Zweikampf unter Frauen

Wenn man im Einheitsbrei des sich alternativ wähnenden Kleinkunstbetriebs der Frankfurter Szene einer Aufführungsankündigung des Theaterensembles Willy Praml gewahr wird, dann verspürt jeder, der es schon einmal erlebt hat, einen unbezähmbaren Wunsch, es wieder aufzusuchen und sich überraschen zu lassen, was der Regisseur diesmal auf die Beine gestellt hat. Praml steht im Rhein-Main-Gebiet für experimentelles Theater. So schreckte er in der Vergangenheit nicht vor politisch problematischen und zutiefst die deutsche Seele betreffenden Stücken zurück. Er präsentierte bereits Hebbels Nibelungen mit „Siegfried“ und „Kriemhilds Rache“, „Patriotismus“ von Mishima und „Liebesbriefe an Adolf Hitler“ um nur einige zu nennen (die JF berichtete). Immer erschuf er eine Oase der Ästhetik und des schauspielerischen Könnens, abseits von Allgemeinplätzen und reduktiven Ressentiments. Die Dramenvorlagen übernahm der 61jährige Praml bisher unverändert, ungekürzt, und dennoch führte seine Regie weitab vom klassischen Bürgerstück. Hier konnte man immer wahrhaftig kritisches Theater erleben, das nicht mit Text und Handlung spielte, sondern vor allem mit Bühnenaufbau und schauspielerischem Ablauf. So war das Publikum bei der Premiere seines neuen Stückes, „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller, entsprechend erwartungsvoll gespannt. Das Theater eine Fabrik. Der Zuschauerraum ein schwarzer Kasten. Die Bühne ein in der Längsachse niedergefallenes Kreuz. Es ist als Steg ausgebildet und teilt die Halle. Über ihm das spitze Oberlicht. Rechts und links stählerne Stützen, auf denen die Balkone einer zweiten Arbeitsebene ruhen und die Schienen des Portalkrans angeordnet sind. Man blickt in den ehemaligen Werkraum. Am jenseitigen Ende wird die Bühne durch ein aufgerichtetes Kruzifix begrenzt. Diese Achse, die den Blick des erhöht sitzenden Publikums fokussiert, läßt ein kaltes Kirchenschiff erfühlen und erschließt die Bühne in der Tiefe. Vorne ist Maria Stuart, die schottische Königin, an der Schärpe ihres weißen Kleides mit Nägeln gebunden. Sie wird diesen Platz nicht lebend verlassen. Sie, die Leidenschaftliche, die sich anschickte, beide „britannische Inseln“ unter ihrer Krone zu vereinigen, ist gefangengesetzt. Die Protagonisten des Schauspiels treten auf. Sie marschieren aus dem Hintergrund unaufhaltsam nach vorne. Ihr Weg ist gepflastert mit Gesetzesblättern. Die Luft wird zerschnitten von harten Worten, die Staatsräson und den Kopf der Stuart fordern. Das Stück, von Friedrich Schiller im Jahre 1800 geschaffen, stellt den Zweikampf unter Frauen in den Mittelpunkt: Ein totaler Krieg! Liebe und Intrige, Mord und Gesetz bilden die Tonleiter, auf der die Handlung fußt. Obgleich die beiden Königinnen Stiefschwestern sind, wenden sie ohne Rücksicht diese Waffen an und versuchen sich in der von Männern dominierten Welt des Politischen zu behaupten. Im Verlauf des Stückes schält sich zunehmend das unter dem Panzer der Macht lebende sprichwörtlich „schwache Geschlecht“ heraus. Und am Ende erscheinen die beiden Amazonen schließlich als Opfer des vorgespielten Eros und der Rationalität der Funktionäre, die keine Gnade kennt. Die Polarität der Geschlechter gibt der Rahmen ab. Das Weibliche ruft in den Männern ambivalentes Verhalten hervor. Einerseits erzeugt es unbändigen Haß, der auf Vernichtung der Feindin drängt. Ihm verfällt als Berater der Königin der Baron von Burleigh. Reinhold Behling gibt mit seiner lauten und durchdringenden Stimme den Großschatzmeister Englands und erzeugt ein betäubendes, furchteinflößendes Bild von einem redegewandten Mann, dessen Willen zu brechen unmöglich ist. Auf der andern Seite wecken die weiblichen Reize auch den männlichen Mut, der den durch Liebe Entbrannten zu Verrat und hinterhältigem Mord treibt. So will Mortimer die Maria retten. Eröffnet er Männern seine Pläne, so wirkt er als selbstsicherer Held, der die überall lauernden, aber falschen Liebhaber entlarvt – doch gegenüber der Maria ist sein Auftreten lächerlich und peinlich. Ralf Knicker entwickelt diese beiden Gesichter mit schier atemberaubender Virtuosität. Er vermag sich binnen Sekunden zu verwandeln – ohne Vorhang und Szenenwechsel. Aber in Schillers Stück geht es um mehr: nämlich um den Widerstreit zwischen den Konfessionen. Die Auseinandersetzung, die in Deutschland in dreißig Jahren Krieg ausgetragen wurde, war in England mit der Hinrichtung der Maria Stuart im Innern beendet. Die Stuart verkörpert das Katholische und steht für Leidenschaft, das irrationale und unbeschreibbare Göttliche, während Elisabeth auf dem protestantischen Weg, mit der Freiheit von Rom, von traditionalen Gesetzen und Formen, das Fundament für ein Britisches Empire und die Moderne legt. Praml hält sich in Punkt und Komma an den sprachgewaltigen Originaltext. Die Kontrahentinnen Maria Stuart und Königin Elisabeth werden von Birgt Heuser und Michael Weber gespielt, die beide der Stammbesetzung des Ensembles angehören und ihre Rollen wie immer meisterhaft ausfüllen. Ein niedriges Budget garantiert eine durchdachte und bis ins letzte gestaltete Inszenierung. Alles Unnötige ist verbannt, aber der Kern wird um so eindrucksvoller herausgearbeitet. Fotos: Maria Stuart: Die schottische Königin verkörpert das irrationale und unbeschreibbare Göttliche / Auf dem Weg zur Bühne: Praml erschafft eine Oase der Ästhetik Die nächsten Aufführungen in der Frankfurter Naxoshalle, Wittelsbacherallee 29, finden statt am 20., 21., 26., 27. und 28. Juni sowie am 3., 4. und 5. Juli jeweils um 20.30 Uhr. Kartenreservierungen: 069 / 43 05 47 34; E-Post: theater.willypraml@t-online.de

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