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Mit Lamadung geschmolzen

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Doch es war wohl vor allem der erste Teil des Goethewortes, den die Veranstalter der Ausstellung „InkaGold“ im Sinn gehabt haben dürften, als sie sich entschlossen, das Gold der Inkas und deren Vorgängerkulturen zu präsentieren. Im stimmungsvollen Ambiente des Weltkulturerbes Völklinger Hütte kann ein solches Unterfangen nur gelingen – sollte man glauben. Die Voraussetzungen dafür sind freilich gegeben: 120 Exponate aus dem peruanischen Larco-Museum, dazu 50 Stücke des Linden-Museums Stuttgart, die sämtlich durch ihren Prunk und ihre Einzigartigkeit faszinieren. Nach der vom Publikum begeistert aufgenommenen Ausstellung „Maschine Mensch“ um das Multitalent Leonardo da Vinci und der eher mäßig besuchten Schau „GameArt“ setzten die Völklinger Aussteller um Meinrad Maria Grewenig wieder auf Erfolg. Doch leider muß der Besucher bald einsehen, daß da nicht alles Gold ist, was glänzt. Allzu lieblos wird das einzigartige Material präsentiert, mehr auf Effekt statt auf Wissensvermittlung gesetzt. Wer mehr als nur die materiellen Hinterlassenschaften dieser untergegangenen Kulturen sucht, wird weitgehend alleingelassen. Nach einem stimmungsvollen, aber nicht mehr als Gemeinplätze vermittelnden Einführungsfilm durchläuft der Besucher eine Multimediainstallation, die ihn auf den Rundgang einstimmen soll. Das auf einer Videoleinwand über die Köpfe brausende Meerwasser soll die Assoziation einer Seefahrt wecken. Anschließend sieht sich der Gast einigen Fernsehmonitoren gegenüber, die in Endlosschleife eine Kamerafahrt durch den Regenwald zeigen. Das Bild eines Andenberges, umrahmt von den Geräuschen von Kondor und Wind, beschließt diesen Übergang. An dieser Stelle hat man bereits die erste museumsdidaktische Hürde gemeistert: den Weg der spanischen Eroberer, vom Meer kommend, sich durch den Urwald schlagend, die Anden bezwingend. Warum die Ausstellung mit den Ereignissen des 16. Jahrhunderts anfängt, wird freilich nicht erklärt, denn nach der beschwerlichen Passage folgt nicht etwa das Gold der Inkas, welches Pizarro und seine Männer suchten, sondern das ihrer frühesten Vorfahren: der Cupisnique-Kultur, die vor etwa dreitausend Jahren Teile des südamerikanischen Kontinentes prägte. Nun beginnt der eigentliche Rundgang durch die Ausstellung, und nun erst kann man sich auf die Schätze dieser untergegangenen Völker einlassen. Die Südamerikaner waren Experten der Goldverarbeitung, und bei den meisten Exponaten handelt es sich um goldene Masken, wertvolle Pektorale und Königskronen. Überdies finden sich zahlreiche Geräte des Kultdienstes, so beispielsweise ein Opferkelch aus der vor 1.500 Jahren untergegangenen Moche-Kultur. Der Kelch diente dazu, das Blut von Opfertieren oder Menschen aufzufangen, um es im Kreis der obersten Priester zu trinken. Auf diese Weise sollte die Vitalität und Fruchtbarkeit der Krieger, die bei rituellen Zweikämpfen unterlagen und deshalb geopfert wurden, auf die Priester übertragen werden. Der tödliche Schnitt wurde mit dem Opfermesser, dem Tumi, vollzogen. Dieses Messer findet sich auch auf einer goldenen Scheibe, welche einst ein hochrangiger Priesterfürst auf der Brust trug. Auf ihr ist der sogenannte „Enthaupter“ abgebildet: in einer Hand trägt er das Tumi, in der anderen den Kopf eines Geopferten. Das handwerkliche Können dieser frühen Kulturen schien grenzenlos zu sein, dabei waren die Metalle Gold und Silber nicht nur Material, sondern zugleich auch Symbol für Sonne und Männlichkeit einerseits sowie Mond und Weiblichkeit andererseits. Der Grund für die bevorzugte Verwendung des Goldes ist einfach: Die für das Schmelzen des Edelmetalles notwendigen 1064 Grad Celsius konnten mit den einfachen Schmelzöfen, die mit Holzkohle und dem getrockneten Dung von Lamas beheizt wurden, gerade noch erreicht werden. Somit wurde Gold zum Ersatz für das schwieriger zu schmelzende Eisen und dementsprechend häufig verwendet. Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung sind Tongefäße mit erotischen Motiven. Hier zeigt sich die Andersartigkeit der südamerikanischen Kultur auf besonders anschauliche Weise: Figürliche Darstellungen eines onanierenden Toten oder eines Liebesaktes zwischen einer Lebenden und einem Verstorbenen sind Dinge, die dem christlich geprägten Europäer völlig fremd sind. Diese Tongefäße wurden ausschließlich in Gräbern als Beigaben gefunden und sind somit auch ein Hinweis auf die damaligen Jenseitsvorstellungen. Es dauert eine gewisse Zeit, bis dem Besucher klar wird, daß ihm hier nicht das Gold der Inkas gezeigt werden soll. Es geht vielmehr darum, den Entwicklungsgang mehrerer südamerikanischer Kulturen mit ihren je eigenen Besonderheiten anhand ausgewählter Exponate darzustellen. Innerhalb dieser Zeitreise kommen freilich auch die Inkas zu ihrem Recht, wenngleich sie lediglich einen verhältnismäßig kleinen Teil der Schau ausmachen. Die Inkas unterwarfen um 1200 zahlreiche Stämme und breiteten sich rasch aus. Schon bald bildeten sie einen gut organisierten Staat mit Wegenetz und Beamten. Doch die Blüte währte nur kurz, 1532 unterwarf der spanische Eroberer Francisco Pizarro das Inkareich. In den folgenden Jahren wurden etwa 180 Tonnen Gold und fast zehnmal soviel Silber nach Europa verschifft. Doch das von den Spaniern begehrte Gold brachte kein Glück: Die Mengen an Edelmetall lösten eine Entwertung des europäischen Geldes aus, so daß Europa mit seiner ersten Inflation zu kämpfen hatte. Trotz der Einzigartigkeit der gezeigten Exponate läßt die Ausstellung den Besucher ratlos zurück; denn leider hat man in Völklingen die Gelegenheit nicht genutzt, tiefere Einblicke in die Besonderheiten dieser untergegangenen Welt zu gewähren. Auf diese Weise bleibt die eminente Bedeutung der Priesterkaste ebenso im Dunkel wie die Gründe für die zahlreich durchgeführten Opferungen. Daß die Inkas ein auf Knotenschnüre gestütztes System der Informationsübermittlung benutzten und bis zu ihrem Ende keine Schrift kannten, wird genauso am Rande erwähnt wie die Bedeutung der Todesart für das mehrstufig gedachte Jenseits. Die Tatsachen, daß die Inkas bereits mit der Zahl Null rechneten, aber die großen Entfernungen des südamerikanischen Kontinents überwanden, ohne das Rad erfunden zu haben, werden in ihrer Bedeutung nicht vermittelt. Mit etwas mehr Aufwand hätte dem Besucher ein buntes und faszinierendes Bild einer untergegangenen Kultur gezeichnet werden können. Doch ohne das zum Verständnis des damaligen Alltags nötige Hintergrundwissen bleiben die Exponate bloße Gegenstände in Vitrinen, ausgestellt lediglich, um bestaunt zu werden. Foto: Goldmaske eines Gottkönigs: Das Metall war mehr als nur Material, Diadem eines Priesterfürsten: Am Golde hängt doch alles Die Ausstellung „InkaGold. 3000 Jahre Hochkulturen. Meisterwerke aus dem Larco Museum Peru“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte kann bis zum 28. November besucht werden. Die Schau ist bis zum 1. November täglich von 10 bis 19 Uhr, danach bis 18 Uhr geöffnet. Der Ausstellungskatalog kostet 19,90 Euro. Internet: www.voelklinger-huette.org .

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