Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Sehnsucht nach dem Unendlichen

Die deutsche Romantik war von Anbeginn umstritten und wurde viel gescholten. Zuletzt meinte ideologiekritischer Nachkriegseifer gar, hier einen Obskurantenklub aufzudecken. Die polemische Sonderwegthese ward unerbittlich auf die Romantiker angewendet. Nun fühlten sich all jene bestätigt, die von Heines jungdeutschen Pamphleten bis zu Thomas Manns deutscher Satanologie in der Romantik Wirklichkeitsflucht, Machtanbetung, Verantwortungslosigkeit und Gewaltkult witterten. Noch Gordon Craigs einflußreiches Buch „Über die Deutschen“ (1982ff.) zieht eine direkte Linie zu Hitler. Sein geschichtsklitternder Blick unterstellt den Romantikern Geistverachtung, Naivität, Todesbesessenheit und Ignoranz der Praxis. Im Hintergrund stehen dabei Max Weber, John Dewey und Karl Popper. Mittlerweile ist es recht still um die Romantiker geworden. Ein paar Literaturfreunde erinnern sich vielleicht noch einer Handvoll poetischer Arbeiten, an die Geschwister Brentano oder Eichendorff, an Dramen Kleists oder Nacht-stücke von E. T. A. Hoffmann. Schon das poetische Genie Ludwig Tiecks und sein literarisches Universum sind vergessen, bleiben eingesargt in der Germanistengruft, wie eben erst sein 150. Todestag verdeutlicht hat. Wenn sich zudem eine Wolke sentimentaler Klischees um die Epoche legt, ist sie vollends kastriert, vergißt sich, wie sehr diese gar nicht primär ästhetisch, sondern eine akademische Bewegung war: Wissenschaft und Philosophie. Als solche gehört sie dem Deutschen Idealismus an, der in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts sich mit großem spekulativer Elan in die Wirklichkeit warf, wobei „spekulativ“ hier das Gegenteil von Willkür meint, vielmehr: allseitiges Erfassen und geistige Durchdringung der Welt. Mit großem Enthusiasmus und intellektueller Kraft stehen die Romantiker nicht nur auf der Grenzscheide zwischen alter Welt und Moderne, sondern vermitteln denkerisch auch Mystik und Naturphilosophie an die neuen Kulturwissenschaften, deren Fundamente sie legen. Selbständiges Denken und Enthusiasmus zur Wahrheit Als eigentlicher Philosoph der „romantischen Schule“, ihr universaler Denker, darf Friedrich Schlegel gelten, der vor 175 Jahren starb. Allein am Leitfaden seines Genies durch Leben und Werk ließe sich eine komplette Geschichte der Romantik schreiben. Schon bei Lebzeiten ungläubig angestaunt, als pfäffisch, fett und bequem verketzert, ja gar als wirrer Prophet, hatte Schlegel auch postum ein wechselvolles Schicksal: Zwar rühmte Wilhelm Dilthey den geisteswissenschaftlichen Pionier, doch wurden dessen Papiere zerstreut, und die katholische Görres-Gesellschaft, seine Nachlaßhüterin, versteckte Schlegels nonkonforme Gedanken, bis sie plötzlich 1945 gleich einem Schatz wieder auftauchten. Wer also war der Kopf, dessen lebenslange Sehnsucht dem Unendlichen galt? Friedrich Schlegel wurde 1772, fünf Jahre nach seinem gleichfalls legendären Bruder, August Wilhelm, dem Shakespeare-Übersetzer, in Hannover als Sohn eines evangelischen Superintendenten geboren, am Ende einer langen Reihe Juristen, Pastoren und Schriftsteller. Schlegel selbst hat sein protestantisch-kritisches Erbe später charakterisiert als: Freiheit, Mut, Selbstdenken und Enthusiasmus zur Wahrheit. Nach Studienjahren in Göttingen und Leipzig entschließt sich Schlegel schon 1791 zum Beruf kritischer Autorschaft. Er beschäftigt sich intensiv mit der Poesie der Alten und veröffentlicht zwischen 1794 und 1797 Bahnbrechendes zur griechischen Kultur, die er als „Bild vollkommener Menschheit“ rühmt, ein Ideal der Harmonie, die den Antagonismus der menschlichen Natur versöhnt. Ein großer Essay gilt Lessing, an dem er auch sein neues kritisches Programm entwickelt. Erst die Romantiker haben Kritik als große Herausforderung und geistige Anstrengung begriffen. Es geht nicht um ein äußerliches Beurteilen von Menschen oder Kunstwerken, vielmehr um Erkenntnis des inneren Prinzips einer Sache und deren Nachkonstruktion, das Erfassen ihrer Individualität: „Charakteristik“, sagt Schlegel. In Berlin, wo die junge Generation den Kampf mit dem Rationalismus der Spätaufklärer eingeht, wohnt Schlegel mit dem romantischen Theologen Schleiermacher zusammen, mit dem er den ganzen Platon übersetzen will, und lernt 1797 Dorothea Veit, die Tochter Moses Mendelssohns, kennen und lieben. Sie verläßt ihren Mann für Schlegel. Beide bilden seitdem das archetypische romantische Paar, dessen Liebe, ein absolutes Prinzip, die bürgerliche Konvenienzehe außer Kraft setzt. Den Skandal zu vollenden, gestaltet der junge Autor sein Liebeserlebnis im experimentellen Roman „Lucinde“ (1799), wo er in offener Form verschiedenste literarische Muster vereint zu einem arabeskenreichen „Roman des Romans“, einer allegorischen Poesie, deren raffinierte Ästhetik erst heute recht gewürdigt wird. Durch seines Bruders Mitarbeit an Schillers „Horen“ kommen Schlegel und Dorothea September 1799 nach Jena, wo sich im Hause August Wilhelms und Carolines nun der ganze frühromantische Kreis versammelt: Tieck, Novalis, Schelling. Von hier hat man die „romantische Schule“ datiert. Deren funkelnder Ideenreichtum ergießt sich nun in die neue Zeitschrift der Brüder, das Athenäum (1798-1800), das programmatisch die Einheit des neuen Geistes erweisen soll. Intellektualität und Poesie entspringen der Geselligkeit, den unaufhörlichen Gesprächen, dem Vorlesen, Diskutieren, Sprachstudium, Scherz und Satire. Also propagiert Friedrich ein rechtes „Symphilosophieren“: Witz, Ironie, Liebe und Freundschaft bezeichnen die Triebkräfte, paradox bleibt der Widerstreit des Relativen mit dem Unbedingten, des enzyklopädischen Unendlichkeitsdrangs mit dem subjektiven Ausdruck. Dem kommen Fragment und Aphorismus entgegen, die, sprühenden Funken gleich, Schlegels Einfälle verkünden. Der Historiker sei ein „rückgewandter Prophet“, und Fichtes Wissenschaftslehre, die Französische Revolution und Goethes Willhelm Meister hält er für die „größten Tendenzen des Zeitalters“. Publizistischer Kampf gegen Napoleon Modernistisch hat man den frühromantischen Kunstbegriff der „progressiven Universalpoesie“ als „unabschließbares Reflexionsmedium“ (W. Benjamin) mißdeutet. Wohl sind diese Gedankensplitter Ausdruck einer erstmals ganz autonomen Subjektivität. Doch rücken sie alle zugleich die Idee der Totalität, den Drang zur Synthese ins Bild. Im selben Athenäum heißt es: „Die Religion ist die allbelebende Weltseele der Bildung“, und das „Gespräch über die Poesie“ präzisiert kulturtheoretisch: „Es fehlt, behaupte ich, unserer Poesie an einem Mittelpunkt, wie es die Mythologie für die (…) Alten war, und alles Wesentliche (…) läßt sich in die Worte zusammenfassen: Wir haben keine Mythologie (…) als Quelle der Phantasie, und lebendigen Bilder-Umkreis jeder Kunst und Darstellung. Aber, setze ich hinzu, wir sind nahe daran, eine zu erhalten …“ Dahinter steht die romantische Geschichtstheorie der drei Zeitalter, wie sie gleichzeitig Novalis in seinem Essay „Die Christenheit und Europa“ (1799) formuliert hat. Die religiöse Einheit des Mittelalters entließ aus sich die neuzeitlichen Individualformen von Künsten, Wissenschaften und Nationalkulturen. Vielfalt wandelt sich jedoch in der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrem neuen System ökonomischer Arbeitsteilung und egoistischen Gewinnstrebens zur Entfremdung und radikalisiert sich unter dem Druck weltgeschichtlicher Beschleunigung. Diese dezentrierte Welt, dieser Mensch, vereinzelt und zersplittert, sollen nun re-integriert werden in einem dritten Schritt, der „Einheit in Freiheit“, was zunächst die idealistische Philosophie leisten soll. Schlegel habilitiert sich in Jena und liest über Transzendentalphilosophie, in Dresden (1802) beschäftigt er sich mit bildender Kunst. Diese bestimmt thematisch auch seine neue Zeitschrift, die Europa (1803-05), die er in Paris redigiert. Im urbanen Zentrum der Epoche angelangt, wendet er sich dem Persischen und Sanskritstudien zu, die ihn zum großen Werk „Über Sprache und Weisheit der Indier“ (1808) inspirieren, mit dem er das vergleichende Sprachstudium und die Indologie begründet. Der Orient erscheint nun als menschliche Urheimat und Quelle religiöser Regeneration. Mit den Brüdern Boiserée, die aus den von der Säkularisation (1803) verschleuderten Kirchengütern liebevoll eine Kollektion altdeutscher Malerei zusammentragen, reisen Schlegel und Dorothea nach Köln (1804-08). Zusehends erscheint ihm nun die christliche Symbolik als Erfüllung jenes Projekts, das „ich sonst als neue Mythologie für die neue Zeit suchte“. In Köln konvertiert das Ehepaar zum katholischen Glauben, was einen erneuten Skandal auslöst. Diese Konversion steht nicht für sich, ist unter Intellektuellen ein Epochenphänomen, romantischer Ausdruck von Selbstobjektivierung und der Option für eine „konkrete Ordnung“. Dazu paßt die Übersiedelung nach Wien (1808), wo Schlegel in staatliche Dienste und den publizistischen Abwehrkampf gegen Napoleon eintritt und in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod eine reiche Vortragstätigkeit entfaltet. Herausragend seine Zyklen „Über die neuere Geschichte“ (1810) und „Geschichte der alten und neuen Literatur“ (1812). In dieser romantischen Geschichtsbetrachtung vollendet sich das Projekt Herders: die Ablösung der kausalen durch die organische Sichtweise, die historische Individualisierung als Relativismus gegen eine universalistische Norm, die nivellierend alles der Linie des Fortschritts unterwirft. Dem tritt das Verstehen des je Einzigartigen entgegen, das gleichwohl nicht vereinzelt bleibt, sich vielmehr einem universalen Gang des Geistes einordnet. Wie bei Hegel heißt Historie hier die Verwirklichungsstätte des Absoluten. Schlegels rege Tätigkeit auf dem Wiener Kongreß setzt sich fort in einer dreijährigen Gesandtschaft beim Deutschen Bund in Frankfurt (1815/17). Da seine Initiativen zur Stärkung der Kirche Metternich mißfallen, wird er frühzeitig pensioniert, was ihm erlaubt, sich weiter publizistisch zu engagieren und seine Spätphilosophie auszuarbeiten. Im Zentrum steht dabei das letzte Zeitschriftenprojekt, die Concordia (1820/23) mit dem großen geschichtsphilosophischen Aufsatz „Signatur des Zeitalters“. Ihr Kreis versammelt die wichtigen Köpfe der katholischen Spätromantik aus München und Wien: Joseph Görres, Franz von Baader, Adam Müller, Karl L. von Haller, Zacharias Werner. Die Gruppe steht kritisch gegen den bürokratischen Absolutismus wie die Restaurationspolitik, aber auch gegen Revolution und Liberale. In absolutistischer Staatsgesinnung, Revolution und napoleonischem Imperialismus erkennt Schlegel gleichermaßen eine totalitäre Substanz der Moderne. Der Zerfall der ständischen Welt reduziert die Individuen auf Sozialatome, tilgt den „ganzen unsterblichen Organismus des Volkes“, den „Zusammenhang mit Natur, Geschichte, den besonderen Korporations- und Kulturformen“, ohne die der Mensch sein Schicksal nicht gestalten kann. Gerade bindungslose Subjekte werden einem rücksichtslosen politischen Willen anheimfallen, der sie zu neuen Massen formiert: So lautet die hellsichtige Vorwegnahme des totalitären Prinzips. Der Konvertit stieß sich am rabiaten Katholizismus Deshalb wendet sich Schlegel auch gegen Naturrecht, formale Demokratie und entwickelt eine kritische Staatstypologie: „Antistaat“ und „Eintagsstaat“ werden scharf seziert. Ihrer „Negativität“ wie dem brutalen „Universalismus“ Napoleons setzt er das „wahre Kaisertum“ Österreichs und dessen mitteleuropäische Mission entgegen, begründet also den „Habsburg-Mythos“ (C. Magris). Die christliche Kirche in ihrer katholischen Form symbolisiert ihm dabei die übernationale (nicht internationale) Einheit Europas. Hier findet sein lebenslanges Streben, eine Konkordanz von Wissen und Glauben zu erreichen, zur Ruhe. Und doch nicht ganz. Der Konvertit, dessen mystisches Einheitsdenken Mißtrauen erregte, stieß sich zunehmend am rabiaten Katholizismus und der parteimäßigen Kirchenpolitik dieser Jahre, die Schlegel geradezu ein Verrat am Glauben schien und sich zur Konfrontation mit französischen Katholiken, zumal Joseph de Maistre, zuspitzte. Hier erkannte er einen neuartigen Fundamentalismus, der „ganz äußerlich, ohne alle tiefe theologische Einsicht und christliche Liebeskraft, fast in einer Art von Buchstabendienst und starrer Gesetzesreligion eines neuen katholischen Judentums überzugehen droht“. Schlegel erarbeitete seine späte Lebensphilosophie, deren drittes Stück, die Philosophie der Sprache und des Wortes, ihn zu öffentlichen Vorlesungen nach Dresden führte. Während seines Aufenthalts traf ihn urplötzlich ein Schlaganfall, der ihn am 12. Januar 1829 am Schreibtisch überraschte. Der abgebrochene Satz auf dem Papier hatte das „ganz vollendete und vollkommene Verstehen“ zum Thema gehabt.

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