Pankraz, Max Raabe und der Surrealismus im Kaktus

Sehr interessant in vielerlei Hinsicht findet Pankraz den rasanten Aufstieg Max Raabes und seines "Palast Orchesters" zu den Höhen des internationalen Unterhaltungsbetriebs. Zunächst einmal ist bemerkenswert, daß hier eine exklusiv deutsch singende Truppe Dauererfolg hat und sogar in New York große Säle füllt und bejubelt wird. Ferner, daß hier ein Sänger und ein Orchester zu Riesenknüllern werden, obwohl sie total quer stehen zum üblichen Popbetrieb, sei dieser nun MTV- oder volksmusikhaft geprägt.

Max Raabe (41) singt deutsche Schlager der zwanziger und dreißiger Jahre, und er macht dabei nicht den geringsten Unterschied zwischen den angeblich "goldenen" Zwanzigern und den "düsteren" Dreißigern. Er schwelgt weder in Nostalgie noch in subkutaner Anklage, sondern sein Stil ist durch und durch ironisch, und er ist es – eine richtige Sensation -, ohne den ironisierten Liedern im geringsten Hohn anzutun. Er läßt sie genauso erklingen, wie sie einst gemeint waren, und hebt sich trotzdem unüberhörbar und unübersehbar von ihnen ab, geht über sie hinaus. Es ist fast ein Wunder.

Allein an der Könnerschaft und Professionalität, mit denen das alles dargeboten wird, kann es nicht liegen. Gewiß, Raabe hat viele Jahre Gesang studiert, ist diplomierter Baritonsänger im ernsten Fach und erfahrener (Film-)Schauspieler dazu, und auch die Mitglieder seines Palast Orchesters sind Meister in ihrem Fach. Die Leute verstehen ihr Handwerk. Aber das, was sie bieten, geht weit über perfektes Handwerk hinaus. Es ist ein Fluidum, eine Art Dämonie, was sich in ihren Auftritten entfaltet, und bisher hat sich noch jedes Publikum von diesem Fluidum einfangen lassen, ob jung oder alt, rechts oder links, weiß oder schwarz.

Ein Teil der Faszination mag aus der Exotik der Auftritte herstammen und aus dem déjà-vu-Affekt, der sich einstellt. Man singt leichteste Flattermäuse wie "Liebling, mein Herz läßt dich grüßen", "Ich hab Glück bei den stolzesten Fraun" oder "Du kleiner grüner Kaktus", artikuliert dabei aber aufs Allersorgfältigste, als ginge es um Walküre und Götterdämmerung. Man tritt in feinstem Schliff vor die Zuhörer, weiße Fliege, makelloser Frack, und im Hintergrund glitzern zeitgenössische Revue- und Varieté-Kulissen. Das Publikum sagt bei sich: "Ja, so waren sie, die Zwanziger und Dreißiger, so haben wir sie schon oft im Film gesehen."

Auch Max Raabes persönliche Erscheinung läßt sich leicht ins Wiedererkennungs-Klischee einordnen: lange, schlanke, hochnordische Erscheinung, blond und mit Flatterohren, Herr über einen Gesichtsausdruck, in dem sich bemühte Arroganz und innere Unsicherheit unvergleichlich mischen. Dazu ein Pianist, der Raabes Artikulationskünste mit geradezu hämischer Genauigkeit des Anschlags begleitet, eine Mischung aus Salonlöwe und Stummfilmkino -Klavierspieler. Die "Comedian Harmonists" würden vor Neid erbleichen.

Raabe und das Palast Orchester bieten eben mehr als perfekte Erinnerung, sie lassen eine vergangene Welt auferstehen und machen sie gleichzeitig durchsichtig, und zwar, um es zu wiederholen, ohne die geringste Denunziation oder Häme. Es ist kein Realismus, schon gar kein "kritischer Realismus", der hier geboten wird, sondern reinster Surrealismus. Die Seelen der Menschen, die sich damals harmlos amüsieren wollten, liegen in Raabes "Palast Revue" völlig nackt und bloß da, und indem wir uns, der Musik dieser Vorfahren lauschend, selbst amüsieren, leben wir mit ihnen – und leiden mit ihnen.

Es waren ja keine reichen und sorglosen Zeiten, sondern wüste, revolutionäre Zeitläufte, verlorener Krieg, Inflation, Arbeitslosigkeit, Straßenkämpfe, bitterster Streit der Ideologien und Erlösungsprogramme. Die Leute, die abends zur Revue kamen, hatten meistens dramatischsten Alltag hinter sich, und nun wollten sie sich nicht nur ablenken und erholen, sondern sie wollten auch partout an behaglichere und elegantere Epochen anknüpfen, als man sich noch an den alten Werten orientieren konnte.

Andererseits war man auch fasziniert und angezogen von der "neuen Zeit", die sich so rasant und ungebärdig zu Wort meldete. Die Programme waren noch nicht blamiert, hatten noch nicht die Fratze der Vergeblichkeit vorgezeigt, schienen noch voller Möglichkeiten. Man war abgestoßen und zugleich angezogen, ängstlich und zugleich hoffnungsvoll. Und man wollte bei alledem unbedingt gelassen und überlegen bleiben, die Fassade wahren, nicht zuletzt die eigene Wohlstandfassade. Alles war vom Feinsten, oben auf der Bühne wie auch unten im Zuschauerraum, aber es strömte schon einen Hautgout aus, den Geruch von Todesverfallenheit.

All das also drückt der unterhaltsame Surrealismus des Max Raabe und seines "Palast Orchesters" deutlich aus, macht es seinem Publikum bewußt oder zumindest unterbewußt. Dadurch wird auch eine Brücke zur Gegenwart geschlagen. Auch unsere soziale und kulturelle Gegenwart erzeugt Ängste und Ekelgefühle, nur sind im Gegensatz zu damals die Hoffnungen fast vollkommen zerstoben. Auch heute will man vielerorts und speziell im Amüsierbetrieb die Fassade wahren, so tun "als ob", als ob noch alles in Butter und bei bester Laune wäre. Und Raabe verstärkt das behagliche Unbehagen, indem er peu à peu eigene Lieder mit aktuellem Blick ins Programm einbaut, die es meistens kräftig in sich haben.

Es gibt da zum Beispiel ein Lied über den Rinderwahn, vorgetragen ganz im Stil von "Du kleiner grüner Kaktus". Oder ein Lied über die Vorteile des Klonens, gerichtet an die störrische Geliebte und im Stil von "Ich bin verrückt nach Hilde": "Verläßt du mich, dann klon ich dich, ich hab Dein Duplikat, Du selbst bleibst mir erspart …" Man darf gespannt sein, wie es mit Raabe und seiner Erfolgsgeschichte weitergeht. Es könnte ganz plötzlich ziemlich ungemütlich werden.

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