Superwahljahr

 

Die Religion der Vaterlandsliebe

Fast täglich erscheinen in der FAZ Traueranzeigen mit dem Eisernen Kreuz. Sie erinnern an Gefallene der deutschen Wehrmacht. Nur wenige der hinterbliebenen Geschwister oder Kinder erliegen dabei der Versuchung, dieses kleine Forum zu nutzen, um mit kritisch-distanzierenden Wendungen über die „Sinnlosigkeit“ des Soldatentodes hervorzutreten. Angesichts des herrschenden bundesdeutschen Zeitgeistes ist es sogar höchst erstaunlich, daß die meisten Anzeigen sich jener Formel bedienen, die auch der Bruder des am 1. September 1944 über Belgien gefallenen Leutnants Wolfgang Schubart wählte: „Er gab sein Leben für Deutschland“ (FAZ vom 1. September 2004). Wie kommt ein junger Mensch dazu, sein Leben „für Deutschland“ zu opfern? Was ist überhaupt „Deutschland“? Die Anzeigen, die bis zum 8. Mai 1945 in deutschen Zeitungen erschienen, enthielten zumeist die Formel „gefallen für Führer, Volk und Reich“. Sieht man einmal von der Frage ab, ob eine Person, „der Führer“, Deutschland verkörpern kann, und ignoriert das schillernde „Reich“, bleibt der Kollektivsingular „Volk“, also knapp achtzig Millionen andere Deutsche, von denen der gefallene Soldat die allermeisten nicht kennt, aber trotzdem bereit ist, sich für diese anonyme Masse zu „opfern“. Solchen Paradoxien scheint mit dem Verstand schwer beizukommen. Und doch ist soviel klar, daß diese im 20. Jahrhundert nicht allein in Deutschland vermeintlich selbstverständliche Opferbereitschaft eine bestimmte psychische Disposition voraussetzt. Wie im „Prozeß der Zivilisation“ (Norbert Elias) der Mitteleuropäer erst langsam lernte, mit Messer und Gabel zu essen, so mußte er dazu gebracht werden, über den engsten Lebenskreis, über Familie, Haus und Hof hinaus, soziale Erwartungen zu verinnerlichen. Daß es einen Gemeinschaftsgeist geben könnte, der außerhalb des Individuums existierte und es mit anderen verbände, also einen „Volksgeist“, der wie ein Geist über dem Wasser schwebte, ist zum Abschluß dieses Verinnerlichungsprozesses zwar allgemein akzeptiert worden, aber nach 1945 tat man das genauso allgemein als gefährlichen Irrglauben ab, als Massenwahn. Seitdem gilt: Es gibt nichts als das Individuum, den „Einzigen und sein Eigentum“ des Anarchisten Max Stirner, und nur im Laufe sozialpsychologisch höchst komplexer, bis heute von der Forschung nicht erfaßter Interaktionen speisen die unabhängig voneinander lebenden, durch keinen „Gemeingeist“ von vornherein determinierten Individuen ihre seelischen Energien in Kommunikationsnetze, die ein labiles Miteinander ermöglichen. Und dieser herrschende Glaube an das kollektiv indeterminierte Individuum, das sich jederzeit und an jedem Ort mit anderen verbinden kann, ist bekanntlich der harte Kern des multikulturellen Credos. Die jüngere Forschung zur Geschichte des Nationalismus scheint vor diesem weltanschaulichen Hintergrund ihre Hauptaufgabe darin zu sehen, die lange als quasi-natürliche Einheit akzeptierte Nation historisch zu destruieren und relativierend zu entwerten. Die „aufklärerischen“ und „ideologiekritischen“ Töne sind denn auch mitunter so schrill, daß die auf diesem Forschungsterrain tätigen Ideenhistoriker das Objektivitätsgebot oft genug mißachten. Dem Kölner Nationalismus-Experten Otto Dann, nach einem Vierteljahrhundert intensiver Forschung nahezu eine Institution auf diesem Gebiet, wird man einen solchen Vorwurf nicht machen dürfen – obwohl Dann, wenn auch weitgehend sine ira et studio, viel dazu beigetragen hat, dem Absolutheitsanspruch des Nationalen das Wasser abzugraben. Geht es doch Dann und seiner Schule seit langem darum, die zeitliche Bedingtheit aufzuweisen, in der sich ein „Prozeß der Politisierung“ der Massen vollzog, an dessen Ende dann der Einzelne sich mit dem Schicksal des Ganzen so verbunden weiß wie das Kind mit seinen Eltern. Als jüngste Probe aus seiner Werkstatt liegt ein stattlicher, von Dann zusammen mit dem Prager Emeritus Miroslav Hroch und Johannes Koll, dem jungen Münsteraner Fachmann für den „Benelux“-Nationalismus, edierter Aufsatzband über „Patriotismus und Nationsbildung am Ende des Heiligen Römischen Reiches“ vor. Der kürzeste Beitrag des Bandes, die Einleitung von Dann und Hroch, ist zugleich der gedankenreichste. Er führt in die Vertracktheiten des Forschungsfeldes ein und steckt in dem Augenblick mitten in den methodologischen Aporien, wo die beiden Historiker den Zauberwürfel der „Identität“ auspacken. Im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert sollen sich die „soziopolitischen Identitäten“ in europäischen Gesellschaften ändern. Nachvollziehen an diesem Befund mag man, daß an die Stelle des „dynastischen Patriotismus“ das Bewußtsein tritt, nicht durch einen Herrscher, sondern durch gemeinsame Sprache oder Kultur verbunden zu sein. Aber wie vollzieht sich das im Detail? Die Fallstudien, die von einem Dutzend Beiträger mit großem Fleiß erstellt wurden, beantworten diese zentrale Frage nach der sozialpsychologischen Genese einer neuen kollektiven Identität allesamt nicht. Was statt dessen geboten wird, ist jeweils eine Phänomenologie des Wandels. So beschreiben die Aufsätze von Anke Waldmann und Holger Böning, die ein Viertel des Bandes beanspruchen, den Reichspatriotismus zwischen 1770 und 1800 bzw. den Patriotismus der aufgeklärten Intellektuellen in dieser Zeit. Gerade Böning analysiert anhand des populär-didaktischen Schrifttums mustergültig den Wertewandel und seine Konsequenzen. Nur erklärt er ausführlich das „Wie“ des Umbruchs, schweigt aber über das „Warum“. Reicht es aus, auf die „Weltfrömmigkeit“, die neue, um sich greifende Diesseitsorientierung im 18. Jahrhundert zu verweisen? Natürlich ist zu begreifen, daß mit dem Rückgang religiöser Erwartungen das Interesse an profanen Dingen des Lebens steigt. Langsam gewinnt der neue Glaube an Plausibilität, paradiesische Zustände durch die Verbesserung des Gemeinwesen herzustellen. Das Verantwortungsgefühl wächst über die engere Heimat hinaus, bis es sich auf die Nation fixiert. Mit der bloßen Beschreibung des Wandels weicht aber Böning, genau wie Andreas Gestrich und Cornelia Kaiser in ihrer quellengesättigten Momentaufnahme des patriotischen Orientierungswechsels in der Freien Reichsstadt Ulm, dem entscheidenden Problem aus, das Hroch in seinem Beitrag über die tschechische nationale Mobilisierung um 1800 aufwirft: „Die neu konzipierte nationale Identität konnte erst dann wirksam werden, wenn sie in breiten Schichten der Bevölkerung akzeptiert wurde.“ Welche Faktoren, welche emotionalen Dispositionen bewirken, daß die „alternative Identität“, die Bönings Aufklärer oder Hrochs Exponenten des Tschechentums „entwerfen“, die Massen mobilisiert? Welche Faktoren bewirken überhaupt, daß eine Avantgarde nach neuen Sinngebungen, Regeln, Werten sucht? Hroch verweist vage auf den „Zerfall der alten Werte“, auf soziale „Unzufriedenheit“ der „plebejischen Intellektuellen“ infolge der durch die josephinischen Reformen ausgelösten „Modernisierungskrise“, ohne das Entstehen der neuen „Religion der Vaterlandsliebe“ damit plausibel zu machen. Sieht man einmal von solchen recht markanten Erklärungsdefiziten ab, unter denen die Nationalismusforschung allerdings schon lange leidet, vermittelt der Band durch die Vielfalt der regionalhistorischen Zugriffe nicht nur einen lebendigen Eindruck von der Buntheit der politisch-sozialen Realität im untergehenden „Heiligen Römischen Reich“ und einigen der einst dazugehörenden Nachbarregionen. Die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Tirol, Westpreußen („Preußen königlich-polnischen Anteils“), Böhmen sowie die nationale Bewegung der Slowaken finden Berücksichtigung. Wichtiger ist, daß dieser territorialen Vielfalt in jeder Region dem Spektrum der Identitäten und Loyalitäten entsprach, aus der sich erst langsam die Dominanz des Nationalen herausbildete. Wenn Milos Reznik in seiner Studie über „Patriotismus und Identität in Westpreußen“ im Danzig, Thorn und Elbing des 18. Jahrhunderts eine gleich „doppelte, auf Polen und Deutschland hin ausgerichtete Identität“ konstruiert, so mag das in der Nachfolge der jüngsten Publikation über das „andere Preußen“ (Karin Friedrich: The Other Prussia. Royal Prussia, Poland and Liberty 1569-1772, Cambridge 2000) zwar politisch korrekt klingen, mit der historischen Realität hat diese nachträgliche Polonisierung des Weichsellandes und des Ermlandes wenig zu tun. Otto Dann, Miroslav Hroch, Johannes Koll (Hrsg.): Patriotismus und Nationsbildung am Ende des Heiligen Römischen Reiches. SH Verlag, Köln 2003, gebunden, 411 Seiten, 44,80 Euro Brustbild eines alten lesenden Bauern, Radierung von Daniel Nikolaus Chodowiecki, 1757: Um sich greifende Diesseitsorientierung

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