Pankraz, P. H. Neumann und die ungesellige Geselligkeit

Anmutiger Abschluß des Kant-Jahrs: An der Universität Jena gibt es (anläßlich des 60. Geburtstags des Germanisten Klaus Manger) ein ausgedehntes Kolloquium zum Thema "Ungesellige Geselligkeit", mit so hübschen Themen wie "Über ‚Du‘ und ‚Sie‘ im achtzehnten Jahrhundert", "Königsberger Junggesellen und Eremiten in Griechenland", "Wallensteins Lager", "Goethe und die ‚Schöne Seele’". Der Lyriker Peter Horst Neumann fragt nach "Moderner Poesie und Geselligkeit" und liest aus eigenen Werken. Für das Salz in der Suppe sorgen Vorträge über den "Umgang mit Menschenfeinden" oder über "Die Einsamkeit des Leistungsethikers".

Für Kant, den eingefleischten Junggesellen und leidenschaftlichen Kommunikationsethiker, war das Phänomen der "ungeselligen Geselligkeit" (die Formulierung stammt von ihm) lebenslang ein Hauptgegenstand seines Nachdenkens. Der Mensch, so sah er, ist nie und nimmer "des anderen Wolf", wie Thomas Hobbes behauptet hatte, er ist aber auch kein einfaches Sozialtier, kein zóon politikón. Im Menschen lebt der Trieb zur Abgrenzung und zum Fürsichsein ebenso wie der Trieb zum Zusammenstehen und zum Gruppenbilden. Erst aus dem Zusammenspiel von beiden, der Abgrenzung und dem Gruppenbilden, entstehen Gesellschaft und Geschichte.

Das geht ganz unten los, beim sogenannten "gesellschaftlichen Verkehr", den wir miteinander pflegen – oder eben nicht pflegen. Beruf und Lebensfristung bedingen natürlich spontan soziale, fest sich einschleifende Kontakte, doch wie der einzelne darüber hinaus seinen Umgang mit anderen gestaltet, wie er mit ihnen "verkehrt", das liegt (scheinbar) ganz in seinem eigenen Willen und erzeugt eine Menge zusätzlicher Beziehungen und Umgangsformen.

Die meisten denken kaum darüber nach und fügen sich widerstandslos den diesbezüglich gerade herrschenden Konventionen. Ihr Leben ist von vornherein programmiert und formalisiert, speziell auch ihr Freizeitleben, und im Vollzug der vorgegebenen Programme und Formen finden sie Vergnügen und höchste Genugtuung. Sich da querzulegen, bringt einen leicht in den Ruf eines "ungeselligen Kauzes", eines Miesepeters, Spielverderbers, gar Menschenfeinds. Es ist gefährlich, ungesellig zu sein, kostet einen "gute Beziehungen" und damit Lebenschancen.

Andererseits ist es in erster Linie die Ungeselligkeit, die die Gesellschaft voranbringt und ihr zu neuen Aufbrüchen verhilft. "Aus der Einsamkeit quillt die Kultur", wußte schon der heilige Gregor von Nazianz. Nur aus ungeselliger Distanz läßt sich der Blick aufs Ganze gewinnen, der notwendig ist, um zu neuen Ideen vorzustoßen. Die meisten der großen Beweger in Literatur, Kunst und Weltgeschichte waren Käuze und Einzelgänger, Eigenbrötler, Waldgänger. Wer sich frenetisch dem "gesellschaftlichen Leben" überläßt, kommt vielleicht zu Reichtum und Ansehen, landet aber im geistigen Nichts.

Man darf die Einzelgängerei freilich nicht übertreiben, wenn man sich für Menschendinge und Menschenseelen interessiert und irgendwie wirkmächtig bleiben will. Insofern geriet der Kantschüler Arthur Schopenhauer auf Abwege, als er in seinen "Aphorismen zur Lebensweisheit" einen regelrechten Feldzug gegen die Geselligkeit eröffnete.

"Geselligkeit", schrieb Schopenhauer, "gehört zu den gefährlichen, ja verderblichen Neigungen, da sie uns in Kontakt bringt mit Wesen, deren große Mehrzahl moralisch schlecht und intellektuell stumpf oder verkehrt ist." Sicher, räumte er ein, Einsamkeit kann schlimmste Beklommenheit auslösen, uns in den Vorhof des Todes stoßen, wir haben eine natürliche Angst vor ihr. Wenn unsere Angst jedoch so weit geht, daß wir um ihretwillen blindlings ins sogenannte gesellschaftliche Leben flüchten, dann wird uns aus diesem immer nur das grellste Echo unserer Einsamkeit entgegenschallen. Lieber für sich mit Absicht einsam bleiben, als mitten im Gewühl routinierter Geselligkeit die tiefste Einsamkeit erfahren.

Kant hätte eine solche Alternative nicht gelten lassen. Er erfand ja gerade den Begriff der "ungeselligen Geselligkeit", um die Einsamkeit in jederlei Form abzuwehren. Man soll durchaus am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, empfahl er, doch man soll das maßvoll tun und möglichst mit einem graziösen Anflug von Ironie und Distanz. Im übrigen soll man sich an einige wenige gute Freunde und Gesprächspartner halten und fleißig die Zeitungen und die gelehrten Anzeigen studieren. So läßt sich die Ungeselligkeit aushalten und zusätzlich sogar noch allmählich das Niveau der Geselligkeit verbessern.

Gern wüßte Pankraz, was Kant über die Geselligkeit in unserer Gegenwart gesagt hätte, wo sich Zeitungen und gelehrte Anzeigen bekanntlich zum "medialen Diskurs" und zum televisionären Show-Betrieb ausgeweitet und ins schier Ungeheuerliche verbreitert haben. Die von Schopenhauer erkannten Verblödungs- und Demoralisierungskräfte, die der Geselligkeit schon immer innewohnten, sind dadurch derart stark geworden, daß wohl gänzlich neue Strategien fällig werden, um einen Standpunkt gediegener Ungeselligkeit behaupten zu können und trotzdem nicht ins totale soziale Abseits weggedrängt zu werden.

"Moderne Poesie und Geselligkeit reimen sich nicht", hat Peter Horst Neumann seinen Festvortrag auf dem Jenaer Kolloquium überschrieben. Aber inzwischen muß man sich wohl fragen, ob sich im modernen Betrieb überhaupt noch schöpferische Ungeselligkeit und routinierte mediale Geselligkeit auf einen Reim bringen lassen. Wahrscheinlich gibt es schon keine Brücken mehr zwischen den beiden Ufern. Die Ungeselligen werden immer einsamer, und die Geselligkeit wird immer blöder. Mit bloßer Lyrik ist da kaum noch etwas zu verbessern. Weiterreichende Geschütze auf seiten der Ungeselligen müssen her.

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