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In einer Trümmerwelt aufgewachsen

Jörg Friedrichs Buch „Brandstätten“ ist schockierend. Was könnte ein Bildband über den Bombenkrieg gegen Deutschland auch anderes sein? Wir sehen hier oder können anhand der Bilder erahnen, wie es gewesen ist an der sogenannten Heimatfront. Man riecht den Angstschweiß in den Bombenkellern, leidet mit den Überlebenden wegen der zerstörten Behausungen, man versucht sich die Schmerzgrade der unterschiedlichen Todesarten vorzustellen. Dank der Bilder wissen wir jetzt mehr über das, was diesem Land geschehen ist, was es verloren hat und warum es sich heute so häßlich und gehässig gebärdet. Doch es ist nicht allein die Macht der Bilder. Der französische Semiotiker Roland Barthes hat in seiner Untersuchung zur Fotografie deren „unbeschränkte, blinde, gleichsam unbedarfte Kontingenz“ hervorgehoben und sie mit der Geste des Kleinkindes verglichen, „das mit dem Finger auf etwas weist und sagt: TA, Da, DAS Da!“ Genauso waren Tausende Schüler durch Reemtsmas Wehrmachtsausstellung getaumelt. Von Medien und halbgebildeten Lehrern irregeführt, hielten sie die visuellen Schockerlebnisse für gesichertes Wissen über die Geschichte. In Wahrheit kamen sie aus der Ausstellung dümmer heraus, als sie hineingegangen waren. Das ist im Fall der „Brandstätten“ grundsätzlich anders, weil sie im Zusammenhang stehen mit dem Buch „Der Brand“. Dessen Erfolg verdankt sich wesentlich seiner Erzählweise, die von Kritikern – darunter Horst Boog in dieser Zeitung – als „reißerisch“ bezeichnet worden ist. Die mitgeteilten Tatsachen seien doch längst bekannt gewesen! Dieser Einwand verfehlt das Wesentliche. Friedrich ist etwas gelungen, wofür die Statistiker der Faktizität unverzichtbare Vorarbeit geleistet haben, was ihre Wissenschaftsprosa aber nicht erfüllen konnte: Er hat Empathie, Einfühlung ermöglicht, indem er Ablauf und Wirkung der Bombardements in die narrativen Strukturen einsenkte. Seichte Gewässer falscher Metaphern Das Stakkato der kurzen Sätze steht für die dichte Sequenz der Einschläge, die gestauchte Syntax für ihre Wucht: „Sie (die Bombe; D. N.) zerstört Materie, Stein, Gestell, Körper.“ Die Bedrohung am Himmel heißt „Bomber Command“. Der Begriff meint die britische Bomberflotte als Ganzes, aber auch die jeweiligen Bomberpulks im Anflug auf deutsche Städte, und vereinzelt bezeichnet er „Bomber-Harris“. Mit diesem metonymischen Verfahren wird herausgestellt, daß der Luftkrieg von Individuen befohlen und betrieben wurde, die zugleich Teil eines zwanghaften Zusammenhangs waren, der sie entpersonalisierte. Das Mechanische und Entmenschte dieser Vorgänge, die Abwesenheit jeder Moral, ist damit in jedem Satz gegenwärtig. Bei der Beschreibung der Städte und ihrer baulichen Herrlichkeiten läßt Friedrich den Tonfall der Elegie anklingen. Elegien sind Totenklage, aber auch Beschwörung von Ideen, die die materiellen Verluste überdauern. Kurzum, Friedrichs Buch ist sprachlich beeindruckend. Es ist mehr als ein Geschichtsbuch, nämlich eine große und bittere „Comédie humain“. Sie ist den Büchern von Golo Mann oder Joachim Fests Hitler-Biographie ebenbürtig. In den kurzen Zwischentexten der „Brandstätten“ verläßt er leider dieses Niveau. Um der Wirkung der Bilder zu entsprechen, hat er die Sprache in eine suggestive Höhe geschraubt, aus der sie in das seichte Gewässer falscher Metaphern abstürzt. Der Abwehrschirm aus Radaranlagen, Abfangjägern und Scheinwerferbatterien, den Deutschland gegen die Bomber spannte, wird mythisch überhöht: „Das Reich wähnte sich dahinter unverletzlich wie der hürnene Siegfried. Der anfliegende Feind muß die Schutzhülle überwinden, wird kenntlich, durchbohrt und kommt zu Fall.“ In der Nibelungensage wird Siegfried durch einen Speer getötet, den Hagen in die verwundbare Stelle seiner Schulter bohrt. Dem Speer entsprechen die feindlichen Bomber. Es ist daher unlogisch, diese am Ende des zweiten Satzes ebenfalls mit Siegfried zu identifizieren. Friedrich ist eine Katachrese, ein Verstoß gegen die Einheit des gewählten Bildes unterlaufen. Aufgabe des Propyläen Verlags wäre es gewesen, solche Fehlgriffe stillschweigend zu verbessern, anstatt sich auf der letzten Seite von diesem notwendigen Bildband zu distanzieren. Denn notwendig ist dieses Buch! Es ist behauptet worden, das Gezeigte sei längst bekannt. Tatsächlich? Hans-Ulrich Thamers Standardwerk „Verführung und Gewalt“, das in der zwölfbändigen Reihe „Deutsche Geschichte“ des Siedler-Verlags erschienen ist, zeigt – zu Recht – Fotos vom brennenden Rotterdam und dem zerstörten Belgorod, aber keines von Hamburg oder Köln. In dem 1997 vom Deutschen Historischen Museum in Berlin herausgegebenen Prachtband „Deutsche Geschichte in Bildern“ finden sich fünf Fotos zum Thema „Plaste und Elaste aus Schkopau“, welche die Wohn- und Tischkultur der DDR der siebziger Jahre illustrieren, aber nur zwei Fotos über den Bombenkrieg gegen deutsche Städte. „Relativierung“ ist zu einem Schimpfwort verkommen Feingeister argumentieren, es sei „voyeuristisch“, Bombenopfer im verkohlten Zustand zu zeigen. Oft sind es dieselben Leute, die am liebsten schon im Kindergarten mit KZ-Bildern hantieren wollen. Andere warnen vor einer „Relativierung“. Dabei ist es eine Kernaufgabe der Geschichtsschreibung, Relationen, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen herzustellen. Nur in Deutschland ist dieser Begriff zum geschichtspolitischen Schimpfwort verkommen. Auf den Seiten 142 und 143 der „Brandstätten“ findet sich links das Foto eines polnischen Mädchen, das seine Schwester beweint, die beim deutschen Luftangriff auf Warschau am 25. September 1939 umgekommen ist. Daneben findet sich ein Bild zweier Schwestern aus Paderborn. Eine von ihnen wird sechzehnjährig am 27. März 1945 durch Bomben sterben. Verkleinert es die Ungeheuerlichkeit des Todes des polnischen Mädchen und das Leid seiner Schwester, wenn die beiden deutschen Mädchen zu ihnen in Beziehung gesetzt werden? Beide waren gleichermaßen völlig unschuldig. Es läuft auf eine moralische Verrohung hinaus, solche Parallelen nicht wahrhaben zu wollen. In der Erzählung „Küß mich noch einmal, Fremder“ der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier hat sich eine junge Frau darauf spezialisiert, junge Flieger zu verführen, nur um ihnen ein Messer in den Leib zu rammen. Es stellt sich heraus, daß sie durch den Bombentod ihrer Eltern verrückt geworden ist. Auf den Vorhalt, daß diesen doch deutsche Bomberpiloten verschuldeten, keine britischen, sagt sie: „Das kommt auf eins heraus, sie sind doch alle miteinander Mörder, nicht wahr?“ Die Angriffe richteten sich gegen das geschichtliche und kulturelle Gedächtnis Deutschlands. „In Stuttgart verbrannte das Sterbehaus Eduard Mörikes, in Bayreuth die Gruft von Franz Liszt, in der Hannoveraner Hof- und Stadtkirche St. Johannis das Leibnitzgrab, in Hamburg das Geburtshaus von Johannes Brahms und in Frankfurt (Oder) dasjenige Heinrich von Kleists, in Hanau das Geburtshaus der Gebrüder Grimm, in Eisenach das Lutherhaus.“ Als der Krieg militärisch längst entschieden und die Annahme, mit den Luftangriffen in Deutschland einen Aufstand auslösen zu können, widerlegt war, gingen die Massaker weiter. Das militärisch bedeutungslose Pforzheim wurde am 24. Februar 1945 zerstört, 20.000 Tote. Die Barockstadt Würzburg wurde am 16. März 1945 zertrümmert. Am selben Tag erhielt das schon schwer getroffene, mittelalterliche Nürnberg seinen Todesstoß. Das von Schlüter, Knobelsdorff und Schinkel erbaute Potsdam wurde am 14. April 1945 zerstört, 5.000 Menschen starben. 40 Prozent der deutschen Archivbestände sind verbrannt. „Bomber command“ war auch ein gnadenloser Vernichtungsfeldzug gegen die deutsche Kultur. Es ist ernüchternd, wozu Demokratien fähig sind, sobald unter Streßbedingungen ihr dünner zivilisatorischer Firnis abblättert. In Leipzig, ehemals eine der bedeutendsten Bücherstädte Europas, verbrannten Ende 1943 etwa 50 Millionen Bände. Zerstört wurde auch das Gewandhaus. Es war eine Selbstzerstörung Europas. Im großen Gewandhaussaal hatte die Plattenfirma Electrola die Matthäus-Passion unter Leitung von Thomaskantor Günther Ramin aufgenommen. Electrola war die deutsche Tochter der englischen Grammophon Company Ltd. und stand unter der Kuratel eines Feindvermögensverwalters. Nach dem Krieg trat die heute legendäre Aufnahme von Großbritannien aus einen weltweiten Siegeszug an. Es gibt Werte, Werke und Symbole, die unzerstörbar sind. Sonst könnte man nicht weiterleben. Für erlittene Defizite gerächt Sogar diese Erkenntnis haben die Bomben in Deutschland erschüttert. Oft sind die Auswirkungen der Zerstörungen durch den Wiederaufbau verschlimmert und dauerhaft gemacht worden. Weil die mittelalterlichen Städte sich als Todesfallen erwiesen hatten, wurden durch die Trümmerwüsten breite, ahistorische Straßenschneisen geschlagen, um Feuerwehren und Rettungskräften im Fall eines neuen Krieges die Zufahrt zu ermöglichen. Auf Seite 215 sieht man Hamburger Kinder, die im Oktober 1943 zur Gedenkfeier für die Opfer des Juli-Angriffs angetreten sind. Auf ihren Gesichtern liegt – so die Bildunterschrift – „etwas Greisenhaftes“. Sie haben Erfahrungen hinter sich, die nicht einmal Erwachsene machen sollten. Es sind die älteren Geschwister der späteren „Achtundsechziger“. Zu ihnen gehört der Buchautor Jörg Friedrich, der 1944 geboren wurde und eine radikal linke Vergangenheit hinter sich hat. Das Buch macht deutlich, daß diese Generation, die anderen so viele Verletzungen zugefügt hat, selber eine zutiefst verletzte Generation ist. Sie ist in einer Trümmerwelt aufgewachsen. Die Väter waren gefallen, in Gefangenschaft geraten oder als Krüppel heimgekehrt. Die Mütter waren ausgelaugt vom täglichen Kampf ums Überleben und kaum in der Lage, ihren Kindern Zärtlichkeit zu geben. Für diese erlittenen Defizite haben die Kinder sich gerächt. Ihr Schmerz war so groß, daß zu seiner Bekämpfung ein normaler, generativer Aufstand gegen die Eltern nicht ausreichte, er mußte geschichtsphilosophisch aufgeladen werden. Auch darüber wird in Zukunft intensiv geredet werden müssen. Jörg Friedrich hat mit seinen Büchern bewiesen, daß ein Gespräch darüber fällig und möglich ist. Jörg Friedrich: Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs. Propyläen Verlag, München 2003, geb., 239 Seiten, 25 Euro

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