Joachim Kuhs

 

Bürgerliche Nischenwelten

Bis zuletzt war Julius Posener, ein emeritierter Professor für Baugeschichte, in den Diskussionen um die Berliner Architektur ein unverzichtbarer Zeitzeuge. Während in der Hauptstadt um Neu-, Rück- oder Wiederaufbau gestritten wurde, berichtete er aus der Tiefe des Geschichtsraumes und seiner persönlichen Erfahrungen, wie es damals war, im Berlin der Kaiserzeit und Weimarer Republik. „Fast so alt wie das Jahrhundert“, hieß seine 1990 erschienene Autobiographie. Posener wurde 1904 geboren, 1996 starb er. Er war der jüngste der drei Söhne des ehedem sehr bekannten, heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Malers Moritz Posener, der einem deutschen „Kulturpatriotismus“ anhing. Moritz Posener starb 1929. So blieb ihm erspart, die Aufkündigung der deutsch-jüdischen Symbiose durch die Nationalsozialisten mitzuerleben. Der Sohn emigrierte 1935 nach Palästina, 1941 meldete er sich zur britischen Armee, 1946 wurde er britischer Staatsbürger. Die Versuche, nach dem Krieg in Deutschland beruflich Fuß zu fassen, scheiterten zunächst. Er nahm eine Lehrtätigkeit in London und dann in Malaysia auf. 1961 wurde er endlich an den Lehrstuhl für Baugeschichte der Hochschule der Künste in Berlin berufen. Das jetzt veröffentlichte Manuskript entstand Ende der fünfziger Jahre in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, und zwar in Englisch. Was jetzt vorliegt, ist die Übersetzung in ein lebendiges, plastisches Deutsch. Posener erinnert sich in an seine Kindheit, Jugend und frühen Mannesjahre bis 1933. Es ist die sehnsüchtige und selbstkritische Beschwörung einer längst versunkenen Lebenswelt. Die Poseners lebten in einer Villa im feinen Südwesten Berlins. Gesellschaftlich blieb man unter seinesgleichen. Man reiste eher ins Ausland als an die zentralen und pulsierenden Orte der Millionenstadt. Selbst der Kurfürstendamm oder die Straße Unter den Linden spielen kaum eine Rolle, und die Arbeiterviertel durchquert er erst in seiner Studentenzeit. Die Poseners waren eine assimilierte deutsch-jüdische Familie. Man feierte Weihnachten, die drei Brüder („wir preußischen Jungen“) trugen entsprechend der Mode der Zeit Matrosenanzüge. Eine nationale Gesinnung war selbstverständlich. Andererseits bleibt das Bewußtsein der Brüchigkeit dieses Lebensentwurfs stets präsent. Der Vater erinnerte sich nur zu gut an die Demütigungen seiner Schulzeit. Auch Julius hatte – in abgemilderter Form – mit Ressentiments zu kämpfen. Bei Kriegsausbruch meldete sein ältester Bruder Karl, noch nicht ganz 17jährig, sich freiwillig zur Armee. Weil das preußische Militär ihn für zu schwach befand, trat er einer sächsischen Einheit bei. Natürlich hoffte er, der Krieg würde die unsichtbaren Schranken zur deutschen Mehrheitsgesellschaft niederreißen. Doch mußte Karl Posener mit anhören, wie in seiner Batterie Erkundigungen nach „ehrlosen Leuten, geistig Zurückgebliebenen und Juden“ eingeholt werden, mit der Absicht, sie am Erwerb des Offizierspatents zu hindern. Man kann sich kaum vorstellen, was das an Enttäuschung und Verbitterung für einen jungen Mann bedeutete, der dann auch noch schwer verwundet wurde und an dieser Verwundung vorzeitig sterben sollte. Die Niederlage 1918 machte die Poseners genauso fassungslos wie Millionen andere Deutsche. Die Brüder stimmen in das Schlageter-Lied ein, stellen aber fest, daß sie als Juden eben doch nicht richtig dazugehören sollen. Für Julius Posener sind die Inflation und der anschwellende Nationalismus zwei „Facetten ein und desselben Phänomens“ – ein Zusammenhang, der von der deutschen Geschichtsschreibung immer mehr vernebelt wird. Was diese Memoiren so überzeugend und packend macht, ist die Tatsache, daß ihr Verfasser sich nicht nachträglich klüger und einsichtiger darstellt, als er es zu dem Zeitpunkt, über den er jeweils berichtet, tatsächlich war. Seine späteren, besseren Einsichten sind als solche kenntlich gemacht. Er benennt sehr deutlich die Abneigung, die das jüdische Bürgertum gegenüber den armen Ostjuden hegte, die vor der Pogromstimmung in Polen und der Ukraine ins Deutsche Reich und vor allem nach Berlin flüchteten. Von hier aus wird erklärlich, warum der DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin, dessen Vorfahren ebenfalls Ostjuden waren, seine wegen ihrer aparten Schönheit gerühmten Mutter nachträglich zur Engländerin stilisierte. Hier liegt wohl auch der Schlüssel für das aggressive Gebaren des Vizepräsidenten der Juden in Deutschland, Salomon Korn, der eine deutsch-jüdische Symbiose in der Vergangenheit glatt bestreitet. Tatsächlich hatte Korns Familie, die aus Lublin stammt, an ihr keinen Anteil. Der Reichskanzler Franz von Papen, der heute umstandslos als „Steigbügelhalter Hitlers“ gilt, unternahm 1932 „einen letzten Versuch, die steigende Flut des Nazitums einzudämmen“. Der Wirkung von Hitlers Machtergreifung konnte auch Posener sich nicht entziehen. Am 1. Mai 1933, dem mit großem Pomp begangenen „Tag der Arbeit“, unternimmt er mit einem Freund, der den Kommunisten nahesteht, einen Ausflug. Beide fürchten, andernfalls ihrem Drang nachzugeben, selber öffentlich „Heil Hitler“ zu rufen. „Dem Leser dieser Erinnerung kann nicht ganz entgangen sein, daß ein gewisser Nährboden für den Nationalsozialismus in mir selbst vorhanden war. (…) Ich war also damals ganz offensichtlich bereit für den Mann Adolf, der wie mein Held Robespierre aufs Ganze ging, ohne vor den schauderhaften Notwendigkeiten zurückzuschrecken.“ Posener war damals überzeugt davon, daß der „egalitäre Sumpf unserer bürgerlichen Gesellschaft“ von einer anderen, ständischen Gesellschaft ersetzt werden müsse, „deren Mitglieder gegenüber dem Staat, gegenüber der Ordnung ihrer gewählten Führer und insbesondere gegenüber dem Führer selbst Loyalität empfänden“. Diese Vorstellung war ihm bereits in der zionistische Jugendbewegung begegnet. Wenn Posener nicht selber Nationalsozialist wurde, lag das nicht an seinem besseren Durchblick, sondern an seiner jüdischen Herkunft. Es war Schicksal, kein persönlicher Vorzug oder Verdienst. Jede Zeile dieses spannenden Buches macht deutlich, daß Julius Posener nie aufgehört hatte, das Land seiner Geburt zu lieben. Alan Posener (Hrsg.): Julius Posener: „Heimliche Erinnerungen“. In Deutschland 1904 bis 1933. Mit einem Anhang: In Germany again. Aus dem Englischen von Ruth Keen. Siedler Verlag, München 2004, gebunden, 496 Seiten, Abbildungen, 24 Euro Foto: Julius Posener (auf dem Schoß) im Kreis seiner Familie: Nationale Gesinnung war selbstverständlich

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