Den Motor abstellen

Der neue Werbespruch von Ikea ist genial. „Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?“ enthält den Schlüssel zum Glück, nach dem schon viele vergeblich suchten. Denn objektiv sind es die gleichen preiswerten Möbel, in denen einer bloßen Notwendigkeit folgend immer mehr Menschen hausen. Wer aber das Angebot zu schätzen weiß und sich an hübschen Kleinigkeiten freut, die das Möbelhaus aus Schweden durchaus enthält – ganz abgesehen vom Erfolgserlebnis des Aufbauens -, der hat kapiert, daß er hier und heute lebt, und daß es ein Dasein im Loft mit edlen Designermöbeln für ihn höchstwahrscheinlich nicht geben wird. Das ist die „Ikea-Philosophie“, und sie wird auch von einem anderen Schweden vertreten, Owe Wikström, der ein höchst erfolgreiches Buch mit dem blöden deutschen Titel geschrieben „Vom Unsinn, mit der Harley durch den Louvre zu kurven“. Auf schwedisch ist es unter „Langsamhetens lov“ 2001 erschienen, und das klingt, auch wenn man es nicht versteht, schon viel besser. Wikström ist Professor für Religionspsychologie an der Universität Uppsala, und Uppsala klingt viel besser als Religionspsychologie. Da denken wir heute zwangsläufig an Gehirnversuche, bei denen festgestellt werden soll, ob Gott im Mandelkern oder im limbischen System sitzt. Das ist allerdings nicht der Ansatz von Wikström. Bei ihm denken wir eher an eine Kreuzung zwischen einem depressiven Pfarrer, wie man ihn aus Ingmar-Bergman-Filmen kennt, und der hilfsbereiten Servicekraft bei Ikea. Denn das Buch geht scharf ins Gericht mit unserer modernen Lebensweise, eröffnet aber gleichzeitig einen einfachen oder scheinbar einfachen Ausweg: „Der Motor der Rastlosigkeit sitzt in einem selbst. Die Hetze von einem Ereignis zum nächsten ist eine Art, das diffuse Gefühl von Unzufriedenheit durch Strampeln zu betäuben.“ Das klingt schon beinahe nach Kierkegaard – obwohl der Däne war -, denn für Kierkegaard war das „diffuse Gefühl von Unzufriedenheit“ eindeutig der Hunger nach Gott und herrschte offenbar vor 150 Jahren in Kopenhagen schon ganz ähnlich wie im Zeitalter der piepsenden Handys und hupenden Autos. Wer kein Kenner ist, liest das Theologische bei Kierkegaard gar nicht heraus. Der Philosoph beschränkt sich auf eine erbarmungslose Analyse des weltlichen Daseins, aus der sich nur implizit die Alternative ergibt. So ähnlich geht auch Wikström vor. Seine Stärke ist die Schilderung von alltäglichen Abläufen, die man sich sonst nicht bewußt macht und die alle auf eine radikale Lebensänderung hinzielen. Und doch ist dieser Appell sinnlos, denn der „Motor der Rastlosigkeit“ sitzt eben nicht „in einem selbst“. Eine hochtechnisierte Gesellschaft hat zwangsläufig ein anderes Tempo. Da einzelne Verrichtungen heute nur noch einen Bruchteil der Zeit beanspruchen – denken wir nur ans Flugzeug und an die Mikrowelle -, ist es ganz richtig, wenn nun mehr in den Tag hineingepackt wird als früher. Wir würden uns sonst zu Tode langweilen, wie es heute schon große Teile der Bevölkerung tun, die eine wachsende Freizeit – oder Arbeitslosigkeit – nur noch mit Medienkonsum totschlagen können. Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern viel zu viel – abgesehen von Überfliegern wie Wikström, die hier eine Konferenz und da einen Kongreß haben und ständig um Stellungnahmen, Vorträge, Gutachten gebeten werden. Owe Wikström: Vom Unsinn, mit der Harley durch den Louvre zu kurven. Lob der Langsamkeit. Kontrapunkt Oesch Verlag, Zürich 2003, 255 Seiten, 14,90 Euro

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