Superwahljahr

 

Der Scharfsichtige und der Mittelmäßige

Ein Vergleich zwischen Lion Feuchtwanger (1884-1958) und Edwin Erich Dwinger (1898-1981) scheint absurd und ungehörig zu sein, jedenfalls wenn man die aktuellen Maßstäbe zugrunde legt. Feuchtwanger ist 1933 aus Deutschland geflüchtet. In der einflußreichen, sechsbändigen „Illustrierten Geschichte der deutschen Literatur“ von Salzer und Tunk heißt es über ihn: „Politisch scharfsichtiger als die meisten seiner Kollegen“, seien ihm die „eindruckvollsten und künstlerisch gelungensten Produktionen der deutschsprachigen Exilliteratur gelungen“. Sein „scharfer, kritischer historischer Verstand und ausgeprägte Witterung für geschichtliche Übergangs- und Umbruchsituationen“ habe ihm ermöglicht, „schonungslos“ den „rassistisch-totalitären Charakter des Nazi-Regimes“ nachzuweisen. Feuchtwanger ist also eine feststehende, positive Größe in der deutschen Literatur. Seine Villa „Aurora“ auf den Hügeln über Los Angeles dient heute als internationale Künstlerresidenz und Treffpunkt für Schriftsteller. Dagegen Dwinger: Der Sohn einer Russin und eines Deutschen war Kriegsfreiwilliger, 1915 kam er schwerverwundet in russische Gefangenschaft. Er unternahm einen Fluchtversuch und geriet auf seiten der Weißen in die Revolutionswirren. 1921 kehrte er magen- und lungenkrank nach Deutschland zurück. Bücher wie „Armee hinter Stacheldraht“ oder „Zwischen Rot und Weiß“ waren laut „Illustrierter Literaturgeschichte“ Versuche, „seine Erlebnisse abzureagieren“. Im „Dritten Reich“ kam er zu hohen Ehren. Im Zweiten Weltkrieg war er Berichterstatter an der Ostfront. Heute wird ihm „schriftstellerische Mittelmäßigkeit“ attestiert. Seine Biographie sei ein Beispiel für den „widerstandslos vollzogener Übergang vom Bürgerlich-Nationalen über das Chauvinistisch-Nationalistische hin zum Faschistisch-Nationalsozialistischen“. Trotz aller Unterschiede gibt es eine thematische Überschneidung bei zeitlicher Koinzidenz: 1937 veröffentlichte Feuchtwanger im Amsterdamer Exilverlag Querido das Buch „Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde“. Ein Jahr zuvor war in Jena, im Verlag Eugen Diederichs, Dwingers Rußland-Buch „Und Gott schweigt …?“ erschienen, das im Untertitel „Bericht und Aufruf“ heißt. Eine hervorragende Möglichkeit also, Feuchtwangers scharfen historischen Verstand und Dwingers emotionsgeladene Mittelmäßigkeit zu vergleichen. Thematische Überschneidung trotz aller Unterschiede Bücher über die Sowjetunion waren seit den 1920er Jahren in Mode, die Flut der Veröffentlichungen ist unübersehbar. Den Anfang hatte 1919 der amerikanische Journalist John Reed mit seinem Erlebnisbericht über die Oktoberrevolution „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ gemacht. Der kommunistische Schriftsteller Franz Jung veröffentlichte 1920 seine „Reise nach Rußland“, in der er zum rechtlos gewordenen russischen Bürgertum lapidar feststellte: „Der Bürger ist zum Tode verurteilt. Er stirbt allmählich, aber er stirbt sicher.“ Es gebe „eben Naturgesetze, die der Mensch nicht ändern kann“. Die Bolschewiki waren ihr Vollzugsorgan. Jung ließ keinen Zweifel daran, daß „der noch zarte Keim Sowjetrußland über die Welt wachsen“ würde. Der populäre Journalist Egon Erwin Kisch erwähnt in „Zaren, Popen, Bolschewiken“ (1927) Zeichen von Armut und Verwahrlosung, wertet sie aber ausschließlich als Überbleibsel von Zarismus und Bürgerkrieg. Zum Schluß bekennt er, Freunde hätten ihn davor gewarnt, seiner Begeisterung über die Sowjetunion freien Lauf zu lassen, doch er könne nun einmal nicht anders. Im gleichen Jahr hatte der Schriftsteller F. C. Weißkopf das Gefühl, beim Wechsel des Zuges an der sowjetischen Grenze gleichsam ins 21. Jahrhundert umzusteigen. Doch nicht nur ausgewiesene linke Autoren berichteten euphorisch über das revolutionäre Rußland. Der Propagandawert eines Stefan Zweig („Reise nach Rußland“, 1928) dürfte für die sowjetische Führung noch höher gelegen haben. Zweig hatte auf Einladung der sowjetischen Regierung eine zweiwöchige, organisierte Tour durch Museen, Theater, Kirchen und Schulen unternommen. Manche Einzelheiten kamen ihm bizarr vor, der Gesamteindruck war aber positiv. Kritik richtete er an den Westen. Dieser habe „durch Nichtgenugwissen, Nichtgenuggerechtsein“ Unrecht getan gegenüber einem Volk, das „seit anderthalb Jahrzehnten so großartig duldet und mit heroischer Leidenschaft um einer Idee willen unzählige Opfer auf sich nimmt“. Wie dieses Dulden zu erklären war, wollte er lieber nicht wissen. Keinem dieser Berichte läßt sich ein einigermaßen realistisches Bild über die Geschehnisse im Land entnehmen. Die stalinistische Säuberung, die 1936 in voller Stärke einsetzte, war bereits die dritte große Terrorwelle, die über das Land raste. Revolution und Bürgerkrieg waren die erste Terrorphase, die Kulakenenteignung zwischen 1928 und 1930 die zweite. Wie Kai-Uwe Merz in dem Buch „Das Schreckbild. Deutschland und der Bolschewismus 1917 bis 1921“ (1995) für die Frühphase dokumentiert hat, konnte jeder in Deutschland, der informiert sein wollte, durch Berichte in der Presse oder der Emigranten über das Grauen informiert sein. Das gilt auch für die Zeit danach. Feuchtwanger reiste Ende November 1937 in die Sowjetunion. Er blieb mehr als zwei Monate und wurde wie ein Staatsgast hofiert. Am 8. Januar 1937 empfing ihn Stalin. Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch eines der Schauprozesse gegen die alte bolschewistische Führung, mit denen Stalin seine Konkurrenten beseitigte. Im April 1937 bereits hatte Feuchtwanger das Manuskript seines Buches fertiggestellt. Verfaßt war es als Erwiderung auf André Gides „Zurück aus der Sowjetunion“ (1936). Gide war einige Monate vor Feuchtwanger nach Rußland eingeladen worden. Er kam als erklärter „Freund der Sowjetunion“ und kehrte desillusioniert zurück. Er war entsetzt über die Armut, schlechte Versorgung, über die Arbeits- und Wohnverhältnisse und die neue Klassenherrschaft der Parteielite. Stalin verglich er mit Hitler und Mussolini. Fortan galt er den Kommunisten als Feind, Faschist und Trotzkist. Feuchtwanger stellte sich der Kampagne gegen den französischen Kollegen zur Verfügung. Zu Beginn des Buches bemerkt er, daß es in der Hauptstadt zwar noch „an mancherlei mangelt“, aber „die ganze, große Stadt Moskau atmete Zufriedenheit und Einverstandensein, mehr als das: Glück“. Dieses Glück entspringe der „einleuchtenden Planmäßigkeit der Wirtschaft, des ganzen Staatsgefüges“, die über die Engpässe perspektivisch hinausweise. Er zitierte die in der sowjetischen Verfassung verankerten Grundrechte der Arbeiter, als wäre das Papier in totalitären Staaten nicht das geduldigste der Welt! Den „Konformismus“ gegenüber der Generallinie der Partei -so nannte er die allumfassende Unterdrückung – könne man nicht tadeln, denn darin drücke sich „ein gemeinsames Bekenntnis zur gesunden Vernunft“ aus, die spätestens Mitte 1935 zum Durchbruch gekommen sei. Das war eine direkte Billigung des „Großen Terrors“, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Für Feuchtwanger war die sowjetische Politik „offenkundig vernünftig und im höchsten Sinne human“. Stalin beschrieb er als weisen, verschmitzten, fleißigen Arbeiter, der nichts als das Wohl seines Landes im Auge habe. Der Schauprozeß gegen Karl Radek und andere Altbolschewisten, den er besuchte, war nach seiner Darstellung „eine Diskussion, geführt im Konversationston, von gebildeten Männern geführt, die sich bemühten, festzustellen, welches die Wahrheit war“. Feuchtwangers Buch ist eines der infamsten und inhumansten Dokumente, die über die Stalin-Zeit verfaßt wurden. Sein Verfasser gilt dennoch als Lichtgestalt. Für den Feuchtwanger-Spezialisten Klaus Modick handelte es sich um einen „historischen Solidaritäts-Kompromiß“ Feuchtwangers, er habe in der Sowjetunion eine „antifaschistische Gegenkraft“ gesehen. „Nichts hinderte ihn mehr, in die Heimat zurückzukehren“ Dwingers Buch war nach dem „wahrheitsgetreuen Erlebnisbericht eines jungen Kommunisten entstanden, der im Sommer 1933 nach Rußland emigrierte“. Die Handlung ist simpel, sie folgt dem Muster des klassischen deutschen Bildungsromans. Der junge Mann reist mit großen Erwartungen nach Moskau, wo er zunächst umschmeichelt und mit anderen Gästen aus dem Westen durch mustergültige Betriebe, Kinderheime und Großbaustellen geführt wird. Immer wieder beschleicht ihn ein instinktives Unbehagen, so beim Anblick der „Gewesenen“, der Angehörigen des Bürgertums und alten Aristokraten, die rechtlos in dunklen Kellerwohnungen dahinvegetieren. Allmählich werden ihm die Augen darüber geöffnet, daß man ihm nur Potemkinsche Dörfer gezeigt hat. Er macht sich jenseits der Touristenpfade auf den Weg und taucht ein in die Welt des Massenhungers, der Verwahrlosung und totalen Willkür. Ausführlich referiert Dwinger den perfekt durchorganisierten, totalitären Alltag. Der Sowjetstaat stellte die Menschen vor die Wahl zwischen Gehorsam, Gulag oder Hungertod. Der Jungkommunist erkennt den Zynismus der wohlwollenden Rußland-Berichte, die im Westen auch von bürgerlichen Schriftstellern und Politikern verbreitet werden. Er löst sich von der Kommunistischen Internationale und erkennt in der kommunistischen Revolution eine große Gefahr für Europa. „Nichts hinderte ihn mehr, in die alte Heimat zurückzukehren, mitzuarbeiten an ihrem neuen Aufbauwerk – war sie nicht im Grunde das einzige Land, das sich noch einer Mission verpflichtet fühlte, der großen Mission des abendländischen Kulturmenschen, das tödliche Gift des Ostens abzuwehren?“ Dwinger hat die Mission des Nationalsozialismus in Deutschland gründlich verkannt. Aber ohne Stalin und seine bürgerlichen Verharmloser à la Feuchtwanger ist dieses Mißverständnis nicht zu verstehen. Fotos: Straßenszene in Moskau, 1935: Welt der Verwahrlosung und Willkür / Feuchtwanger, Dwinger: Der Vergleich scheint absurd, ja ungehörig

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