Liebe zur moralischen Schönheit

Das vielzitierte Diktum, Liebe mache blind, stimmt nicht! Wer erfüllt ist von inniger Liebe zu Wahrheit und Schönheit, wird eine immer größere Sensibilität dafür entwickeln, wo diese in Gefahr sind, von Selbstsucht und Solipsismus verdrängt zu werden. Dies beweist das Leben und Denken des katholischen Philosophen Dietrich von Hildebrand, den Josef Kardinal Ratzinger „unter die großen Denker des 20. Jahrhunderts“ einreiht. Im Alter von 22 Jahren, als Dietrich an seiner Doktorarbeit schrieb, hatte er 1911 ein Erlebnis, das ihn prägen sollte: Er stand vor einem Lebensmittelladen, in dem seine Verlobte Gretchen Denck einkaufte, und betrachtete die Waren im Schaufenster, als er schlagartig erkannte, wie sich deren Anziehungskraft von der Anziehungskraft moralischer Werte unterschied: Während die ausliegenden Waren nur deshalb bedeutsam sind, weil jemand auf ihre Reize antwortet, sind die Werte in sich bedeutsam. Ihre Bedeutsamkeit liegt in ihrem Wesen begründet. Das Interesse für sittliche Fragen und die Liebe zur moralischen Schönheit waren von frühester Jugend an Teil von Dietrichs Persönlichkeit. Als Sohn des bekannten Bildhauers Adolf Hildebrand, der 1904 nobilitiert wurde, erblickte Dietrich am 11. Oktober 1889 das Licht der Welt. Mit seinen fünf älteren Schwestern wuchs er in gutsituierten Verhältnissen in Florenz auf und genoß eine Erziehung, die neben der Wissensvermittlung großen Wert auf Sittlichkeit und künstlerische Entfaltung legte. Auf dem Papier waren seine Eltern zwar Christen, praktisch jedoch Heiden, wenn auch mit hohen Idealen. Schon bei Dietrichs Taufe im Alter von sechs Jahren zeigte sich, daß er auch über eine große religiöse Sensibilität verfügte. Am 11. April 1914 konvertierte er zur katholischen Kirche. Der entscheidende Faktor für seine Konversion war die Autoritätsfrage. Ließ er sich bisher hauptsächlich von seinen eigenen Auffassungen und Wünschen leiten, so erkannte er nun, daß wahre Autorität nur Gott allein zukommt und daß Gottes Sohn Jesus Christus sie seiner heiligen Braut, der römisch-katholischen Kirche, übertragen hat. Folglich mühte sich Dietrich von Hildebrand, sich von dieser Autorität leiten zu lassen. Wenn ihm auch die Ablehnung der künstlichen Geburtenkontrolle nicht sofort einleuchtete, so unterwarf er sich doch dem Urteil der Kirche und erkannte dann immer deutlicher ihre Wahrheit. Als 1968 die Enzyklika „Humanae vitae“ veröffentlicht wurde, die im deutschsprachigen Raum auf großen Protest stieß, wurde Dietrich von Hildebrand ihr großer Verteidiger. Über das Thema Autorität verfaßte von Hildebrand auch seine Habilitationsschrift. Als er Philosophieprofessor in München wurde, macht man ihm den Vorwurf, er würde nicht Philosophie, sondern Theologie lehren. Obwohl er beides deutlich auseinander hielt, wollte er doch eine Philosophie vermitteln, die nicht in ihren eigenen Grenzen gefangen, sondern offen war für eine höhere Wahrheit. Er wußte, daß der Glaube nicht der Vernunft widerspricht, sondern sie übersteigt. Doch seine Zeit als Professor währte nicht lange, da er schon früh die Gefahren des Nationalsozialismus erkannte und öffentlich anprangerte. Er wußte, daß er auf der schwarzen Liste der Nationalsozialisten stand und ging am 12. März 1933 ins politische Exil zuerst nach Österreich, dann in die Schweiz und schließlich in die Vereinigten Staaten. In Österreich traf er mit Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zusammen, der ihm die Herausgabe der NS-kritischen Zeitschrift Der Christliche Ständestaat ermöglichte. Von Hildebrand bezeichnete sich selbst als Patrioten, der eine berechtigte Liebe zum Vaterland hegte, doch lehnte er den Nationalismus als Ausdruck eines aufgeblasenen Egos ab. Für ihn waren Nationalismus und Kommunismus wie Zwillingsbrüder: „Sie verband die gleiche materialistische und atheistische Ideologie, der gleiche grauenhafte Totalitarismus, die gleiche verächtliche Respektlosigkeit vor der Würde und dem Wert der individuellen Person und der gleiche Haß auf die Kirche.“ Als er mit Nuntius Eugen Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., zusammentraf, erklärte auch dieser: „Rassismus und Christentum sind absolut unverträglich, wie Feuer und Wasser“. Er machte auch deutlich, warum der Vatikan den Nationalsozialismus nicht eindeutig verurteilte: „Das Martyrium kann nicht von Rom aus befohlen werden, es muß spontan kommen.“ Basierend auf einem längeren Brief, den Dietrich von Hildebrand seiner Frau Alice in seinen letzten Lebensjahren schrieb, hat diese nun eine Biographie ihres Ehemannes veröffentlicht. Gab es bisher zwar zahlreiche von ihm verfaßte Bücher, so war doch über sein Leben recht wenig bekannt. Das vorliegende Buch schildert nun seine Jugend, seine Konversion, seine Freundschaft mit Max Scheler, seine Lehrtätigkeit und seinen Widerstand gegen das NS-System. Chronologisch beschreibt Alice von Hildebrand die Jahre 1889 bis 1940. Leider erfährt der Leser nichts über die zweite Lebenshälfte des 1977 verstorbenen Hildebrand. Wie dieser nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum großen Mahner wurde, der die nachkonziliaren Verirrungen tadelte – vor allem in seinen Büchern „Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“ (1968) und „Der verwüstete Weinberg“ (1973) -, kann allerdings psychologisch erhellt werden durch die Kenntnis seiner Persönlichkeit. Er war erfüllt von leidenschaftlicher Liebe zur Wahrheit und Schönheit und wurde dadurch zu einer prophetischen Gestalt, die sich nicht von den Zeitirrtümern blenden ließ. Alice von Hildebrand: Die Seele eines Löwen. Dietrich von Hildebrand. Mit einem Vorwort von Josef Kardinal Ratzinger. VDM Verlag Dr. Müller, Düsseldorf 2003, 269 Seiten, Fotos, 34 Euro

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