewählten Fallbeispiele vereint, ist eher der mehr oder weniger selbstverschuldete Umstand, in den Blickwinkel Hitlers geraten zu sein. Das konnte eine öffentliche Auseinandersetzung nach sich ziehen, wie es in der Weimarer Zeit nicht selten vorkam, als Hitler mit weitschweifigen offenen Briefen oder gleich gerichtlich gegen Gegner vorging. Einmal im Amt, verzichtete der Diktator im Gegensatz zum Parteiführer jedoch auf den Appell an die Öffentlichkeit und spielte seine Macht aus. Manche der von Bräuninger ausgewählten Kontrahenten provozierten den Zusammenstoß. Pfeffer von Salomon, der früher einmal prominente SA- und Freikorpsführer, versuchte bis in die vierziger Jahre mit deutlichen Briefen an Hitler und Göring ergebnislos Einfluß zu nehmen. Er wurde mit einer Ehrenpension abgespeist und mußte eine kurze Zeit einen KZ-Aufenthalt über sich ergehen lassen, um dann aber nicht weiter beachtet zu werden. Er starb 1968 weitgehend vergessen. Andere schätzten offenbar hauptsächlich die Folgen ihrer Handlungen nicht richtig ein, wie der katholische Gauleiter Josef Wagner, der seiner schwangeren Tochter die Heirat mit einem SS-Offizier offen wegen dessen Deutschgläubigkeit verweigerte. Auf einer Versammlung der Reichs- und Gauleiter wurde er zu seiner Überraschung von Hitler persönlich und öffentlich ausgestoßen. Wagner wurde danach ebenfalls in einem Konzentrationslager interniert und kam gegen Kriegsende unter nicht ganz geklärten Umständen zu Tode. Phasenweise liest sich das Buch wie ein Panoptikum jener obskuren Hitler-Interpretationen, die der deutsche Blätterwald auch damals bereits locker und regelmäßig produzierte. Das gilt besonders für die Weimarer Zeit. Klatsch verkaufte sich auch damals am besten, und so wurde mehrfach geschrieben, Hitler sei heimlich verlobt. Öffentliche Gegenerklärungen folgten. Aber es wurde auch behauptet, er nehme für die Partei gern französisches Geld und sei überhaupt ein Verzichtspolitiker. Gelegentlich blühten die „Mutmaßungen über Hitler“, die Philipp Fabry einmal unter diesem Titel zusammengestellt hat, bis zur Unkenntlichkeit des Objekts. In Bräuningers Text finden sich Detailaufnahmen der inneren Verhältnisse in der NSDAP. Dazu gehört der Konflikt des Historikers Ernst Anrich mit Baldur von Schirach, bei dem sich Anrich erfolglos an Hitler wandte. Er stand mit Gregor Strasser in Kontakt und wollte aus dem nationalsozialistischen Studentenbund ein Entscheidungszentrum der Partei machen. Hitler, der Intellektuellen generell mit Vorbehalt begegnete, deckte Schirach nach eigener Ansicht in dieser Sache aber „wie ein Frontschwein“. Auch Anrich erlitt also eine Niederlage, was für seine Karriere jedoch keine vernichtenden Folgen hatte. In seiner Geburtsstadt Straßburg brachte er es 1941 doch zum Dekan der neuen Reichsuniversität. Nach der Lektüre bleibt der Eindruck zwiespältig, da das Buch nicht ganz klar konzipiert ist. So fördert Bräuninger durchaus Interessantes zutage, andere Teile hätten kürzer gestaltet werden müssen. Die Kontrahenten kommen allzu ausgiebig zu Wort, und ihre Zitate erdrücken nicht selten die Ausführungen des Autors. Wer allerdings vor Zeitkolorit nicht zurückscheut und die Erwartungen trotz des Titels richtig einstellt, kann manches über die systemimmanenten Konflikte der NSDAP erfahren. Werner Bräuninger: Hitlers Kontrahenten in der NSDAP (1921-1945). Herbig Verlag, München 2004, 392 Seiten, 34,90 Euro Foto: Pfeffer von Salomon mit Hitler, 1928: Abgespeist und vergessen

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