Joachim Kuhs

 

Keine Spur einer waltenden Gottheit

Das Nibelungenlied war seit der Romantik von zentraler Bedeutung für die germanistische Forschung und hat vor allem im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als „deutsche Ilias“ eine große Faszination auf die Geschichtsmythologie und die deutsche politische Sehnsucht ausgeübt. Erstmals werden nun in einer Ausstellung im Karlsruher Schloß alle drei ältesten und vollständigen Handschriften gemeinsam an einem Ort gezeigt. Die Ausstellung bietet zur Einführung in die Thematik einen Überblick in die Lebenskultur zur Zeit des staufischen Mittelalters, der Entstehungszeit des Nibelungenliedes. Sie zeichnet ein anschauliches Bild vom Leben auf den Burgen, vom höfischen Rittertum, von Handel und Verkehr, Kampf und Krieg, Kirche und Kunst, also auch von der Religiosität um 1200, um dann auch den Wurzeln der Überlieferung im Altnordischen nachzugehen. Ein weiterer Teil der Präsentation zeigt, welche Suggestion im 19. und 20. Jahrhundert vom Nibelungenlied ausging und welche uralten Sehnsüchte es wachgerufen hat. Da darf natürlich der Bezug zu Richard Wagner und Bayreuth nicht fehlen. Verdeutlicht wird auch, welche Aufnahme der Nibelungenstoff in der Bildenden Kunst gefunden hat. Weiter werden Ausschnitte aus dem martialischen Fritz-Lang-Film von 1924 gezeigt, der immerhin noch „dem deutschen Volke“ gewidmet war. Den Höhepunkt der Ausstellung bildet aber die Präsentation der Urtexte: der Handschrift A aus der Bayerischen Staatsbibliothek, der Fassung B aus der Stiftsbibliothek St. Gallen und der Handschrift C, die heute als die älteste gilt und die sich bis vor kurzem noch in der Fürstenbergischen Hofbibliothek zu Donaueschingen befand. 1999 wurde vom Fürstenhaus signalisiert, daß man sich eventuell von der wertvollen Handschrift trennen würde. Natürlich gab es damals auch ausländische Kaufinteressenten, aber das Kleinod stand auf der Liste der nationalgeschichtlich bedeutsamen Güter und durfte nicht ohne weiteres über die deutschen Grenzen veräußert werden. Berlin, Bayern und Baden-Württemberg zeigten sich ebenfalls interessiert. Verhandelt wurde seinerzeit über einen Kaufpreis von zwanzig Millionen Mark. 2001 konnte die Handschrift mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder, der Bundesregierung und Christina Freifrau von Laßberg von der baden-württembergischen Landesbank erworben werden. Seitdem wird sie in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe aufbewahrt – Anlaß genug, in dieser Stadt eine Ausstellung zu veranstalten. Das Nibelungenlied ist in 34 Handschriften überliefert, die fast ausschließlich nur bruchstückhaft vorliegen. Eine Sensation war, als im Sommer 2003 im Mainzer Gutenberg-Museum in einer gebundenen Inkunabel Leimabdrücke von zwei Pergamentblättern entdeckt wurden, die mit Sicherheit zur Handschrift L gehörten. Die Pergamentdoppelblätter sind verloren, der an den Holzdeckeln klebende spiegelverkehrte Text kann aber noch entziffert werden. Die Vielzahl der Handschriften zeigt indes, daß das Nibelungenlied bis ins 16. Jahrhundert populär war, dann aber in Vergessenheit geriet. Seine Wiederentdeckung ist dem Arzt Jacob Hermann Obereit (1725-1798) sowie dem Schweizer Schriftsteller Johann Jacob Bodmer (1698-1733) zu danken. Die Abdrucke, die Bodmer vornehmen ließ, fanden freilich im Zeitalter der Aufklärung und des Neuhumanismus mit seiner Griechenlandbegeisterung wenig Resonanz. Friedrich der Große befand, daß der Nibelungenstoff elendes Zeug sei. Erst durch Herder und die erwachende Nationalbewegung fanden die Gebildeten Zugang zur nationalen Dichtung des Mittelalters. Goethe beschäftigte sich intensiv mit dem Nibelungenlied, fühlte sich aber von dessen heidnischem Charakter abgestoßen. In diesem archaischen Epos, so befand er, sei „keine Spur einer waltenden Gottheit“. Die Menschen seien ganz auf sich verwiesen, und keine innere Stimme, keine äußere Herausforderung rufe ihnen in Erinnerung, daß sie in existentieller Weise von einem Gott abhängig und ihm gegenüber moralisch verantwortlich seien. Immer nur sind sie ihrer ich-bezogenen Ehre, ihrem subjektiven Trotz, ihrer heldischen Selbstbehauptung verpflichtet, und der überhebliche Umgang miteinander zeigt allemal, daß es ein normatives Terrain, auf das die Heroen dieses Epos zurückverwiesen würden, nicht gibt. Siegfried und Hagen, Brunhild und Kriemhild, Gunther und seine Mannen handeln – so scheint es zumindest auf den ersten Blick – allein aus heidnischen Motiven, wie denn überhaupt das Nibelungenlied eine heroische Geschichte aus der Zeit der germanischen Völkerwanderung erzählt, die es freilich in die christlich bestimmte hochmittelalterliche Lebenswelt versetzt. Da ist also einerseits von Drachenkampf, brutalen Machttrieben, gnadenlosem Ichkult, zügellosen Leidenschaften und heroisch-trotziger, unerbittlicher Rache, andererseits von glanzvoll höfischen Formen, ritterlichen Turnieren, verfeinerter Etikette, christlich-sittlicher und sensibler Bewältigung des Leids und von kirchlichem Zeremoniell die Rede. Bei den Personen tritt das Neben- und Ineinander der unterschiedlichen Ethik besonders augenfällig zutage. Da kann die sublimste Form der Courtoisie unversehens in gnadenlose Härte umschlagen. Aber nicht nur die verschiedenen Schichten der Ethik, die unvermittelt nebeneinanderstehen, verwirren uns, sondern auch die verschiedenen Stilelemente, Stoff- und Motivkreise mit ihren Widersprüchen und Unstimmigkeiten. Die Fülle und bunte Mischung verschiedenster Elemente ist eine Besonderheit des Nibelungenliedes und nur zu erklären durch den langen und gewundenen Gang von den frühen Mythen und nordischen Sagenkreisen um Siegfried und Brunhild bis zu dem vielschichtigen und kunstvollen Gesamtbau des Epos. Da blieb vieles mit seinem ursprünglichen Gehalt und Stoff, in der überlieferten Form und Stilistik erhalten, und dies erklärt auch die widersprüchlichen Deutungen, die das Nibelungenlied seit seiner Wiederentdeckung bis heute erfahren hat. Auf einen einheitlichen Nenner läßt sich dieses aus den verschiedensten Ursprüngen sich speisende, vielfach bizarre, schwer durchschaubare Vielerlei an Ereignissen, Motiven, märchen- und sagenhaften Zügen, Stilelementen, Überzeugungen, Botschaften, das von unbekannter Hand zu einer eindrucksvollen Gesamtkonzeption und einem großartigen Kunstwerk zusammengefügt wurde, ohnehin nicht bringen. Über den Dichter des Nibelungenliedes wissen wir nichts. Obwohl es genug Spekulationen gab, ihn namhaft zu machen, fehlt allen Hinweisen die letzte Überzeugungskraft. Die Geschichte hat in vielen Facetten teil an diesem bekanntesten deutschen Epos. Neben einer Vielzahl von Motiven aus der Völkerwanderungszeit, die uns in die Stimmungslagen des Unvordenklichen versetzen, steht die breite Schilderung ritterlich-höfischer Kultur der Stauferzeit. Eben darin, daß es uns die Mentalitäten und die Lebensgefühle, die Empfindungen und Bewußtseinsprozesse jener Welt des Mittelalters widerspiegelt – und nicht in der faktengetreuen Nacherzählung historischer Geschehnisse -, liegt die Bedeutung des Nibelungenepos. Fotos: „Walküre“ von Heinz Thoma (Leipzig 1897): Uralte Sehnsüchte Nibelungenlied, Handschrift C, 13. Jahrhundert Weihrauchfaß, Schwaben, Anfang des 13. Jahrhunderts Die Ausstellung im Karlsruher Schloß ist bis zum 14. März täglich außer montags 10 bis 18 Uhr zu sehen. Info: 07 21 / 9 26 65 14

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