Die Sache des Volkes

Seit vielen Jahren ist sie das wohl meistgelesene Organ der europäischen „Neuen Rechten“­­: die französische Zeitschrift Éléments. Dem des Französischen etwas kundigen Leser bietet sie immer wieder das Gefühl, ein professionell aufgemachtes Magazin in Händen zu halten, das sich nicht den Geboten und Sprachregelungen des liberalen middle of the road verschrieben hat. Nicht die Tagespolitik wie bei den üblichen deutschen Magazinen steht hier im Vordergrund, sondern Literatur, Geschichte, Wissenschaft, Geopolitik, Philosophie und der politische Hintergrund. Die jüngst erschienenen Nummern befaßten sich unter anderem mit so unterschiedlichen Schwerpunktthemen wie Imperialismus, Kritik der Menschenrechte, bedrohte Völker oder dem deutschen Staatsrechtler Carl Schmitt. Die aktuelle Nummer der Éléments ist dem Thema Populismus gewidmet. Dringt man tiefer in die Aufsätze zu diesem Thema ein, etwa das Editorial von Robert de Herte oder die verschiedenen, durchweg ganz ausgezeichneten Texte zu diesem Thema im Dossier des Heftes, dann wird klar, wie ähnlich die Mechanismen zur Verurteilung des Phänomens Populismus in den europäischen Ländern sich inzwischen geworden sind. Auch in Frankreich gibt es eine geradezu angstvolle Aggression der herrschenden Politik gegenüber dem Populismus. Der Populismus bietet, so Alain de Benoist, eine Alternative zur neoliberalen Hegemonie, er spielt eine befreiende Rolle in bezug auf die repräsentative Demokratie und findet schließlich seine ursprüngliche Funktion wieder: nämlich die, der „Sache des Volkes“ zu dienen. Die „Sache des Volkes“ zu vertreten, das empfand die 68er-Linke in Frankreich wie in Deutschland einmal als ihre vornehmste Aufgabe. Diese Sache hat heute schlechte Anwälte. Die Aussage gerade auch linker Politiker diesseits und jenseits des Rheins, daß bestimmte Dinge nicht in die Hand des Volkes gehören, trifft auf das konstante Unbehagen des Volkes. Merkwürdigerweise handelt es sich bei diesen ausgeklammerten Themen fast stets um die entscheidenden Lebens- und Zukunftsfragen des Volkes. In Frankreich hat dieses Unbehagen, so Paul Masquelier, zuletzt die Linke im Präsidentschaftswahlkampf erfahren müssen, als in der Stichwahl als Gegenkandidat für Jacques Chirac vom Wähler nicht der Sozialist Lionel Jospin bestimmt wurde, sondern Jean-Marie Le Pen. Die Linke habe sich längst vom Volk verabschiedet, und das Volk hat ihr gezeigt, was es davon hält. Die Linke, so Masquelier, trifft diese Abwendung vom Volk deshalb in ganz besonderem Maße, weil der Sozialismus ja ursprünglich eine genuin populistische Bewegung war. Die Hinwendung der Linken zu New Labour, der „Neuen Mitte“ und zu den Ideen des Globalismus führt deshalb bei ihr zu besonders schweren Konsequenzen. Denn nicht nur Konservative und Rechte sind politisch heimatlos geworden. Der immer stärker hervortretende Antipopulismus wird gerade auf der linken Seite besonders streng durchgeführt. Nicht nur der „Polizei-Journalismus“ der linksliberalen Le Monde ist dafür ein Indiz, sondern die political correctness als Gesamtphänomen. Die antipopulistische linke Entsprechung in Deutschland findet sich in ihrer schärfsten Form in der Frankfurter Schule um Adorno und ihren Epigonen um Habermas, vertreten heute durch die „Antinationalen“ bzw. „Antideutschen“ um Trittin. Dieser hatte bereits 1997 in der Euro-Debatte den denkwürdigen antipopulistischen Satz ausgesprochen: „Ich bin und bleibe Antifaschist, und für mich ist Linkssein gleichzusetzen mit Antinationalismus…“. Dies sei für ihn der Grund, warum das Volk bei der Euro-Einführung nicht mitreden dürfe (Jungle World, Nr. 34/97). Ein weiteres Thema hat Éléments aufbereitet, das auch für Deutsche von Interesse ist: Alain de Benoist schreibt über „Paris-Berlin-Moskau: Die Achse, vor der Washington zittert“. Der Titel bezieht sich auf ein leider immer noch nicht aus dem Französischen übertragenes gleichnamiges Buch des französischen Autors Henri de Grossouvre (JF 50/02). Geopolitische Diskussionen werden, und das unterscheidet Frankreich von Deutschland, immer vor sehr praktischem Hintergrund geführt. Das Thema ist und bleibt brandaktuell: Insbesondere die amerikanischen Neokonservativen wie etwa Robert Kagan (Macht und Ohnmacht in der neuen Weltordnung, Berlin 2003) haben stets über die europäische Unfähigkeit sich zu organisieren gehämt. Andererseits spricht die dem gleichen Lager angehörende, äußerst einflußreiche Heritage Foundation (Policy Research and Analysis, 28. August 2003) von den Gefahren einer solchen „Achse“, die ein globales Gegengewicht zu den USA bilden könnte, weil sie „potentiell alle Elemente einer großen Macht“ habe. Analysen wie diese Benoists wird man in deutschsprachigen Magazinen wohl noch lange vergeblich suchen. Es gibt keine neue Ausgabe der Éléments, aus der man nicht etwas Neues und sei es einen neuen Blickwinkel mitnimmt. Wohl dem, der etwas Französisch kann. Anschrift: Éléments, 18-24 quai de la Marne, F-75164 Paris, Cedex 19. Internet: elements@labyrinthe.fr . Das Jahresabo mit fünf Ausgaben kostet 28,25 Euro.

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