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Herkunft lebendig halten

Vor drei Jahren hat diese Zeitung über die erfolgreiche Potsdamer Ausstellung zum Preußenjahr: „Marksteine – eine Entdeckungsreise durch Brandenburg-Preußen“ berichtet und dabei das architektonische Ensemble „Forum Neuer Markt“ vorgestellt. Das Infrastruktur- und Restaurationsprojekt in progress war gleichzeitig im Konnex zu sehen mit den zunehmend populären Dachkampagnen „Kulturland Brandenburg“, die seit 1998 den Brandenburgern und Touristen die Mark kulturhistorisch erschließen. Jene Sonderausstellung nun, die über drei Monate 55.000 Besucher anzog, wurde im historischen Kutschstall, damals noch Provisorium und künftiges Haus der Geschichte, präsentiert. Inzwischen hat sich der Neue Markt vollends zum neben der Potsdamer Uni wichtigsten kulturwissenschaftlichen Zentrum Brandenburgs komplettiert: acht Einrichtungen, nicht bloß verbunden am gleichen Ort, sondern auch durch rege Zusammenarbeit, sämtlich orientiert am interdisziplinären Dialog. Es sind dies: das Forschungszentrum Europäische Aufklärung, FEA; das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien; die 1992 neu konstituierte Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, BBAW, mit ihren 250 Mitarbeitern; das dem Austausch von Natur- und Geisteswissenschaften und ihren ethisch-politischen Aspekten gewidmete Einstein-Forum; das Zentrum für Zeithistorische Forschung, ZZF, konzentriert sich mit seinen 25 Vorhaben auf die Themen Diktaturvergleich, Sozialismus, Ost-West-Konflikt, Kalter Krieg, Deutschlandpolitik; das Deutsche Kulturforum östliches Europa forscht über die alten Ostgebiete und gibt die Reihe „Potsdamer Bibliothek östliches Europa“ heraus; Popularität genießt seit Jahren das 1981 gegründete Filmmuseum Potsdam. Als Bau und Einrichtung im Zentrum des Platzes wurde zum Jahresende 2003 nun auch das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) vollendet: Die im März begründete Institution ist am 17. Dezember offiziell mit dem Foyer-Neubau und ihrer Dauerausstellung „Land und Leute. Geschichten aus Brandenburg-Preußen“ eröffnet worden, fortan der Ort, der historische Selbstvergewisserung lebendig hält. Das säulenflankierte und quadrigabekrönte Haus, klassisch aus der eleganten Periode Friedrich Wilhelm II., hat eine bewegte Geschichte; die Planungen gehen zurück bis auf das Jahr 1991. Sie verdanken sich nicht zuletzt dem Engagement Manfred Stolpes und dessen Interesse an der Mark. So äußerte der damalige Ministerpräsident im Preußenjahr: „Die Geschichte Brandenburg-Preußens gehört zu uns. Diese Tradition ist Teil von uns. Lassen Sie uns dieses Erbe annehmen, seine Geschichte mit sachlichem Blick erforschen und sein Ethos der Menschlichkeit wiederentdecken. Zu würdigen sind die unbestrittenen Leistungen Brandenburg-Preußens: Die Vereinigung der verschiedenen Landesteile, der Ausgleich zwischen Landsmannschaften und (…) Bevölkerungsschichten, die politische Gestaltungs- und Organisationskraft, die Bildungsanstrengungen (…), die wirtschaftliche Entwicklung, die Leistungsfähigkeit und das Durchhaltevermögen beim (…) Aufbau verwüsteter Provinzen.“ Praktisch war das Sanierungsvorhaben auch ein Finanzproblem. Bewältigt wurde es von der Brandenburgischen Investitionsbank und deren Tochter, dem Tourismusforum Potsdam, die den Komplex nun dem HBPG und seinem Direktor vermieten, Gert Streidt, vormals Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Stolpe orientierte sich am Haus der Geschichte in Bonn und dem Berliner Deutschen Historischen Museum, Projekten Helmut Kohls also, die damals geschichtspolitischen Angriffen ausgesetzt waren. Seitdem ist „Identitätsstiftung“ staatlicherseits den einschlägigen Medien rotes Tuch. So beeilte sich auch die Kuratorin der neuen Dauerausstellung, Ursula Breymayer, im Gespräch mit der Märkischen Allgemeinen allen Verdacht wegzuwedeln und derartige Sinnproduktion auszuschließen. Um so erfreulicher, daß das offizielle Wort hier anders lautet: So sieht es das HBPG in amtlicher Verlautbarung explizit als Aufgabe und Ziel, „ein zentraler Ort der Bildung, der Identitätsstiftung und des Wissenschaftsaustauschs“ zu sein, und Ministerpräsident Matthias Platzeck betonte bei der Eröffnung: „Die Frage nach unserer Herkunft hat großes Gewicht. Dabei geht es um den Charakter unseres Landes, um unsere Identität.“ Das HBPG sieht seinen Bildungsauftrag in der Vermittlung Preußens an die Bürger, vor allem Kinder und Jugendliche, dann Touristen; im strukturschwachen Brandenburg spielt Kulturtourismus eine Rolle. Angestrebt wird die Zusammenarbeit zwischen sozialen, kulturellen und politischen Stellen, das HBPG soll hier vernetzend wirken, schließlich historische Kenntnisse über Ausstellungsaktivitäten fördern. Dauerschau und aktuelle Projekte sollen den Museen des Landes und der Forschung ein „Schaufenster“ zur Öffentlichkeit an zentralem Ort sein. Man besitzt keine eigene Sammlung, die 400 Originale in „Land und Leute“ sind Dauerleihgaben. Sie werden reizvoll und medienwirksam auf 550 Quadratmetern präsentiert, dazu kommen 800 Quadratmeter Fläche für Sonderausstellungen, so die derzeit auslaufenden „Königlichen Visionen“, die um die Hohenzollern, ihre Residenz Potsdam und Europa kreisen und verdeutlichen, in welcher Weise Preußen mit seinen europäischen Nachbarn befaßt war. Welche persönlichen, mentalen, politischen und kulturellen Verflechtungen gab es mit Holland, Frankreich oder Rußland? Diese der Geographie entspringenden Fragen sind nach dem Ende von Staat und Dynastie nicht verstummt. 2003 thematisierte auch die „Kulturland“-Kampagne Europa und war in zahlreiche Projekte mit dem östlichen Nachbarn involviert. Deshalb Platzeck bei der HBPG-Einweihung tapfer: Eingedenk von Irritationen sehe er „unser Land in der Pflicht, die enge deutsch-polnische Partnerschaft zu verteidigen“. Das neue Museum im Kutschstall führt den Besucher multimedial in 12 Abteilungen durch 1.000 Jahre Landesgeschichte, sieht dabei Preußen einmal von Brandenburg aus und perspektiviert mehr kultur-, sozial- und alltagsgeschichtlich als nach Haupt- und Staatsaktionen, dabei erfreulich unverkrampft und ohne historisch-korrekten Zeigefinger. Das Zentrum des Raums wird beherrscht von einem riesigen interaktiven Modell der Stadt Potsdam, von HBPG als Spiegel der preußischen Staatsidee gedeutet: Königtum, Verwaltung, Militär. Ikonographisch vielschichtige Monumente treten miteinander in Korrespondenz, so das Standbild Friedrich I., mit dem die Monarchie begann, und das der letzten Kaiserin Auguste Viktoria. Andere Zeichen, weniger spektakulär, doch gleich präzis, artikulieren die Vergangenheit auf ihrer Frequenz. Epochenthemen wie Reformation oder moderner Tourismus finden sich exemplarisch ausgelotet. Der Rundgang führt über die Nachkriegsjahrzehnte, wo uns auch der berüchtigte Agentenaustausch an der Glienicker Brücke begegnet, bis in die Gegenwart. Die schaffte die sozialistischen Bezirke ab und brachte die Neugründung des Landes. So treffen wir endlich auf das neue Demarkationssymbol mit dem preußischen Adler: „Willkommen – Land Brandenburg“. Weitere Informationen unter Tel: 03 31 /2 01 39 49 oder im Internet: www.hbpg.de Foto: Portal des Kutschstalls am Neuen Markt in Potsdam

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