Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die vergessene innere Emigration

Es gibt einen öffentlichen Zeitgeist, der die Meinung der Umwelt bestimmt und beherrscht; und es gibt einen ver­borgenen, einen heimlichen Zeitgeist, der den späteren Charakter einer Epoche prägt.“ Diese Feststellung bezieht sich nicht auf die derzeitige Vorherrschaft „politischer Korrektheit“ und deren künftige Überwindung, sondern auf die Situation von Literatur und Publizistik während der NS-Zeit. Und sie wurde auch nicht heute getroffen, sondern 1949, und zwar von Hermann Kasack anläßlich der Verleihung des Berliner Fontane-Preises an ihn. Kasack, durchaus kein Konservativer, wußte, wovon er sprach. Peter Suhr­kamp hatte ihn 1941 – nach dem Tode Oskar Loerkes – in den nunmehr von ihm geleiteten Verlag, den früheren S. Fischer Verlag, als Cheflektor geholt. Was den zweiten Teil seiner Aussage betrifft, sollte Kasack aber bis heute nicht recht behalten: Der „verborgene, heimliche Zeitgeist“, womit er die literarische „innere Emigration“ meinte, hatte so gut wie keinen Einfluß auf die spätere Wahrnehmung der NS-Zeit. Eher trifft das Gegenteil zu: Die „innere Emigration“ wurde und wird vielmehr als Störfaktor bei der allseits opportunen Verurteilung des absolut Bösen gesehen und entsprechend pauschal negativ gewertet. Ja, mehr noch: Gibt es einerseits keine deutsche Geschichtsepoche, die stärker präsent gehalten wird als die „Nazi-Zeit“, so wurde andererseits über die „innere Emigration“ Schweigen verordnet. Hier lautet die Devise schlicht: „Für das Vergessen“. Durch deren Ignorierung in Wissenschaft und Öffentlichkeit soll eine Art damnation memoriae vollzogen werden: die Auslöschung, die Tilgung von Schriftstellernamen und ihrer Werke aus dem Gedächtnis der Nation. Ein Blick in die Namens- und Titelregister von neueren Enzyklopädien und Handbücher zeigt, daß diese Tabusierung in der Tra­dition obrigkeitsstaatlicher Umerziehung nach zwei Germanisten-Generationen mittlerweile vollzogen ist. Demge­genüber dürfte – und dies ist das andere verordnete Extrem – es wohl kein noch so entlegenes Produkt der Exillite­ratur geben, das nicht ebenso pauschal in den literarischen oder wenigstens moralischen Olymp gehoben worden wäre. Dieses eigenartige Auswahlverfahren, das mit literarischer Wertung wenig zu tun hat, trifft allerdings nur für die braune Diktatur zu. Die widerständige Literatur gegen den linken Totalitarismus der Sowjetunion bzw. der DDR samt ihrer Dissidenten und ihrem literarischen Exil hat bisher ähnliche Weiten nicht erlangen können. Daß Ignorieren etwas mit Ignoranz zu tun hat, sollte selbstverständlich sein – offenbar aber nicht für die noch herr­schende Lehre unserer Germanistik. Das hat sie allerdings mit allen anderen Wissenschaftsfächern gemein, die sich mit der NS-Zeit befassen. Ein geradezu missionarischer Exorzismus, eine aggressiv-moralisierende Feindschaft gegenüber jeglicher Forderung nach Differenzierung ist das Ende von Wissenschaft, der Suche nach Wahrheit. Es gibt aber immerhin Ausnahmen, die sich nicht mehr vom ideologischen Verfolgungswahn bestimmen lassen; ei­nige solcher Nonkonformisten der Germanistik sind in einem kürzlich erschienenen Sammelband mit ihren Studien beispielsweise über Gertrud von le Fort, Otto von Taube, Werner Bergengruen, Siegfried von Vegesack, Reinhold Schneider, Edzard Schaper, Theodor Haecker, Carl Muth und andere vertreten. Wie der Buchtitel „Die totalitäre Erfah­rung“ andeutet, wird hier keine Weißwäscherei betrieben, wird auf eine pauschale Abwertung nicht mit einer gene­rellen Aufwertung geantwortet. Ferner wird hier beispielhaft aufgezeigt, daß die beliebte absolute Entgegensetzung von „innerer Emigration“ und Exilliteratur zwar den aktuellen Sehnsüchten nach ideologischen Reinheitsgeboten entspricht, nicht aber der stets komplexeren Wirklichkeit. Dieser Band wird sicherlich noch keinen „Paradigmenwechsel“ einleiten; aber es wäre schon einiges gewonnen, wenn wieder bewußt würde, daß damals auch konservative Schriftsteller und Intellektuelle eine gefährdete Exi­stenz bewältigen mußten. Ganz abgesehen davon, daß mit diesen Studien wieder Namen und Werke in Erinnerung gerufen werden, die das verordnete Vergessen nicht verdienen. Hier sind Schriftsteller und Bücher zu entdecken, die heute weder in den meisten Schulen noch an Universitäten vermittelt werden. Frank-Lothar Kroll (Hrsg.): Die totalitäre Erfahrung. Deutsche Literatur und Drittes Reich. Duncker & Humblot, Berlin 2003, 315 Seiten, 34 Euro Dr. Klaus W. Wippermann war bis Mai 2003 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“) der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn. Foto: Werner Bergengruen (2.v.l.) erhält 1962 den Schiller-Gedächtnispreis: Gefährdete Existenz

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