Joachim Kuhs

 

Die Show geht weiter

Fast die ganze Welt und etwas weniger als die Hälfte der US-Amerikaner sind sich einig, daß George W. Bush ein ziemlicher Halunke ist. Von seinen Gegnern unter seinen Landsleuten wird der US-Präsident meistens leidenschaftlich gehaßt – mehr als andere republikanische Präsidenten in der Vergangenheit. Besondere Aufmerksamkeit haben aber solche Bush-Kritiker verdient die – anders als Michael Moore, der gegen die Republikaner an sich ist – aus seinem Lager stammen. So einer ist John Dean. Der frühere Kongreßabgeordnete diente Richard Nixon als Rechtsberater im Weißen Haus. Er erlebte den Niedergang der Nixon-Präsidentschaft infolge des Watergate-Skandals. In seinem Buch „Das Ende der Demokratie“ warnt er jetzt die Bush-Regierung vor einer Wiederholung. Wenig überraschend beginnt Dean seine Schmähschrift über den US-Präsidenten mit einem direkten Vergleich zwischen Bush und Nixon. Nixon war wie Bush ein Einzelgänger und verfolgte einen ähnlichen Politikansatz, der sich von der antietatistischen Grundhaltung der Republikaner abhob. Auch Nixon war machtbewußt und griff zuweilen im Wahlkampf zu „schmutzigen Tricks“, die ihn schließlich zum Rücktritt zwingen sollten (Watergate). Und nicht nur da: Besonderes Augenmerk lenkt Dean auf die Frau des Ex-Diplomaten Joseph Wilson. Valerie Wilson ist als CIA-Agentin von hochrangigen Regierungsbeamten enttarnt worden. Der Grund: Ihr Mann hatte Bush widersprochen und mußte bestraft werden, so Deans sehr schlüssige Spekulation. Eine ausgeprägte Gemeinsamkeit der beiden US-Präsidenten sieht Dean in dem Hang zur Geheimhaltung. Die Geheimniskrämerei bedrohe die Demokratie, weil Entscheidungen der Bush-Regierung nicht transparent seien, so Dean. Dies beginnt bereits bei Bushs Vergangenheit, über die er sich heutzutage weitgehend ausschweigt. Derzeit wird in Amerika viel spekuliert darüber, ob Bush Drogen wie Kokain genommen und auch verkauft hat. Daß er erheblich mehr Alkohol konsumiert hat, als einem jungen Menschen guttut, steht nach eigener Aussage fest. Trotzdem ist es ungerecht, daß auch Dean in dieses Horn bläst. Scharen von Journalisten sind ausgezogen, um Bushs Vergangenheit ans Tageslicht zu zerren. Doch die gleichen Journalisten haben unkritisch John Kerrys selbstgeschnitztes Bild vom Vietnam-Helden verbreitet. Erst als im Wahlkampf dessen frühere Kameraden eine andere Sicht der Kriegsgeschichten schildeten, begann auch die Ikone des gescheiterten Kandidaten als „Kriegsheld Kerry“ ins Wanken zu kommen. Staatspolitisch bedenklicher als Bushs durchzechte Studentenparties war dagegen das Verheimlichen des Gesundheitszustandes seines Vizepräsidenten, der auch nach dem Wahlsieg seine Rolle weiter besetzt. Dick Cheney hat ein schwaches Herz und könnte jederzeit ausfallen, was Dean zu ausführlichen Spekulationen veranlaßt, was im Falle eines Attentats auf Bush und des plötzlichen Ablebens von Cheney geschehen würde. Von Bedeutung sind auch die wirtschaftlichen Aktivitäten der beiden in der Vergangenheit. So war Bush ein mehr oder minder gescheiterter Geschäftsmann, dessen spätere Erfolge fast ausschließlich vom Leumund seiner Familie profitierten. Erst recht aber die Tätigkeit seines Vizes als Halliburton-Chef verdient es aufmerksam untersucht zu werden. Schließlich gehört der Konzern zu den wichtigsten Firmen, die den „Wiederaufbau“ des Irak organisieren – kurzum: Halliburton ist Kriegsgewinnler Nummer eins und wird es bleiben, was am steigenden Aktienkurs vom 3. November deutlich wurde. Cheney wird als der typische Strippenzieher im Machtgefüge des Weißen Hauses beschrieben. Er hat den Irak-Krieg eingefädelt und ökonomischen Nutzen daraus gezogen. Dean wörtlich: „Für Cheney paßte der 11. September perfekt ins Konzept.“ In diesem Zusammenhang analysiert Dean all die Lügen rund um die angeblichen Massenvernichtungswaffen. Bush hat die Nation an der Nase herumgeführt. Der Autor geht auch auf die weitverbreitete Annahme ein, die US-Regierung sei in den Terroranschlag vom 11. September verwickelt und habe den Terror als Vorwand genutzt. Matthias Bröckers Buch „Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. September“ (verkaufte Auflage: 100.000) wird namentlich erwähnt. Dies sei Ergebnis der Geheimniskrämerei der Bush-Regierung, schreibt Dean. Dean untersucht auch die Umweltpolitik. Er wirft Bush Untätigkeit vor. Weil er von der Industrie und deren Wahlkampfspenden abhängig sei, unterlaufe die Regierung Gesetze und gestatte der Industrie zum Beispiel erhöhte Schadstoffemissionen. Auch hier schießt Dean ein wenig über das Ziel hinaus. Beispielsweise ist für ihn der Kohlendioxid-Emissionenhandel, wie er auch in Europa gerade eingeführt wird, umweltschädlich. So hat Dean ein Buch vorgelegt, das fundamentale Kritik an der US-Regierungspolitik übt. Es liefert jene Details, die der Moore-Dokumentarfilm „Fahrenheit 9/11“ nicht liefern kann – und das Ganze ohne Moores Weltanschauung im Hintergrund. Der Republikaner Dean vollzieht mit diesem Buch den vollständigen Bruch mit seinem Präsidenten. Andere rechte Bush-Gegner wie der gleichaltrige Patrick Buchanan, der gerade das Bush-kritische Buch „Where the Right went wrong“ (Wo die Rechte falsch liegt) veröffentlicht hat, unterstützten trotz allem Bush im Präsidentschaftswahlkampf. Buchanan sagte kürzlich: „Wo Bush falsch liegt, liegt auch Kerry falsch. Aber wo Bush richtig liegt, da liegt Kerry immer noch falsch.“ Dean dagegen setzte offen auf den demokratischen Herausforderer Kerry. Eine Wiederwahl Bushs, prophezeit Dean, gefährde die Demokratie und die Freiheit Amerikas. Warten wir es ab. John Dean: Das Ende der Demokratie – Die Geheimpolitik des George W. Bush. Propyläen Verlag, München 2004, gebunden, 240 Seiten, 22 Euro

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