Konflikte auf die Spitze treiben

Anfang der 1970er Jahre, nachdem die APO in Hunderte Zirkel, Mini-Parteien oder lose Gruppen zerfallen war, hatte die RAF ihre erste Terrorwelle „erfolgreich“ abgeschlossen. Ihre Urzelle begann am 14. Mai 1970 den „bewaffneten Kampf gegen die herrschende Klasse“ mit einem wahren Paukenschlag. Die gewaltsame Befreiung des wegen Kaufhausbrandstiftung verurteilten Andreas Baader war der brutale Auftakt und zugleich die blutige Premiere für das sogenannte „Projekt Stadtguerilla“, das fast drei Jahrzehnte lang den Staat in Atem halten sollte. Die Anleitung stammte aus dem „Mini-Handbuch der Stadtguerilla“ des brasilianischen Guerillaführers Carlos Marighella, dessen „revolutionäre Logistik“ die RAF nahezu vollständig übernahm. Marighellas Beschreibung der Taktik des Kampfes lateinamerikanischer Terroristen gegen die dortigen Oligarchien nahm kein Blatt vor den Mund. Erklärte Zielrichtung ist „die physische Liquidierung der Chefs und Henkersknechte der Streitkräfte und der Polizei“. Der als „gerechte Enteignung“ verbrämte Banküberfall gilt „als eine Art Vorexamen für die Ausbildung in der Technik der revolutionären Kriegführung“. Die RAF lernte schnell. Zwar war die nahtlose Übertragung der dort entwickelten Kampfformen auf die Bundesrepublik Deutschland nicht so einfach, aber schon bald bildete sich aus linksextremen Unterstützerkreisen ein relativ dichtes konspiratives Umfeld, von dem aus das „imperialistische Schweinesystem“ mit gezielten Morden, Geiselnahmen und Sprengstoffanschlägen in seinem Bestand erschüttert werden sollte. Im RAF-Jargon hieß das: „Die Konflikte auf die Spitze treiben“. Oder noch deutlicher: „Die Klassenkämpfe entfalten – Das Proletariat organisieren – Mit dem bewaffneten Widerstand beginnen – Die Rote Armee aufbauen!“ Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger war jahrelang mit Terrorismus-Verfahren befaßt. In einer lückenlosen Chronologie zeichnet er ein umfassendes Bild aus dem Innern der Terrorgruppe: die Entstehung der RAF, die erste Generation und ihr Weg in den Untergrund, die Anschlagsserie 1972 bis zu den Festnahmen und dem Ende der ersten Generation. Mit der Kooperation zwischen Inhaftierten und Illegalen, den Hungerstreiks, dem durch die RAF-Anwälte unterhaltenen „Info-System“ und dem Tod von Holger Meins beginnt die zweite Generation. Es folgen die Botschaftsbesetzung in Stockholm, der Stammheim-Prozeß und der Selbstmord von Ulrike Meinhof, die „Offensive 77“ mit den Morden an Siegfried Buback und Jürgen Ponto, die Entführung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers, der Anschluß der „Bewegung 2. Juni“ und das Ende der zweiten Generation mit der Festnahme ihrer Anführer. Die dritte Generation der RAF kooperierte eng mit der französischen Terror-Gruppe „Action Directe“ (AD). Minutiös schildert der Autor die „Offensiven“ ihrer „Kämpfenden Einheiten“ in den Jahren 1984 bis 1986, die Morde an dem deutschen Diplomaten Gerold von Braunmühl und an Karlheinz Beckurts und schließlich die Anschläge zwischen 1988 und 1991, die mit den Morden an Alfred Herrhausen und Detlef Karsten Rohwedder endeten. Mit dem Ende der DDR war auch das Schicksal der RAF besiegelt. Die vom Ministerium für Staatsicherheit mit neuen Identitäten versehenen Ex-Terroristen, die als Aussteiger ein kleinbürgerliches Leben im SED-Staat führten, werden festgenommen. Die „Kronzeugenregelung“ bewahrt die meisten von ihnen vor drastischen Strafen. So wird Susanne Albrecht, die am heimtückischen Mord an Jürgen Ponto beteiligt war, lediglich zu zwölf Jahren Haft und die Terroristin Inge Viett, die kaltblütig einen französischen Polizisten niederschoß, nur zu 13 Jahren verurteilt. Das Ende der RAF beginnt 1992 mit der Ankündigung der Kommandoebene, vorläufig keine Mordanschläge mehr zu verüben. Ein Jahr später kommt es bei einer Festnahmeaktion auf dem Bahnhof in Bad Kleinen zu einem Schußwechsel zwischen GSG-9-Beamten und den Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams. Während Hogefeld sich kampflos ergibt, erschießt Grams den jungen Polizeikommissar Newrzella, bevor er sich selbst richtet. Nach dem Desaster in Bad Kleinen spaltet sich der Rest der RAF in zwei Lager. Eine Gruppe erklärt, nach ihrer Freilassung nicht zum bewaffneten Kampf zurückzukehren, aber der harte Kern um Brigitte Mohnhaupt, Irmgard Möller, Christian Klar und den mutmaßlichen Schleyer-Mörder Rolf Clemens Wagner lehnt jedes Zugeständnis als „Deal mit dem Staat“ ab. Im Mai 1996 spricht sich auch Helmut Pohl für die Auflösung der RAF aus, und am 20. April 1998 geht bei Reuters ein Brief ein, mit dem die noch in Freiheit befindlichen RAF-Mitglieder das „Ende des Projekts Stadtguerilla“ erklären. Die Blutspur, die die RAF in 28 Jahren gelegt hat, ist immens. Sie hat zahllose Menschen lebensgefährlich verletzt, 37 Morde gehen auf das Konto der Terroristen. Mit der Erinnerung an diese Untaten hat sich Klaus Pflieger ein großes Verdienst erworben. Klaus Pflieger: Die Rote Armee Fraktion. RAF – 14.5.1970 bis 20.4.1998. Nomos Verlag, Baden-Baden 2004, 207 Seiten, 19,80 Euro

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