Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Lexikalische List der Vernunft

Es ist nicht leicht, ein Telefonbuch zu rezensieren. Weil es ein Gebrauchsartikel ist wie ein Fahrplan oder eine Speisekarte. Dieses Genre unterliegt gemeinhin keinem literarischen Wert- und Geschmacksurteil, da es allein in seiner Funktionalität aufgeht. So steht es auch mit dem „Städtebuch Hinterpommern“. Dieses Städtebuch ist erstmals 1939 erschienen. Antiquarisch gehört es zu jenen Werken, die auch von jenen Internet-Verbünden wie zvab.de oder eurobuch.com, die großsprecherisch damit werben, den Zugriff auf Millionen „alter Bücher“ zu ermöglichen, nie angeboten werden können. Die Auflage war seinerzeit klein, Privatleute haben es kaum erworben, die ausgelieferten Exemplare standen in den Rathäusern von Kolberg, Naugard, Labes, Pyritz, Regenwalde, Wangerin, Leba, Deutsch-Krone, Lauenburg, Bütow, Freienwalde, Treptow, Gollnow, Wollin, Cammin, Arnswalde, Stargard, Schivelbein, Swinemünde, Stettin oder Stolp – und dort sind sie im Frühjahr 1945 entweder verbrannt oder den eher an Uhren oder Frauen interessierten „Befreiern“ in die Hände gefallen. Die Neubearbeitung, die wesentlich das Werk von Thomas Tippach ist, nennt eingangs die Kärrner, die sich in den dreißiger Jahren die Fron auferlegt hatten, die hinterpommerschen Städte lexikalisch zu erfassen. Kenner der pommerschen Landesgeschichte registrieren hier altbekannte Namen wie Konrektor Karl Rosenow, wohl auf immer verbunden mit der Geschichte Rügenwaldes und seines Hafens Rügenwaldermünde, den Studienrat Oskar Eggert, der Körlin und Köslin zu seiner heimatkundlichen Passion erwählte, oder den nach 1945 als Pommernhistoriker noch rühmlichst hervorgetretenen Hans Branig, der als junger Staatsarchivassessor sich der im Kreise Greifenhagen gelegenen Städtchen Bahn und Fiddichow angenommen hatte. Die Vorarbeit dieser Männer und, immerhin, einer einzigen Frau – Gertrud Steckhahn, die das nahe Bismarcks Kniephof im Kreise Naugard gelegene, den auf Meesow und Roggow sitzenden Dewitzen quasi gehörende Daber porträtierte – ist in der Neubearbeitung in einigen Artikeln allenfalls „im Kern“ erhalten geblieben. Man wird daher dem Herausgeber Peter Johanek zustimmen können, wenn er im Vorwort darauf hinweist, es sei nicht angängig gewesen, die Branig &Co. unter jedem Artikel zu verzeichnen, weil sie zu dem jetzt vorliegenden Opus wirklich nur die „Ausgangsbasis“ geliefert hätten, während Tippach und sein um die polnische Forschung bemühter Mitarbeiter Roland Lesniak das Verdienst zukomme, die „Neuformulierung ganzer Absätze“ besorgt zu haben. Entstanden ist ein Werk für Regionalhistoriker und die immer dünner werdende Schicht hinterpommerscher Heimatkundler, dessen Funktionalität prima vista tatsächlich den Vergleich mit einem Telefonbuch nicht zu scheuen braucht. Nicht zuletzt deshalb, weil die abschließende Rubrik jedes Artikels („Die Sammlung der stadtgeschichtlichen Quellen“) präzise nachweist, wo sich die Akten aus den Stadtarchiven Hinterpommerns heute befinden und wo sie zur weiteren Forschung einladen. Es ist also nicht falsch zu behaupten, daß man dieses Werk vornehmlich „benutzen“, aber nicht wie andere Bücher „lesen“ kann. Mit sehr viel Geduld kann man sich in den 700 Spalten, in denen das Werk sich drucktechnisch darbietet, allerdings auch lesend verlieren. Man verfolgt dann zum Beispiel von Stadt zu Stadt fortschreitend das Schicksal der pommerschen Juden, jeweils unter der Rubrik 15 c. Man begegnet nüchternen Eintragungen, die insgesamt mehr Fragen aufwerfen, als sie Antworten geben. Manches erscheint paradox wie die Tatsache, daß die Synagoge in Labes 1938 „aufgrund ihrer Lage innerhalb geschlossener Bebauung“ unzerstört blieb, dafür aber im März 1945 dem „russ. Einmarsch“ zum Opfer fiel. Anderes erstaunt, etwa die Angabe, daß es in Flatow, im östlichsten Ostpommern, Ende des 18. Jahrhunderts nicht einen einzigen christlichen Kaufmann gegeben habe, da der gesamte Handel vor 1772, als die mehrheitlich von Deutschen und Juden bewohnte Stadt temporär zum polnischen Herrschaftsgebiet zählte, „in den Händen der zahlreichen Juden“ gelegen habe. Fragen über Fragen wirft auch die systematische Lektüre der Rubrik 6 e auf. Dort sind jeweils die „berühmten Söhne“ einer Stadt verzeichnet. Insgesamt ist die Strecke nicht beeindruckend. Hinterpommern war eben keine „geistige“ Provinz. Trotzdem: So banausisch und hinterwäldlerisch, wie Tippach und Lesniak die städtische Kultur erscheinen lassen, ging es wohl nicht zu. Stichproben beweisen, daß die beiden Bearbeiter offenbar viel übersehen haben. Sonst hätte in Pyritz nicht der Vermerk gefehlt, daß einer der wichtigsten – wenn nicht sogar der bedeutendste – Historiker Preußens, Otto Hintze, dort geboren wurde. Und in Falkenburg wäre der Hinweis auf Reinhold Wulle nicht vergessen worden, einen Sohn des Städtchens, der als völkischer Publizist zu Weimars Zeiten doch erhebliches Aufsehen erregte und deshalb auch zu Recht in Armin Mohlers Handbuch über die „Konservative Revolution“ Aufnahme fand. Ganz gegen eine jüngere bundesdeutsche Tendenz, die zumal ausgerechnet am landeskundlichen Lehrstuhl im vorpommerschen Greifswald genährt wird, ergibt sich aus der Summe siedlungsgeschichtlicher, demographischer, sprachgeschichtlich-mundartlicher, konfessioneller, verwaltungs- und bildungshistorischer (besonders aufschlußreich: Schulen, Presse) Einträge kaum eine Chance, Polens Anspruch auf Hinterpommern aus der Geschichte dieses Landes zwischen Oder und Netze zu legitimieren. Diese beeindruckende, sich in Tausenden von Angaben niederschlagende Widerlegung polnischer Ansprüche mag gewiß nicht die Hauptintention der Bearbeiter gewesen sein, denen zeitweise sogar eine zweisprachige Ausgabe des Werkes vorschwebte. Aber die stets wache List der Vernunft hat hier die deutsche Geschichte Hinterpommerns lexikalisch in einer Weise konserviert, mit der dieses Kompendium dann doch über die bloße Funktionalität eines Telefonbuchs weit hinausragt. Foto: Hafen von Swinemünde in den dreißiger Jahren: In Tausenden von Angaben schlägt sich die Widerlegung polnischer Ansprüche nieder Peter Johanek, Franz-Joseph Post in Verbindung mit der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen (Hrsg.): Städtebuch Hinterpommern, bearbeitet von Thomas Tippach und Roland Lesniak. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2003, 343 Seiten, 79 Euro

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