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Ägypten mitten im deutschen Winter

Im Jahr 1816 schuf der geniale königliche Baumeister Karl Friedrich Schinkel, dem Berlin so viele großartige Bauten verdankt, die Bühnenbilder zur „Zauberflöte“. Die noch im Entwurf erhaltenen Bilder des Architekten und Malers wurden in Berlin für eine Neuproduktion wiederhergestellt und begeistern auch heute wieder das Publikum mit ihren schönen Landschaftsprospekten und kolossalen Tempelbauten. Schinkel wählte ägyptische Motive, in denen durch streng klassizistische Symmetrie gepaart mit romantischen Ideen der märchenhafte Charakter der Oper aufs Schönste ausgedrückt wird. Sarastros Tempel und Gärten sind den Tempelanlagen von Luxor und Philae nachempfunden. Die Gartenszene verlegte Schinkel ans Nilufer im Mondlicht mit einer Sphinx im Hintergrund. Das berühmteste Bild ist der Sternenhimmel, vor dem die Königin der Nacht auf einer Mondsichel herabschwebt. Im Schlußbild beherrscht die Statue des Gottes Osiris die Bühne, alles in strahlendes Licht getaucht: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht, vernichten der Heuchler erschlichene Mach.“ So werden Opern wahr. Der Bruch in der Geschichte ist so alt wie die „Zauberflöte“ Der inzwischen verstorbene Regisseur August Everding ließ sich von der monumentalen Szene nicht zu pathetischer Feierlichkeit verführen. Er setzte einerseits auf Emanuel Schikaneders Konzept des deutschen Volksstücks, betonte auf der anderen Seite den Anspruch auf Menschlichkeit und Brüderlichkeit. So singt Sarastro die zweite Strophe von „in diesen heil’gen Hallen“ auf einem vor dem Orchester plazierten Laufsteg mit dem Appell an die Menschheit, dem Feind zu vergeben, direkt ins Publikum, wie er auch am Ende der Königin der Nacht verzeiht. Der Bruch in der Geschichte der „Zauberflöte“ ist so alt wie die Oper, viel beschrieben, nie ganz gelöst. Wie aus der liebenden Mutter eine rachsüchtige Furie, aus dem bösen Sarastro ein milder und weiser Herrscher wird, ist vielleicht aus der Tatsache zu erklären, daß in der Entstehungszeit der Oper eine andere Oper, „Die Zauberzither“, uraufgeführt wurde. Darauf änderte der Librettist Schikaneder die Handlung quasi um 180 Grad, und Mozart mußte sich nach dem ersten Akt vom lustigem Papageno zum weihevollen Sarastro musikalisch anpassen. Alexander Vinogradov überzeugte mit abgrundtiefem Baß als Sarastro. Anna Kristina Kaapola ließ die Koloraturen der nächtlichen Königin vor dem Sternenhimmel funkeln und übertraf sich noch selbst in der Rachearie. Den Prinzen Tamino sang Tomislav Muzek mit ansprechendem Tenor. Bezaubernd war Simone Nold als liebreizende Pamina. Für Mozart wäre sie wohl „Madame Silberklang“ gewesen. Publikumsliebling war Klaus Häger als drolliger Papageno. Die Aurelius-Sängerknaben entzückten mit ihren glockenreinen Stimmen als die drei Knaben. Klangschön auch der Staatsopernchor. Die Kostüme waren, etwas vereinfacht, den Entwürfen von 1816 nachempfunden. Besondere Beachtung verdiente die effektvolle Beleuchtung von Franz Peter Davis. Umsichtig dirigierte Julien Salemkour die Staatskapelle Berlin und begleitete besonders die bewegende g-moll Arie der Pamina „Ach ich fühl’s, es ist entschwunden“ mit großem Feingefühl. Langer herzlicher Beifall zeigte, daß diese klassische „Zauberflöte“ dem Publikum gefiel. Die nächsten Aufführungen in der Staatsoper Unter den Linden finden statt am 23., 28. und 30. Dezember. Tel. 030 / 20 35 40

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