Für den Ausstieg aus der Krise

Die an die Tabugrenze der Moderne führende Frage einer radikalen Kritik der Aufklärung wurde über mehr als ein Jahrzehnt von der linksintellektuellen Theoriezeitschrift Krisis gestellt. Die Vorwürfe, daß eine konsequente Aufklärungskritik der „reaktionären Gegenaufklärung und kulturpessimistischen Antimoderne“ in die Hände spiele, trugen jedoch letztlich zur Spaltung des „Krisis“-Projekts bei. So war die Herausgabe der letzten drei Ausgaben der Zeitschrift nur gegen heftigen Widerstand einer Minderheit in der Redaktion möglich. Nach dem Auseinanderfallen des bisherigen Krisis-Zusammenhangs ist nun das von der Mehrheit der früheren Redaktion um den Nürnberger Philosophen Robert Kurz getragene Nachfolgeprojekt Exit! im Horlemann-Verlag erschienen. Die neue Theoriezeitschrift mit dem Untertitel „Krise und Kritik der Warengesellschaft“ will dabei ihren Akzent verstärkt auf die „Grundlagen der Moderne im bürgerlichen Geschlechterverhältnis (Abspaltungstheorie), auf die emanzipatorische Kritik des westlichen Aufklärungsdenkens sowie auf eine neue Sozial- und Ideologiekritik im Kontext der neuen sozialen Bewegungen“ legen. Polemik und „gewagte Thesen“, die „direkt als Einstieg in einen umstürzlerischen Diskurs dienen“, sollen weiterhin hier ihren Platz haben. Das Verhältnis von gesellschaftskritischer Theorie und Praxis, von Werttheorie und Wertkritik steht einmal mehr im Vordergrund, wobei der Frage, ob eine grundsätzliche Kapitalismuskritik nicht von vornherein als „zivilisationsfeindlich“ disqualifiziert werden kann, keineswegs ausgewichen wird. Wer allerdings als Leser seine Schwierigkeiten mit dem bewährten post-adornistischen Jargon und Duktus von Kurz & Co. hat, dürfte schnell wieder zu leichter verdaulicher Kost übergehen. Die bieten der akademische Traditionsmarxismus, das globalisierungskritische Spektrum oder die sogenannten „Antideutschen“ ja zur Genüge an, ohne jedoch jemals auf den Punkt zu kommen. Postmodern aber theoretisch altbacken zur „Multitude“ und „Zivilgesellschaft“ veredelt, werden hier noch einmal die alten Gespenster Proletariat, westliche Werte etc. aufgemöbelt, um zur endgültig letzten Schlacht anzutreten. Mit der Kritik des gesellschaftlichen Formprinzips und vor allem einer kategorialen Arbeitskritik verdirbt Exit! diesen Herrschaften jedoch den Spaß. Daß in diesem Kontext auch allerlei Verstiegenes zur Sprache kommt, soll aber nicht verschwiegen werden. Wenn Frank Rentschler in seinem Beitrag „Der Zwang zur Selbstunterwerfung“ anklingen läßt, das Politmarketing von Hartz IV bestehe in der „Verschleierung des dahinter stehenden autoritären Staatskonzepts“, ist das barer Unsinn. Den Ausführungen eines großstädtischen Sozialamtsleiters, die Gewährung von Sozialhilfe an kerngesunde junge Leute unter 25 erfülle den Tatbestand der „Verführung Minderjähriger“, möchte man sich sofort anschließen. Redaktion Exit, c/o Horlemann Verlag. Postfach 1307, 53583 Bad Honnef. Der Abopreis beträgt je nach Umfang zwischen 9 und 11 Euro für Einzelhefte. Internet: www.exit-online.org .

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