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Mehr als dreitausend Seiten gegen das Vergessen

Arno Surminski ist neben dem 1926 in Lyck/Masuren geborenen Siegfried Lenz der bedeutendste Schriftsteller Ostpreußens in der Gegenwart. Nach dem Tod Ernst Wiecherts 1950, Agnes Miegels 1964 und Johannes Bobrowskis 1965 ist er der einzige Autor, dessen literarisches Werk fast ausschließlich ein Thema umkreist: den Untergang Ostpreußens 1945. Während aber Hans Graf von Lehndorff in seinem „Ostpreußischen Tagebuch“ (1961), Marion Gräfin von Dönhoff in ihren Aufzeichnungen „Namen, die keiner mehr nennt“ (1962) und Siegfried Lenz in seinem Roman „Heimatmuseum“ (1978) das Thema „Flucht und Vertreibung“ in jeweils nur einem Buch abhandeln, legte Arno Surminski zwischen 1974 und 1980 eine Romantrilogie vor, deren erster Band „Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?“ (1974) beträchtliches Aufsehen erregte und die zweite Phase der literarischen Aufarbeitung des Jahrhundertthemas eröffnete. Geboren wurde der ostpreußische Autor am 20. August 1934 als Sohn eines Schneiders in Jäglack bei Rastenburg. Beim Einmarsch der Roten Armee wurden seine Eltern, die die am 26. Januar 1945 begonnene Flucht abgebrochen hatten und am 8./9. Februar in ihr Heimatdorf zurückgekehrt waren, verschleppt und kamen am 16. Juni und 2. Oktober 1945 in sowjetrussischen Straflagern ums Leben. Der damals zehnjährige Sohn überlebte als Waisenkind, kam im Dezember 1945 mit einem Aussiedlertransport in die Sowjetische Besatzungszone, wo er im Flüchtlingslager Eisenberg bei Jena untergebracht wurde. Von dort fuhr er 1947 nach Trittau in Schleswig-Hol-stein, wo er die Schule besuchte und zum Rechtsanwaltsgehilfen ausgebildet wurde. Im Alter von 21 Jahren wanderte er 1955 nach Kanada aus und arbeitete dort als Holzfäller, ehe er 1957 nach Trittau zurückkehrte, um seinen erlernten Beruf auszuüben. Von 1962 bis 1972 war er in der Rechtsabteilung einer Hamburger Versicherung tätig. Danach begann er zu schreiben, war zugleich aber auch Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und mehrerer Versicherungszeitschriften. Heute lebt er in Hamburg und hat erstmals 1974, fast 30 Jahre nach Kriegsende, seine ostpreußische Heimat wieder besucht. Für sein literarisches Erinnerungswerk wurde er mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Die breit und liebevoll ausgemalte Idylle ist keine Der Roman „Jokehnen“ beginnt mit der Geburt Hermann Steputats, dessen Vater Schneidermeister und zugleich Dorfbürgermeister mit NSDAP-Partei-abzeichen ist, am 2. August 1934, dem Todestag des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Vor dem Leser wird, das „Dritte Reich“ ist gerade anderthalb Jahre alt, eine Dorfidylle aufgebaut mit der Wehfrau, die von Drengfurt angeradelt kommt, dem Schneidergesellen Heinrich aus Masuren, den Nachbarn im Dorf wie dem Krugwirt Wittkuhn, den katholischen Verwandten in Rößel, dem Major, dem das Gut gehört, den Guts­arbeitern wie dem Melker August, der zum Kriegsende als SS-Mann in Oberschlesien aufgehängt wird, und dem Kutscher Borowski, dem Kämmerer Mikoteit und dem Gutsinspektor Blonski, dem Sohn des Gutsbesitzers, der als Oberstleutnant in der Wehrmacht dient und 1944 als Mitwisser der Verschwörung vom 20. Juli erschossen wird, dem Juden Samuel Mathem, der in einem Konzentrationslager verhungert, dem Kommunisten Seidler, der 1945 die rote Fahne hißt und von den Russen erschossen wird, Und mit Peter Aschmoneit, Hermanns ältestem und engstem Freund, der während der Vertreibung an Typhus stirbt. Doch die breit und liebevoll ausgemalte Idylle ist keine. Mit dem Tod Hindenburgs 1934 wird Adolf Hitler zum unumschränkten Alleinherrscher, der den Krieg vorbereitet, aber das ostpreußische Landleben geht weiter wie bisher. Dann bricht 1939 der Krieg aus, die ersten Soldaten aus Jokehnen fallen, die Front rückt näher, die Rote Armee verbreitet Angst und Schrecken in Ostpreußen. Es ist alles anders als 1914/18, viel schlimmer. Hermann Steputat ist nach der Verschleppung seiner Eltern ohne Familie, er fährt mit den übriggebliebenen Jokehnern im Aussiedlerzug nach Berlin: „Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland? Viele sind nicht angekommen.“ Im Sommer 2002 hat Amo Surminski unter dem Titel „Ein Dorf in Ostpreußen“ ein Erinnerungsbuch von 58 Seiten über Jäglack/Jokehnen veröffentlicht, das nicht im Buchhandel erschienen ist und worin die Geschichte Jäglacks und die authentischen Vorbilder der Romangestalten vorgestellt werden. Der zweite Roman „Kudenow oder An fremden Wassern weinen“ (1978) setzt den ersten fort, zeitlich wie thematisch, nur heißt der Held nicht mehr Hermann Steputat, sondern Kurt Marenke, der 1946, gerade zwölf Jahre alt, aus dem Lager Eisenberg in Thüringen nach Kudenow in Schleswig-Holstein fährt, wo seine Mutter Anna und seine Schwester Ella aus dem ostpreußischen Kruglanken im Hühnerstall des Großbauern Fiete Kock hausen. Zwischen 1946 und 1951 spielend, schildert dieser Roman die schier unüberwindlichen Schwierigkeiten, die Einheimische und Vertriebene im zerstörten Nachkriegsdeutschland, hier Trittau östlich von Hamburg, miteinander hatten. Die Bevölkerung des späteren Bundeslandes Schleswig-Holstein bestand damals fast zur Hälfte aus Flüchtlingen und Vertriebenen, die mit Nahrung und Unterkunft versorgt werden mußten. Erst als Gerhard Kock, der Sohn des Bauern, aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt und das ostpreußische Flüchtlingsmädchen Ella heiratet, wächst das Verständnis füreinander. Die Dorfgesellschaft ist nicht mehr in Einheimische und Ostpreußen aufgespalten, die Unterschiede verwischen sich zunehmend, die Mundart der Fremden erlischt in der nächsten Generation, nur die Nachnamen und die Erinnerungen an die verlorene Heimat bleiben. Die sozial aufgestiegene Ella Kock, geborene Marenke, vertreibt schließlich den alten Ostpreußen Petschelies aus der Altenwohnung, worauf der im Moor Selbstmord begeht. In Kanada läßt sich die Heimat am besten vergessen Der dritte Roman der Trilogie „Fremdes Land oder Als die Freiheit noch zu haben war“ (1980) spielt in den kanadischen Wäldern an der Westküste, wo die alte Heimat am schnellsten vergessen werden kann. Herbert Broschat heißt der 1934 geborene Held, der bei seinen ostpreußischen Eltern im Lager Sandermarsch, das ist Brunsbüttel, lebt und nach Übersee auswandern will. Mit ihm auf dem Schiff fährt Erich Domski aus dem Ruhrgebiet, der nur „reich werden“ will, dann aber doch bleibt, während Herbert Broschat, dessen Vater im Sterben liegt, zurückkehrt und seine Freundin Gisela heiratet. Die Schilderung der Hochzeitsreise durch das vom Wirtschaftswunder erfaßte Westdeutschland der fünfziger Jahre zeigt die genaue Beobachtungsgabe des Autors. In seinem nächsten Roman „Polninken oder Eine deutsche Liebe“ (1984), dem vierten, gelingt es Amo Surminski, eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Deutschen mit dem Schicksal Ostpreußens und der Teilung Deutschlands zu verknüpfen. Der in Lübeck lebende Ingo Makowski ist der Enkel eines Straßenwärters, der in Polninken gearbeitet hat, während die in Jena lebende Lehrerin Irene von Sahrau die Tochter des einstigen Gutsbesitzers ist. Der Bundesbürger und die DDR-Bürgerin lernen sich im Sommer 1980, während in Danzig gestreikt wird, in Ostpreußen kennen und lieben, wider alle politische Vernunft. Aber diese Liebe hält nur einen Sommer lang und zerbricht an der Teilung Deutschlands: Irene wird bei einem Fluchtversuch über die Mauer erschossen. Besonders gelungen ist die Szene, als das Liebespaar am DDR- Kontrollpunkt bei Stettin getrennt wird, weil der Westdeutsche die Transitstraße benutzen muß. Der fünfte Roman über Ostpreußen „Grunowen oder Das vergangene Leben“ (1989) ist die Geschichte von Felix Malotka, einst Kutscher auf dem Gut Grunowen, der in Wintermühlen/Lüneburger Heide seinen 80. Geburtstag feiert und dazu die ehemaligen Einwohner von Grunowen einlädt. Und es ist auch die Geschichte des zwanzig Jahre jüngeren Werner Tolksdorf, der als erfolgreicher Jurist in Stuttgart lebt und Sohn des ehemaligen Gutsbesitzers von Grunowen ist. Der eine erinnert sich voller Dankbarkeit an das ostpreußische Dorf seiner Kindheit, der andere hat alles verdrängt und will nichts mehr davon wissen. Aber schließlich fahren sie 1987 gemeinsam nach Masuren und entdecken die verschüttete Vergangenheit Ostpreußens vom Ersten Weltkrieg bis 1945. Auch im sechsten Roman „Kein schöner Land“ (1993) gelingt es dem Autor, das historische Ostpreußen mit dem geteilten Deutschland und dem Mauerfall vom 9. November 1989 zu verbinden. Der DDR-Bürger Hans Butkus, ein nachgeborener Ostpreuße, der in Schwerin lebt, wird aus politischen Gründen verhaftet und ins Zuchthaus Waldheim/Sachsen verbracht, von der Bundesregierung in Bonn nach 15 Monaten freigekauft, wohnt und arbeitet er in Hamburg, fährt aber im März 1990 nach Schwerin, wo er seiner Tochter begegnet und dem Mann, der ihn einst denunziert hat. Literarische Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung Der siebte Roman „Sommer vierundvierzig oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen?“ (1997) nimmt schon im zweiten Titel Bezug auf den Roman „Jokehnen“ von 1974. Es scheint, als sei die Ostpreußenthematik mit diesem Buch abgearbeitet. Wie im ersten Roman gibt es auch hier ein Personenverzeichnis auf der letzten Seite und einen ähnlichen Schlußsatz: „Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen? Fünfzig Jahre. Und einige kommen niemals an.“ Es ist die Geschichte des 20jährigen Wehrmachtssoldaten Hermann Kallweit, der im August 1944, als Ostpreußens Hauptstadt Königsberg im Bombenhagel untergeht, auf Urlaub in seine Heimatstadt am Pregel fährt. Am Strand von Rossitten begegnet er Magdalena Rusch, die in den Kriegswirren verlorengeht. Ein halbes Jahrhundert später, im August 1994, fährt der Rentner Hermann Kallweit, der jetzt in Berlin lebt, mit einer Reisegruppe nach Königsberg, das jetzt Kaliningrad heißt und wo längst keine Deutschen mehr leben. Alle sieben Romane (ein achter ist kürzlich unter dem Titel „Vaterland ohne Väter“ erschienen, siehe Seite 17 dieser Ausgabe), das sind mehr als 3.000 Seiten über das alte, 1945 untergegangene Ostpreußen, wozu noch ein halbes Dutzend Erzählungsbände mit ostpreußischer Thematik kommen, geschrieben von einem Autor, der im Sommer 1945 gerade elf Jahre alt war! Dieses umfangreiche Romanwerk ist der ostpreußische Beitrag zur literarischen Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung. Mit dem Eröffnungsband „Jokehnen“ leitete Arno Surminski 1974 die zweite Phase der Erinnerungsliteratur ein, deren Kennzeichen mehrbändige Romane sind wie Horst Bieneks oberschlesische Tetralogie 1975/82, Christine Brückners pommersche Trilogie 1975/85 und Leonie Ossowskis niederschlesische Trilogie 1976/91. Dr. Jörg Bernhard Bilke , Jahrgang 1937, ist Literaturwissenschaftler. Von 1983 bis 2000 war er Chefredakteur des vom Ostdeutschen Kulturrat herausgegebenen Pressedienstes „Kulturpolitische Korrespondenz“ und Vizepräsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA). Foto: Arno Surminski: Sein literarisches Werk umkreist fast ausschließlich den Untergang Ostpreußens 1945

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