Keine biographische Sternstunde…

Als Rundfunkanstalten noch virtuelle Volkshochschulen waren, bekam Jean Améry beim NDR Woche für Woche viele, viele Sendeminuten, um „vergessene Autoren“ zu würdigen. Das war in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, und zu jener Zeit zählte auch ein Produzent von „Weltbestsellern“ wie Stefan Zweig zu diesen Vergessenen. Doch anders als etwa der ebenfalls von Améry porträtierte, einst ähnlich erfolgreiche Jakob Wassermann war Zweig nicht ganz aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden. Zwar hatte ihn die Literaturkritik nach 1945 endgültig aus dem Kreis der kanonisierten Moderne ausgeschlossen; eine Beschäftigung mit seinem Werk schien daher nur unter historischen Aspekten legitim. Doch ungeachtet dessen war ein Teil seiner Bücher noch im Handel, nachgedruckt nicht mehr vom Insel Verlag, von dem er sich noch selbst 1934, nach dreißig Jahren als Stammautor, getrennt hatte, sondern von S. Fischer in Frankfurt, der mit seinen Biographien aber immer noch leidlich respektable Absatzzahlen erreichte. Einzig als Verfasser historischer Belletristik fand Zweig auch in Jean Améry einen sehr wohlwollenden Leser. Die schwülstig-verdrucksten Novellen hingegen, die frei nach Freud die Sexualnöte des höheren Bürgertums thematisierten, all‘ die Geschichten um „brennende Geheimnisse“, „erste Erlebnisse“ und „Verwirrung der Gefühle“, die Zweigs Ruf als „Unterleibschriftsteller“ begründeten, wollte er genauso freigiebig der Vergessenheit überantworten wie die Dramen und Gedichte. Hier sei es um das viele bedruckte Papier schade. Anders verhalte es sich mit der Charakterstudie über Napoleons Polizeiminister Fouché, das „Bildnis eines politischen Menschen“ (1929), die Biographien von Marie Antoinette, Maria Stuart oder Erasmus von Rotterdam. Diese Art von „populärer“ Geschichtsvermittlung, die mit den hunderttausendfach verkauften „Sternstunden der Menschheit“ ihre nachhaltigsten Wirkung erzielt habe, rechtfertigte es nach Amérys unverächtlichem Urteil, Zweig weiterhin zu lesen, weil er wie kaum einer fürs Vergangene begeistere. Bald nach der Ausstrahlung dieser Ehrenrettung hat Améry bekanntlich „Hand an sich gelegt“, 1979 in Salzburg, wo der 1942 gleichfalls durch Freitod geendete Zweig fast zwanzig Jahre auf dem Kapuzinerberg mehr residiert als bloß gewohnt hat. Zweigs Nachruhm kräftigte sich überraschenderweise nach Amérys Ende – allerdings kaum deswegen, weil dessen Funkessay ihm neue Aufmerksamkeit beschert hätte. Wichtiger war der Zeitgeistwandel in den achtziger Jahren. Zum einen stieg wieder allgemein das historische Interesse, zum anderen lenkte der S. Fischer Verlag mit Publikationen aus dem Nachlaß, vor allem mit den Editionen der Tagebücher und Briefe, die Publikumsneugier geschickt auf die Person des Autors. An eine Vermarktung, die mit jener Thomas Manns und „der Seinen“ konkurrieren könnte, war dabei nicht zu denken, doch, soviel ist bewirkt: „Stefan Zweig lebt“! So jedenfalls jubelt Gert Kerschbaumer, der seinem reanimierten Literaturhelden imponierende 500 Seiten widmet. Im Vergleich mit der 1981 ins Deutsche übersetzten Biographie Donald A. Praters hat der Salzburger Publizist damit zumindest quantitativ die Nase vorn. Qualitativ fällt der literaturwissenschaftliche Quereinsteiger gegen Prater allerdings ab. Vergeblich sucht man nach einer konzisen Werkdeutung, denn mehr als Zweigs Buchtitel und ein paar oberflächliche Inhaltsreferate bietet Kerschbaumer hier nicht. Dafür sollen offenbar „Enthüllungen“ aus dem Privatleben entschädigen, vornehmlich neue Einzelheiten aus der seit 1933, als Zweig seinen „Lebensmittelpunkt“ Schritt für Schritt von Salzburg ins Exil verlagerte, zerbröselnden Ehe mit Friderike von Winternitz. Doch diese Materia-lien sind letztlich kaum interessanter als der Inhalt einer x-beliebigen Scheidungsakte. Bleibt als originäres Verdienst des Biographen nur, erstmals Zweigs Salzburger Alltagsexistenz heller ausgeleuchtet zu haben, wobei man mehr über das politische, schon früh „völkisch“ geprägt Milieu erfährt, über die publizistische Wahrnehmung des berühmten Mitbürgers in der Lokalpresse, dessen Fluchtreaktionen auf den Festspielbetrieb sowie über seinen eher engen Bekanntenkreis in der Mozartstadt, als über den Erfolgsautor selbst. Gerade unsere durch Prater vermittelte, jetzt um die Nachlaß-Dokumente bereicherte Kenntnis Zweigs als politisch sprunghaft engagierter Autor, als oft illusionär urteilender Kosmopolit und „guter Europäer“, als pessimistisch-depressiver „Humanist“, erweitern Kerschbaumers fleißig gesammelten Regionalia leider nur unwesentlich. Darum steckt in seinem voluminösem Werk eher eine literarhistorische Heimatkunde, die Salzburg „unter besonderer Berücksichtigung“ Stefan Zweigs behandelt, als daß hier der Zweig-Forschung eine biographische „Sternstunde“ schlüge. Foto: Stefan Zweig mit Frau Friderike und Töchtern, Salzburg um 1930: Fleißig gesammelte Regionalia Gert Kerschbaumer: Stefan Zweig. Der fliegende Salzburger. Residenz Verlag, Salzburg 2003, 511 Seiten, Abbildungen, gebunden, 32 Euro

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