Joachim Kuhs

 

Wo Worte ihr Unwesen treiben

Mit Lesen hat der Rummel, der alljährlich in Frankfurt um das Buch stattfindet, herzlich wenig zu tun, mit Schreiben noch weniger, um so mehr mit Verkaufen, mit Sehen und Gesehenwerden, mit dem so lebenswichtigen „Vitamin B“. Die Verlage treten als „Anbieter“ auf, die Besucher als Verbraucher, die es zu umwerben, oder allenfalls als Publikum, das es mit einem abwechslungsreichen Programm zu unterhalten gilt. Mag sein, daß der deutsche Begriff „Messe“ einen Rest Andacht enthält, der seiner englischen Entsprechung fair (was soviel heißt wie „Jahrmarkt“) völlig abgeht – zelebriert wird das Buch hier als Ware, als Produkt. Welch geringer Anteil seinem Autor daran zusteht, zeigen die Tantiemen, die er ausgezahlt bekommt: rund ein Zehntel des Erlöses. Dabei sind dies, daran erinnert einer von ihnen, die wenigen Glücklichen, deren Texte überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen: Joachim Zelter zufolge „leben wir in einer Gesellschaft, die es nicht sehr vielen Texten, gerade literarischen Texten, ermöglicht, gedruckt zu werden. Ich vermute, ein großer Teil unserer Literatur ist und bleibt unbekannt, da sie unveröffentlicht ist.“ Von 1.500 unangefordert eingesandten Manuskripten, zitiert er den Cheflektor des S. Fischer Verlages, könne „durchschnittlich eines pro Jahr veröffentlicht werden; das ist, wie ich von Kollegen anderer Verlage weiß, eine vergleichsweise hohe Quote“. Was es unter solch widrigen Umständen heißt, Schriftsteller werden zu wollen, trotzdem und unbedingt, beschrieb Zelter vor zwei Jahren in Konzepte, der Zeitschrift des Bundesverbandes junger Autoren und Autorinnen: „Der Schriftsteller steht immer wieder, gerade was die Finanzen anbelangt, unter einem Erklärungs- und Rechtfertigungsdruck. Das geht schon mit der Frage los: Was, Sie sind Schriftsteller, ja kann man denn davon leben? Das würde man keinen Arzt oder auch keine Putzfrau, ja eigentlich keinen Menschen fragen, aber man fragt es den Schriftsteller. Die Not des Schriftstellers ist nicht nur die Not des Geldes, sondern auch eine kulturelle Gegebenheit im Zuweisen einer bestimmten Rolle. Es ist nicht zuletzt die Rolle verschämter Dankbarkeit darüber, daß man überhaupt noch lebt.“ Im Februar diesen Jahres erschien Zelters vierter Roman „Das Gesicht“, der diese Erfahrungen zu einer grandios hyperbolischen Parabel verknüpft. Er beginnt mit einem Zitat Karl Poppers: „Geschriebenes ist dem Gesprochenen vorzuziehen, und Gedrucktes ist noch besser“ und schließt mit einer Tirade Lenins über die Vereinnahmung des bourgeoisen Künstlers, die Zelter Tom Stoppards Schauspiel „Travesties“ entlehnt hat. Dazwischen steht der Leidensweg eines Namenlosen, der auf Drängen seiner „Ansprechpartnerin“ beim Arbeitsamt beschließt, eine Existenz als Schriftsteller zu gründen. „Literatur ist Fiktion“, das Motto, nach dem Zelters fiktiver K.i.K.-Verlag Bücher macht, klingt recht seriös, ein bißchen nach philologischem Hauptseminar – hat nicht Baudrillard etwas ganz Ähnliches gesagt, oder war es Plato? – und sogar irgendwie befreiend. Es ist aber eine Kampfansage an jenes Ich, das jeder Kunst innewohnt: der Wille des Künstlers, Wahrnehmung zu gestalten, wenn die Welt sich schon nicht ändern läßt. Nach dem zuerst literaturwissenschaftlich und dann auch feuilletonistisch gefeierten Tod des Autors folgte der Starkult, der um seine Person gemacht wird, als wäre das Werk nur als Verweis auf das Wirkliche der Mühe wert. Der eine ist 20, die nächste erst 12, und Zelters „Gesicht“ hat das Glück, einer verstorbenen literarischen Größe ähnlich zu sehen. Die Buchindustrie interessiert halt nicht das Ich eines Schriftstellers – auch nicht sein lyrisches, sein Alter ego oder Id, schon gar nicht die Geschichten, die es erzählen kann -, sondern sein Gesicht und die Geschichten, die sich darum ranken lassen. Diesen Verdacht, den die stetig fotogener werdenden Nachwuchstalente der Literaturwelt seit langem nahelegen, hat Zelter nicht nur ausgesprochen, sondern fulminant versprachlicht. Dabei kann heutzutage jeder Leser froh sein über ein solches Ich, das nicht nur seiner Kürze wegen zu den sympathischeren Subjekten der Gegenwartsliteratur zählt. Der gelernte Anglist Zelter weiß um diesen Zustand und weigert sich, ihn seinem weniger belesenen Ich-Erzähler zu ersparen. So wickelt dieser die Moderne kurzerhand ab, indem er „in menschenleere Sätze“ starrt, und gibt gleich noch eine Kostprobe: Seine Lesungen – aus einem Buch, das er nicht geschrieben hat, das aber als das Seine verkauft wird, weil sein Gesicht eben so markant ist – gehen „von Seite 123: Es ist nichts, bis Seite 169: Nichts weiter“. Noch im 19. Jahrhundert, man erinnert sich, wimmelte es in der Literatur und ihren Sätzen nur so von Menschen, seither treiben dort die Wörter ihr Unwesen. „Was die Abstraktion in der Kunst, ist die Unverständlichkeit in der Literatur“, klärt ihn seine Betreuerin und gelegentliche Liebhaberin Beatrice auf: „Ein verständliches Buch würde man nicht ernst nehmen.“ So entsteht ein – aus Sicht des Verlegers, wenn auch nicht des Lesers – perfektes Buch, das eigentlich ohne Text auskommt, ohne Inhalt und ohne Titel jedenfalls, und dennoch zum Bestseller wird, einzig seiner Verpackung und Vermarktung wegen. So viel rechtschaffene Empörung über den zynischen Literaturbetrieb, so viel Nostalgie aber auch und Larmoyanz kann sich ein Arrivierter leisten, der sich mit stilistischem Entzücken zurückerinnert, wie garstig surreal es auf dem Arbeitsamt zugeht oder wie Manuskripte auf dem Weg durch das A bis Z des Verlagsverzeichnisses ihre Aura von „Selbstbewußtsein und Sieghaftigkeit“ nach und nach verlieren. Doch Literatur ist Fiktion, und wer weiß, ob Joachim Zelter wirklich 1962 in Freiburg geboren wurde, studierte, promovierte und englische Literatur in Tübingen und Yale lehrte, seit 1997 freier Schriftsteller und gerühmter „Vorlesekünstler“ ist, wie der Klappentext dem Leser weismachen will. Wer weiß, vielleicht hat ja auch sein Verleger Klöpfer & Meyer wie K. i. K. eine Tourneeabteilung, ein Verlagshotel und einen hauseigenen Wellness-Bereich mit Sauna. Man könnte sagen – und möchte es auch, nachdem man über 200 Seiten lang den Sprachbällen dieses Jongleurs (so nennt ihn das Börsenblatt, einen „begnadeten“ noch dazu) zugeschaut hat, wie sie nicht zu Boden fallen: Hier schreibt einer, der mit Worten sein Leben bestreitet und damit bestreitet, daß es ein Leben gibt, mit oder ohne Worte. Man möchte so sagen und weiß dann nicht mehr recht, was man eigentlich sagen wollte. Denn man ist doch allzusehr Vernunftmensch, um zu denken, daß es kein Leben gibt, geschweige denn, daß das Denken selber kein Lebenszeichen wäre: und dieses „Ich“ erst, das hier Objekte um sich schart und Verben nach seinem Willen beugt! Fast macht Zelter aus der Not zuviel Tugend, für die ihm womöglich die Sinnbilder gefehlt hätten, wäre die „Macht der Verlage“ nicht gar so „kafkaesk“. Es gibt also wenig Grund zur Klage und einigen zur Hoffnung. „Wo alle Städte mittlerer Größe aussehen wie Hannover, wächst das Verlangen, sich in ganz anderen Städten aufzuhalten“, kommentiert Rainer Moritz die Globalisierung der Literatur und meint damit auch die Lust der Leser, mehr zu sein als Verbraucher, und ihre Neugier auf jene unbekannten, ungedruckten Bücher. Frankfurter Buchmesse: „Eine Gesellschaft, die es nicht sehr vielen Texten, gerade literarischen Texten, ermöglicht, gedruckt zu werden“ Joachim Zelter: Das Gesicht. Klöpfer & Meyer, Tübingen 2003, 224 Seiten, geb., 19,50 Euro

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