Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Gesine Schwan statt Paris Hilton

Neue ambitionierte Zeitschriften standen in den vergangenen Monaten immer wieder unter dem Verdacht, bloß ein Nebenprodukt der Verlagskrise zu sein: Arbeitslose Journalisten, so hieß es, verwirklichen, da sie im Leben vorerst gescheitert sind, bis auf weiteres wenigstens ihren Traum und versuchen, sich und ihren ehemaligen Arbeitgebern zu beweisen, wie wertvoll sie doch eigentlich hätten werden können. Aus dieser Masse therapeutischen Schreibens hebt sich das Magazin Cicero wohltuend ab. Hier publizieren nicht Menschen, die gerne wichtig geworden wären, sondern dies bereits sind. Bei vielen von ihnen muß man ihre Relevanz sogar nicht einmal eigens in den Kurzangaben zur Person betonen, man kennt sie vielmehr aus zahlreichen anderen renommierten Medien, in denen sie zudem ähnliches von sich geben oder von sich geben lassen. Das hinter Cicero stehende Konzept wird im Willkommensgruß an die Leser, und hier meint man die als Gründer und Chefredakteur auftretende Edelfeder Wolfram Weimer geradezu genußvoll mit der Zunge schnalzen zu hören, auf den Begriff des „literarischen Salons“ gebracht. Das klingt nicht bloß blasiert, sondern ist leider auch durchaus zutreffend. In einem Salon, jedenfalls in einem solchen, der den Machern der Zeitschrift als Klischee vorzuschweben scheint, erfreuen sich die Besucher daran, von honorigen Köpfen umgeben zu sein und pflegen den Austausch anspielungsreicher Aperçus. All die amüsanten Beobachtungen, die man so zu machen pflegt, und die vielen hübschen Formulierungen, die man sich im Laufe der Zeit zurechtlegt, fließen zu einem Feuerwerk gepflegter Unterhaltung zusammen. Das Problem ist allerdings, daß ein Konzept, das diesen Stil als Magazin reproduzieren will, nicht tragen kann. Ein Aphorismus wird noch nicht dadurch zum Essay, daß man ihn etwas weitschweifiger formuliert. Entsprechend überschaubar ist das, was Cicero tatsächlich auf die Beine stellt, um dem hochtrabenden Anspruch, irgend etwas mit einem veritablen Geistesleben zu tun zu haben, wenigstens ansatzweise gerecht zu werden. Von Gesine Schwan erfahren wir beispielsweise, daß die Polen uns Deutschen an Tatkraft und Zuversicht voraus sind. Horst Köhler wiederum gibt bekannt, daß wir den Staat fit machen müssen und dem Einzelnen mehr Eigeninitiative zugetraut und zugemutet werden sollte. Richtig neu, überraschend oder gar interessant sind diese flink dahergedachten Gedanken nicht unbedingt, aber vielleicht kommt es der Redaktion von Cicero darauf auch gar nicht so sehr an, vielleicht möchte sie einfach nur, daß der Leser den Hut zieht und verzückt ausruft: „Na, das ist ja geradezu ein Ausbund von politischer Kultur, daß sich die beiden Kandidaten für das höchste Staatsamt mir sozusagen vorstellen, als wäre ich zu ihrer Wahl berufen!“ Auch Autoren, die schon wesentliches geschrieben haben, halten dieses Niveau. Robert Spaemann macht deutlich, daß Werte für eine Gesellschaft zwar irgendwie von Belang sind, aber auch ganz schön schnell zur Gesinnungsdiktatur verleiten können. Hans-Peter Schwarz entdeckt, daß die Roosevelt-Ära ohne Roosevelt genauso wenig vorstellbar ist wie die Adenauer-Ära ohne Adenauer oder die Mandela-Ära ohne Mandela, während man von Gerhard Schröder wohl noch nicht sagen kann, ob es überhaupt zu einer Ära reicht. „Was soll das eigentlich?“ mag man sich fragen. „Wozu das ganze?“ Wolfram Weimer lüftet in einer Art Nachwort das Rätsel. Cicero möchte wohl, so könnte man jedenfalls aus seinen Bemerkungen schließen, „die Grundmauern der Tradition freilegen, das Politische wieder als das Bürgerliche begreifen“ lehren. Zum Ausdruck gebracht werden soll damit vermutlich: Die Eliten dürfen die Politik nicht verachten, weil sie auf den Staat als die Stütze ihrer gesellschaftlichen Macht nicht verzichten können. Entsprechend harsch fällt in Cicero die Kritik an jenen aus, die zwar dazugehören, es aber in unverantwortlicher Weise übertreiben. So kriegt Josef Ackermann gleich mehrfach sein Fett ab – er könnte einem darob schon fast wieder sympathisch werden. Hilmar Kopper wird von einem Menschen, der sein Leben dem Schutz der Kapitalanleger verschrieben hat, zum Rücktritt aufgefordert – es wäre doch gelacht, wenn so viel bürgerliche Selbstkritik auf Dauer nicht zur Selbstreinigung und Genesung führen sollte! Kann ein Magazin, das letztlich die gleichen Leser wie GQ bedient, aber ohne Mode, Autos und Sex auszukommen meint, wirklich am Markt reüssieren? Bis die „Neon“-Käufer“ von heute so geworden sein werden, wie das Cicero-Publikum schon jetzt sein müßte, dürfte jedenfalls zuviel Zeit verstrichen sein. „Cicero ist der Urvater der politischen Debatte und geistiger Verfechter der res publica – und Kämpfer gegen die Entartung der Macht.“ Diese schlaue Begründung, die Wolfram Weimar der Berliner ta­geszeitung für den etwas altbackenen Namen seiner Zeitschrift gab, zeichnet leider ein etwas geschöntes Bild. Der Althistoriker Karl Christ urteilt hingegen über den historischen Cicero, daß er zwar „Symptome der Krise und des Verfalls konstatiert“. Er sei jedoch „in den traditionellen Kategorien der Führungsschicht befangen“ geblieben. „Er hat weder das ganze Ausmaß der tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen seiner Zeit gesehen noch wirksame Mittel zur Lösung der großen sozialen Probleme erkennen können.“ Insofern, aber auch nur insofern, hat sich diese Zeitschrift genau den passenden Namenspatron ausgesucht. Anschrift: Cicero, Berliner Str. 89, 14467 Potsdam. Das Einzelheft kostet 7 Euro, das Jahresabonnement 75 Euro. Internet: www.cicero.de

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