Joachim Kuhs

 

Ordo ab Chao

Wie kann das Tohuwabohu, aus dem Ordnung entstehen soll, mit musikalischen Mitteln vorgestellt werden, wenn musikalische Gestaltung von vornherein Ordnungsprinzipien erfordert, um als solche überhaupt wahrgenommen zu werden? Das Kunstmittel heißt „fuggir la cadenza“, das Fliehen der Kadenz: Von allem Anfang eines durch Paukentremolo verstärkten Orchesterschlags an schreiten die Harmonien über fallende Baßlinien von Dissonanz zu Dissonanz, erfahren Motive und Themen keine Auflösung und spannen unerwartete Modulationen den Hörer auf die Folter, wann die erlösende Tonika nun endlich käme. Ohne Form und leer der Orchestersatz, da die Baßstimme des Erzengels Raphael zum Schöpfungsbericht anhebt, geheimnisvoll schimmernd und bald aussetzend, da der gedämpft einsetzende Chor den Geist Gottes über den Wassern herbeiruft. Nur ein ganz leises Pizzicato der Streicher will auf Gottes Wort, daß es Licht werde, antworten – doch plötzlich bricht im Fortefortissimo des vollen Orchesters, durch Baßposaune und Kontrafagott verstärkt, ein C-Dur-Akkord als lang zurückgehaltene Kadenz herein, geheimer Zielpunkt aller harmonischen Entwicklung, die plötzliche Erscheinung des Lichts vorstellend. Mit diesem genialen musikalischen Coup hatte Joseph Haydn die Hörer seines Oratoriums „Die Schöpfung“ seit der Wiener Uraufführung 1798 tief gespalten. Silverstolpe berichtet, die Entzückung der elektrisierten Wiener sei so allgemein gewesen, daß das Orchester einige Minuten lang nicht fortsetzen konnte. Und noch 1808 meinte Madame de Staël, sich bei der Erscheinung des Lichts die Ohren zuhalten zu müssen. Der beispiellose Erfolg des Werks ging mit einer heftigen Debatte über seine Tonmalerei einher, die – nach Sulzer – dem wahren Geist der Musik entgegenstünde, weil sie „nicht Begriffe von leblosen Dingen geben, sondern Empfindungen des Gemüths ausdrüken“ solle. Doch bereits einige Jahrzehnte später galten Haydns unerhörte Neuerungen als veraltet, und wieder Jahrzehnte später, insbesondere nach aller Zukunftsmusik mit Gewitter und Sturm, Feuerzauber und Waldweben, galt Haydns Ausmalung der Schöpfungsgeschichte als kindlich, wenn nicht gar kindisch, die Debatte selbst als nicht mehr nachvollziehbar. Debatten ganz anderer und doch verwandter Art löste ein Wiener Cellist aus, als er mit seinem 1953 gegründeten Ensemble Concentus Musicus daran ging, Werke der sogenannten Alten Musik auf Originalinstrumenten zu probieren, auszuprobieren und neu zum Reden zu bringen: Nikolaus Harnoncourt. Heute hat sich historische Aufführungspraxis weitgehend durchgesetzt, die den Spielraum für Interpretation nicht etwa einengt, wie gelegentlich befürchtet wurde, sondern ausweitet – und das nicht nur bei den Werken der Alten. Sein fünfzigjähriges Bestehen im März 2003 beging das Concentus Musicus mit einer Aufführung von Haydns „Schöpfung“ im Wiener Musikverein (BMG/DHM 82876 58340 2). Unter Mitwirkung von Dorothea Röschmann, Sopran, Michael Schade, Tenor, Christian Gerhaher, Baß, und des Arnold Schönberg Chors gelingt ein Empfindung und Malerei versöhnender Report über diese erste und wohl spannendste Woche der Weltgeschichte. Und wie sie unsere Augen in Christine Schweitzers kongenialer Hüllengestaltung staunend erschauen, so folgen wir Harnoncourts Darstellung nach seinem Vorschlag „gespannt und gerührt, aufgeregt, mit roten Ohren“. Bis ein Amen die Erzählung beschließt, ganz einfach, wie ein Komma, als solle um Gottes willen die Wirkung eines Ausrufungszeichens oder auch nur eines Punktes vermieden werden, denn die Geschichte geht ja weiter – der Sündenfall kommt erst noch.

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