Das ewige Dilemma

Vom 19. bis 21. November fand in Madrid der sechste Kongreß zum Thema „Katholiken und öffentliches Leben“ statt. Organisator war die Fundácion Universitaria San Pablo, die dem rechten Flügel des Partido Popular nahesteht, der bürgerlichen Partei des im März diesen Jahres abgewählten Regierungschefs José María Aznar. In anderen europäischen Ländern werden ähnliche Positionen von der Christdemokratie vertreten. Zu der katholischen Stiftung gehören mehrere spanische Universitäten. Sie veranstaltet jedes Jahr eine Tagung, zu der sich über tausend Studenten und Professoren zusammenfinden, um ein gemeinsames Thema zu bearbeiten. In diesem Jahr lautete es: „Europa, sé tu misma“ („Europa, bleib dir treu“). In einem Staat, wo die sozialistisch-marxistische Linke seit langem die intellektuelle Hegemonie im Bildungs- und Kulturwesen innehat, hält der geistige Widerstand an: Noch ist das klassische Gedankengut nicht völlig dem Angriff auf die natürlichen Institutionen und dem Schwund traditioneller Werte in der spanischen Gesellschaft zum Opfer gefallen. Vor allem ist die jährliche Zusammenkunft eine Gelegenheit, Intellektuelle, Akademiker, Schriftsteller, Journalisten und Politiker zu treffen. Die Mehrzahl der Beiträge widmeten sich eher konventionellen Fragestellungen wie dem Verhältnis zwischen Europa und Lateinamerika. Einige Vorträge jedoch stießen auf besonderes Interesse der Zuhörer. Vor allem galt dies für jenen des Polen Piotr Jarozynski über die „postmoderne Frustration“: Die Postmoderne, so der Professor für Kulturphilosophie an der Universität Lublin, sei dem Marxismus insofern sehr nahe, als sie keine Philosophie (Erkenntnis und Reflexion dessen, was ist), sondern eine Doktrin darstelle, die von ideologischen Grundsatzbegriffen und -annahmen ausgehend danach trachte, die Welt zu verändern. Das daraus resultierende politische Projekt habe aus der politischen Macht eine verbeamtete Kaste gemacht, deren Ziel darin bestehe, die Wirklichkeit und ihre Bedeutung zu revolutionieren, statt Sinn und Grundlagen des Existierenden zu respektieren. Dieser Analyse folgte Josep i Miro, Präsident der spanischen Vereinigung e-cristians (www.e-cristians.net), die christliches Engagement in Politik, Gesellschaft und Kultur intellektuell und praktisch unterstützt: Die postmoderne Welt habe vergessen, was Politik eigentlich sei, und „das individuelle Verlangen zu einer neuen politischen Kategorie gemacht“ – was ich begehre, muß öffentlich anerkannt werden, muß „verwirklicht werden können“. Dies ist die Konsequenz der liberalen Logik und zugleich die Negation des Politischen. Stringent zu Ende gedacht, führt es zu einer ständigen Konfrontation privater Interessen und Forderungen und dazu, daß alles als „Wert“ anerkannt wird, was konkret die Mittel (Medien, Lobbies) hat, sich Gehör zu verschaffen. Große Aufmerksamkeit erregte die Teilnahme Rocco Buttigliones, Minister für Europa-Angelegenheiten in Silvio Berlusconis Regierung, Papst-Berater und Philosoph, dessen Nominierung für den Posten des EU-Justizkommissars jüngst an einer Kampagne der Linken scheiterte. Er wiederholte seine Äußerungen vom 5. Oktober vor dem Ausschuß für bürgerliche Freiheiten des EU-Parlaments („Ich mag denken, daß Homosexualität eine Sünde ist, so hat das dennoch keinerlei Auswirkungen auf die Politik“) und warnte vor der Gefahr einer „totalitären Entgleisung des Liberalismus“. Soweit könne es kommen, wenn die politischen Machthaber sich ein Monopol auf Werte anmaßen und all jene bestrafen, die ihre eigenen Werte nicht teilen, sondern dagegenhalten, daß Macht im Dienste der Menschen und ihrer Natur auszuüben sei. So brillant er über Philosophie und Anthropologie räsonieren kann, so rein politisch vermag der Italiener doch zu denken. Fragen nach einem möglichen EU-Beitritt der Türkei beantwortete Buttiglione sehr ausweichend: Es gebe zehn Gründe dagegen und zehn Gründe dafür. Kurz sprach er die Notwendigkeit an, zu diesem Thema eine „breite Diskussion“ in die Wege zu leiten. Mit Blick auf die europäische Verfassung und die Probleme, die durch das Fehlen jedes Gottesbezugs in der Präambel sowie die im Artikel II-9 vorgenommene Unterscheidung zwischen dem Recht zu heiraten und dem Recht, eine Familie zu gründen, entstehen, sagte er, der Verfassungsentwurf sei zwar „nicht schlecht“, könne aber „verbessert werden“. Die französische Parlamentarierin der Regierungspartei UMP und ehemalige Europa-Abgeordnete Elisabeth Montfort, die zu den Galionsfiguren des Kampfes um die Erwähnung der christlichen Wurzeln in der EU-Verfassung gehört, bestärkte Buttiglione aus dem Publikum: Man habe den Kampf um den Wortlaut verloren, müsse man nun nicht den „Kampf des Geistes“ um dessen Deutung „gemäß unseren Werten“ führen? Doch liegt nicht gerade in dieser Frage das ewige Dilemma der christdemokratischen Rechten? Von einem guten Willen, der nicht seinesgleichen hat, und einer beispiellosen Realitätsferne läßt sie sich trotz der über die Jahrzehnte erlittenen Niederlagen immer wieder verleiten, Projekte zu unterstützen, über deren Unzulänglichkeit sie sich völlig im klaren ist – in der trügerischen Hoffnung, sie bei ihrer Umsetzung verbessern zu können. Foto: Rocco Buttiglione: So brillant er über Philosophisches räsoniert, so rein politisch vermag er zu denken

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