Conservare Communication „Grüner Mist“ – nein danke! #GrünerMist 2021

 

Ganz er selbst

This ain’t Rock’n’Roll – This is Genocide!“ Mit diesen Worten leitete David Bowie vor dreißig Jahren seinen inzwischen legendär gewordenen Glamrock-Klassiker „Diamond Dogs“ ein, den die Plattenfirma EMI nun zum Jubiläum als nobel gestaltete 2-CD-Box unter dem Titel „Diamond Dogs – 30th Anniversary 2 CD Edition“ erneut veröffentlicht. Selten war Bowie in späteren Jahren so sehr er selbst wie auf diesem Album, das sich vier Wochen lang an der Spitze der britischen Hitliste festsetzte und auch in den USA erfolgreich lief. „Diamond Dogs“ ist ein Konzeptalbum, das sich inhaltlich mit dem unzufriedenen Leben einer verrückten Unterschicht im 21. Jahrhundert auseinandersetzt. Zunächst wollte Bowie, der 1947 als David Robert Jones in der Londoner Arbeitervorstadt Brixton geboren wurde, George Orwells düstere Zukunftsvision „1984“ zu einem Rockmusical umgestalten. Hierfür schrieb er die LP-Songs „1984“ und „Dodo“. Doch Orwells Witwe winkte ab und verweigerte dem androgynen Rockstar die Rechte am Werk ihres verstorbenen Gatten. Begründung: Bereits die Kinoverfilmung des Literaturklassikers habe sie so schrecklich gefunden, daß sie es niemals mehr zuließe, wenn andere Künstler sich an „1984“ versuchen würden. Trotz dieser Absage bearbeitete Bowie auf „Diamond Dogs“, durchaus an Orwell angelehnt, das groteske Leben im Science-Fiction-Zeitalter. Inspiriert von Ted Brownings umstrittenem Horrorfilm „Freaks“ aus dem Jahr 1932 brillierte Bowie mit zynischen, aber stets treffenden Wortspielereien auf der Basis verschiedener Rockstile zwischen brachialem Hardrock (Titelsong), sanft wirkenden Pianoballaden („Rock’n’Roll with me“), verworrenen und doch discotauglichen Streicherexperimenten („1984“), avantgardistischen Klangkaskaden („Chant of the Ever Circling Skeletal Family“) monumentalen, aber stockdunklen Balladen („Sweet Thing“), jazzig-marschmusikähnlichen Ambitionen („Candidate“), krachenden Gitarrenorgien („We are the Dead“) – und natürlich dem herausragenden Riffrocker „Rebel, Rebel“. Zusätzlich gibt es auf einer zweiten CD acht teils unnötige, teils hochspannende Bonuslieder zu hören, die alle mit dem LP-Meisterwerk aus dem Jahre 1974 zu tun haben. Während die Musical-Frühfassungen von „1984“ und „Dodo“ so dünn ertönen, als wären sie von einer x-beliebigen Tanzgruppe im Proberaum irgendeines Vorstadttheaters interpretiert worden, gewinnt der LP-Track „Candidate“ im saxophonlastigen Remix für den Kinofilm „Intimacy“ enorm an Schärfe und Aussagekraft. Für den Sammler interessant sind die leicht verkürzte und vom Original abweichend abgemischte US-Single-Version von „Rebel, Rebel“ sowie eine zusammengeschnittene Fassung des im Original rund sechs Minuten langen Titelsongs zugunsten einer „Best of Bowie“-Kompilation des holländischen Billiglabels K-Tel aus dem Jahre 1980. Stones-Gitarrist Ron Wood begleitete im Frühstadium der Aufnahmesessions zu „Diamond Dogs“ den Meister bei einer fetzigen Version von „Growin‘ Up“, einer eindringlichen Nummer von Bruce Springsteens 1973 veröffentlichtem Debütalbum „Greetings from Asbury Park“. Zudem stellte Bowie seiner einstigen Plattenfirma EMI die durchaus gewöhnungsbedürftige, aber nicht uninteressante Neufassung von „Rebel, Rebel“ zur Verfügung, mit der er seit einigen Jahren seine Konzerte einleitet. Im umfangreichen Beiheft der CD erzählt zwar Bowie-Biograph David Buckley detailreich die Entstehungsgeschichte des Albums, dafür aber fehlen die Liedtexte. Ein paar Fotos weniger, schon wäre genug Platz für die Texte gewesen. Trotzdem, „Diamond Dogs – 30th Anniversary“ ist ein wahres Hörvergnügen.

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