Pankraz, H. Pape und der sämige Wittgenstein-Wein

Die Krise des kritischen Denkens scheint einer versöhnlichen, sozialverträglichen Lösung zuzustreben. Professor Helmut Pape von der Universität Bamberg, Verfasser des scharfsinnigen Buches "Kreativität und Logik", hat eine Ich-AG gegründet, nämlich die Firma "Vinosophia. Wein & Philosophie". Er füllt Spitzenweine ab, versieht sie mit Etiketten und Prospekten und vertreibt sie in Eigenregie, "gern auch als Versandpaket für Freunde". Das Logo der Firma ist ein Spruch von Lichtenberg: "Es bekommt einer neuen Idee ausgezeichnet, wenn man sie im Lichte einer Flasche Wein betrachtet."

Das Geschäft läuft zufriedenstellend, speziell jetzt nach beendeter Weinlese und im Vorfeld von Weihnachten. Die Ware ist gut, die Etiketten sind noch besser. Es gibt einen "Kant-Wein" und einen "Wittgenstein-Wein", außerdem wird fein unterschieden zwischen "Wein für Philosophen" bzw. "Wein für Philosophinnen". Letzterer ist ein roter Fitou AOC aus Frankreich, Jahrgang 2001, "nuancenreich, dunkel, sämig und doch fruchtig. Er wurde sechs Monate lang im Eichenfaß ausgebaut und verbindet den Geschmack schwarzer Johannisbeeren mit dem von Zimt und Thymian".

Der "Wein für Philosophen" hingegen ist ein gelber Corbières AOC von 2002, "vollmundig, kräftig, duftend nach den Kräutern der Berge und von angenehm milder Säure". Auch der "Kant-Wein" hat einen entschieden männlichen Charakter. Er ist "klar, intensiv und kräftig". Seine "ausgewogene Komplexität" geht zurück auf die Rebsorte Macabeu, die im Norden Spaniens gedeiht.

Knüller im Angebot von Professor Pape ist zur Zeit der hellrote "Wittgenstein-Wein". Er kommt, wie es sich für Wittgenstein gehört, aus Österreich und verbindet kühn die Sorten Blauer Zweigelt und Pinot Noir. Sein Bukett ist "von unvergleichlicher, intensiver Fülle, was ihn besonders geeignet macht als Begleiter kräftiger Speisen, beispielsweise Rinderbraten und würziger Käse".

Freilich, trotz solcher Vor-
züge überzeugt die Kenn-
zeichnung als "Wittgenstein-Wein" nicht so recht. War das Werk von Wittgenstein denn eine Mischung aus Rinderbraten und würzigem Käse? Das wäre wohl eine ziemlich unreinliche Mischung, eine durch und durch unklare Angelegenheit. Aber bekanntlich hat Wittgenstein gesagt: "Worüber man nicht klar sprechen kann, darüber muß man schweigen." Für ihn hätte es eine klare Alternative gegeben: Rinderbraten oder Käse, ob würzig oder weniger würzig. Blauer Zweigelt oder Pinot Noir. Beides zusammen geht nicht, jedenfalls nicht bei Wittgenstein.

Passen Wein und klares Denken überhaupt zusammen, wie Professor Papes Ich-AG so innig nahelegt? Gilt nicht vielmehr ganz allgemein die strenge Alternative: "Wein oder klares Denken"? Fährt man die Strecke des Wein-Lobs in der Literatur ab, so muß man zu der Feststellung kommen: Der Wein ist nicht unbedingt ein Freund der Klarheit, vielleicht nicht einmal einer der Kreativität. Mag sein, es bekommt einer neuen Idee tatsächlich gut, sie (nachträglich!) im Lichte einer Flasche Wein zu betrachten, aber ob ihre Konturen dadurch deutlicher werden, darf bezweifelt werden.

Schöpferische Geister, die – einsam am Schreibtisch sitzend – über Einfälle und gute Formulierungen brüten und sich dazu äußerlicher Stimulanzien bedienen, haben kaum je eine Bouteille Wein neben sich. Sie trinken Kaffee und rauchen Zigaretten, Jean Paul konsumierte beim Schreiben Unmengen schwarzen Kulmbacher Biers, Schiller vertraute auf die anregende Wirkung fauler Äpfel, die er in der Schublade aufbewahrte. Der Wein hingegen ist kein geneigter Begleiter verbissener Arbeitsstunden. Er schafft nicht Spannung, sondern Entspannung. Er befeuert nicht grimmige, konzentrierte Einsamkeit, sondern sucht fröhliche, ablenkende Geselligkeit.

W as nun gar die Klarheit angeht, die "Logik" (H. Pape), so wäre mit Schiller zu konstatieren: "Der Wein erfindet nichts, er schwatzt’s nur aus". Will sagen: Gedanken, die zunächst klar und konturenfest dastehen, werden unterm Einfluß des Weins keineswegs fester, logischer, sie werden immer unklarer und verrückter. Der Wein ist kein Zeichner, sondern ein Farbenverspritzer. Sein Lieblingsgerät ist nicht die Radiernadel, sondern der breite Pinsel, je breiter, desto lieber.

Natürlich ist damit kein pauschales Negativurteil über den Wein gefällt. Der Mensch ist von Natur aus weder einsam noch verbissen noch auf Logik kapriziert. Er will sich im Gegenteil von all diesen Sachen, von der Einsamkeit, von der Verbissenheit, von der Logik, so notwendig sie sein mögen, erholen, und er will dabei ein halbwegs gutes Gewissen behalten, will nicht unter sein Niveau gehen. Und genau dazu verhilft ihm der Wein, viel, viel mehr als andere Ablenkungsmanöver, Schnaps, Drogen und was es sonst geben mag. Allenfalls der Sex und der Gesang können in dieser Hinsicht mit dem Wein mithalten, weshalb sie ja auch mit ihm zusammen die berühmte Trias bilden: Wein, Wein, Gesang.

"Was wäre das Leben ohne Wein", seufzt die Bibel (Jesus Sirach 31/33), und der Psalmist flötet: "Der Wein erfreuet zuerst des Menschen Herz" (Psalm 104/15). Er taugt nicht dazu, das Leben zu gestalten, aber er verhilft ganz eminent dazu, es in Würde zu ertragen. Insofern ist er nicht nur der Logik und der Klarheit überlegen, sondern sogar der Sprache insgesamt. Die Sprache, und sei es die des allergewaltigsten Nachdenkers, reicht an ihn nicht heran, weshalb sich denn auch Helmut Pape auf seinen Etiketten mit den üblichen Floskeln begnügen muß: erdig, sämig, fruchtig, Zimt und Thymian.

Das sind alles Bestimmungen, die die Sache selbst nicht im entferntesten anfassen, so wenig wie die Prosa von Musikkritikern die von ihnen beschriebene Musik anfaßt. Wein ist Musik. Professor Pape hätte besser eine Ich-AG namens "Wein & Musik" gegründet.

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