Pankraz, V. S. Naipaul und der Untergang der Literatur

Er glaube nicht mehr an die Zukunft der Literatur, sagte der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul auf einer Buchmesse in Südamerika. Er meinte die sogenannte "Schöne Literatur", die Belletristik, die Fiktion, die Erfindung von Geschichten und auch die Meißelung von Gedichten. Erfundene Geschichten, sagte Naipaul, würden bald vollständig abgelöst von "Zaubereien", vom Herbeten immergleicher, vorgefertigter semantischer Versatzstücke, auf die das Publikum mechanisch und rituell reagiere. Als Beispiel nannte er die Harry-Potter-Geschichten. So und nicht anders sähe die Zukunft der Literatur aus, und zwar weltweit.

Melancholische Schwarzmalerei eines allzu Erfolgreichen? Wird Naipaul nicht Tag für Tag Lügen gestraft? Hat die Entwicklung der Medien nicht überall zu einer gewaltigen Zunahme der genuin literarischen Produktion geführt? Melden sich nicht jeweils Tausende bei den diversen Lyrik-Festivals, liefern nicht pro Saison weitere Tausende neue Romane ab? Lassen nicht Zehntausende ihre eigene Lebensgeschichte von professionellen Aufschreibern in erzählende Prosa verwandeln? Stöhnen die Kritiker nicht schon längst angesichts der "Überproduktion", in die sich die Verlage zu ihrem eigenen Schaden verstrickt hätten?

Nun, Überproduktion war noch nie ein Ausweis für die Haltbarkeit von Produkten, in welcher Branche auch immer. Oft genug war sie der Anfang vom Ende. Die Quantität erschlug zunächst die Qualität und ließ dann plötzlich die Maschinen stillstehen. Dem Zuwachs von Autoren folgt selten ein Zuwachs von Lesern, im Gegenteil: je mehr geschrieben wird, um so weniger wird gelesen. Das ist eine fast unumstößliche Regel.

Der Leser, von der Masse des Gebotenen überfordert, reagiert mit Abschalten, besonders wenn er merkt, daß das Gebotene zu mindestens 99 Prozent nur wenig oder nichts taugt. Einige lassen sich von Kritikern "beraten", aber das Gros richtet sich – zumal das kostensparend ist – nach bloßem Hörensagen, nach grellen Anzeigen und medialer Dauertrommelei.

Statt zur Literatur, sagt Naipaul, strömt der ehemalige Literaturkonsument, vom Dröhnen der Urwaldtrommel angezogen, zum magischen Versammlungsort, der natürlich nicht unbedingt im Urwald liegen muß, der auch in einem Literaturhaus in Hamburg oder München liegen kann.

Verstärkt wird der Zug durch den Umstand, daß der Mensch, den Überzeugungen vieler Werbestrategen zum Trotz, keineswegs zuerst dem Neuen begegnen will, sondern lieber dem Gewohnten, schon irgendwie Bekannten, eben dem "Rituellen", um in Naipauls Terminologie zu bleiben. Erkennen, lehrte ja schon Platon, ist Wiedererinnern. Man will ein Déjà vu-Erlebnis. Insofern liefern die Harry-Potter-Folgen tatsächlich das große Vorbild. Der Held absolviert eine Menge Abenteuer, doch alle diese Abenteuer tragen gewissermaßen die gleiche Uniform. Man kennt sich aus.

Wie steht es aber mit der "Zauberei", die Naipaul als Nachfolgerin der Literatur sieht? Ist Zauberei nicht Neuigkeit an sich, Einbruch des gänzlich Unerwarteten? Andererseits holen die Zauberkünstler in den Varietés immer die gleichen Kaninchen aus dem Zylinder, zersägen immer die gleichen Kisten, aus denen am Ende die "Opfer" unversehrt vors Publikum treten. Würde jemand allen Ernstes zersägt, hätte die Zauberei sofort ein Ende. Mit anderen Worten: Auch die Zauberei besteht aus Ritual und Gewohnheit, führt vom Ernstfall weg, tötet das ab, was Literatur eigentlich ausmacht.

Literatur, die ihren Namen verdient, ist nämlich genau das: Ernstfall, Ende der Zauberei, Auszug aus dem Varieté. Das gilt für alle ihre Formen, auch für Komödien, Travestien – und nicht zuletzt für jene Werke, die in sich durchaus Ritual sind, Anrufung der Götter mit heiligen, überkommenen Formeln, Versen, Reimpaaren usw. Das Rituelle in der Literatur bedient sich überkommener Formen, um in ihnen das Gewohnte und allzu Vertraute gerade aufzuheben, es gleichsam durchsichtig zu machen und mit der Durchsichtigkeit einen Hauch von Unvertrautheit zum Klingen zu bringen, das Bewußtsein zu stärken, daß Vertrautes, in dem sich zu leben lohnt, nie selbstverständlich ist, immer wieder von Grund auf vergegenwärtigt und durchschaut werden muß.

Man muß kein verbissener Kulturpessimist sein, um dieser Art von Literatur (der einzigen, wie gesagt, die den Namen verdient) im Sinne von Naipaul den Untergang vorauszusagen. Sämtliche Ampeln für sie stehen auf Rot. Selbst der gegenwärtige Massenbetrieb, das Auftrumpfen mit der Quantität, nähert sich seinem Ende. Im Zeichen der Wirtschaftskrise kalkulieren die Verlage scharf, konzentrieren sich zunehmend auf einige wenige "Erfolgstitel", die Gewinn versprechen und aussichtsreich in "Verwertungsketten" eingespeist werden können, d. h. bequem in Bilder, Fernsehfolgen, T-Shirt-Aufdrucke zu verwandeln sind.

Aber auch jenseits des Massenbetriebs, etwa bei anspruchsvollen Literaturzeitschriften, igelt man sich ein, stellt die Stacheln auf gegen Zuzügler. Scheidewege, das Sprachrohr der Max Himmelheber-Stiftung, verbittet sich im Impressum des Jahrgangs 2003/2004 die Einsendung unangeforderter Beiträge. Gegengift gar bedroht Einsender geradezu: "Die Zusendung von Manuskripten ist zwecklos und unerwünscht, sie werden nicht geprüft, sondern vernichtet. Die Redaktion weigert sich, Briefe und Anfragen zu beantworten. Zugesandte Rezensionsexemplare werden verkauft, der Erlös – wie auch eingesandte Porti – der Redaktion zur freien Verfügung gestellt."

Man will unter sich bleiben. Literatur wird mit voller Absicht zur Angelegenheit für die glücklichen Wenigen, die Bescheid wissen und ihre Kreise nicht gestört sehen wollen. Der Vorgang hat etwas Tragisches und für Literaturliebhaber höchst Bekümmerliches. Aber vielleicht ist er die einzige Möglichkeit, die Literatur doch noch zu retten.

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