Widerlegung der These vom Renegatentum

Die Geschichte der Sudetendeutschen Partei (SdP) wird auch heute noch vielfach zu stark auf ihre Rolle in der unmittelbaren Vorphase der Münchner Abkommens von 1938 und der Zerschlagung der sogenannten Rest-Tschechei im März 1939 begrenzt. Diese einseitige Betrachtung macht sie der Nähe zu den deutschen Nationalsozialisten verdächtig, und selbst seriösen Historikern fällt es mitunter schwer, die notwendigen Differenzierungen bei der Beurteilung der praktischen Politik dieser Organisation vorzunehmen. Weitaus verhängnisvoller ist freilich, daß mit der SdP häufig die Sudetendeutschen pauschal in Haft genommen werden, da sie die Partei in der Parlamentswahl vom 19. Mai 1935 nicht nur zur stärksten deutschen Partei, sondern zugleich auch zur stärksten Partei im tschechoslowakischen Staat überhaupt machten. So müssen sich die Sudetendeutschen – obwohl sie zu keinem Zeitpunkt tatsächlich eine politisch homogene Gruppe darstellten – auch heute noch gegen Angriffe verteidigen, die sie pauschal als Unterstützer einer verhängnisvollen Politik stempeln und damit für deren vermeintlich kausale Folge, nämlich die Vertreibung aus Böhmen und Mähren verantwortlich machen wollen. Die Widerlegung der These vom „nationalsozialistischen Renegatentum“ zählt für den Autor des umfangreichen aktuellen Werkes „Das große Ringen – Der Kampf der Sudetendeutschen unter Konrad Henlein“, Franz Katzer, zu den wesentlichen Anliegen, wie er bereits in der Einleitung betont. Zugleich unternimmt der 1930 in Nordmähren geborene Katzer den Versuch, eine detaillierte Darstellung der Parteigeschichte der SdP und im speziellen ihres Parteiführers Konrad Henlein unter besonderer Beachtung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der zwanziger und dreißiger Jahre zu entwerfen. Nicht zuletzt sind ihm dabei die Beziehungen zu Deutschland wichtig, von dem die Sudetendeutschen nach der Gründung des tschechoslowakischen Staates wiederholt Hilfen bei der Unterstützung ihrer Anliegen erwarteten. Einen Kern des Buches bilden die von Katzer ausführlich aufgeschlüsselten Momentaufnahmen, die die in- und ausländische Wahrnehmung der Stimmung unter den Deutschen des 1918 geschaffenen Vielvölkerstaates verdeutlichen. Die zahlreichen Schwankungen hinsichtlich der Wahl zwischen einer starken Anbindung an den „großen Bruder“ und dem Versuch, die Geschichte des ungeliebten Staates eigenverantwortlich zu gestalten, belegen eindrucksvoll, daß hier jedes einfache Erklärungsmuster versagen muß. Häufig mehr von Mißerfolgen als von Erfolgen bestimmt, waren die Bindungen gerade dann besonders stark, wenn durch Repressionen des tschechoslowakischen Staates oder eine starke innere Erosion die Zugkraft der deutschen Parteien am stärksten erschüttert war, zum Beispiel in der Phase 1932/1933, die schließlich mit dem Verbot der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP) – einer Gruppierung, die bereits 1904 im böhmischen Trautenau gegründet wurde und mit der erst 1919 gegründeten Münchner Deutschen Arbeiterpartei, dem unmittelbaren Vorläufer der NSDAP bis auf den Namen nur sehr wenig zu tun hatte – und zahlreicher deutscher Turnvereine endete. Umgekehrt erwies sich der Wille der Sudetendeutschen, durch Reformen und Autonomieforderungen ihre Zukunft unabhängig von der Situation in Deutschland oder Österreich zu gestalten, besonders groß, sobald sich die Volksgruppe stärker geeint darstellte und der Staat einen stärkeren Freiraum für die Erfüllung ihrer Forderungen versprach. Eine solche Situation war auch noch Mitte der dreißiger Jahre gegeben, als nach dem Wahlsieg die Differenzen zwischen der Sudetendeutschen Partei unter Henlein und den Bestrebungen der reichsdeutschen NSDAP nicht zu übersehen waren. Gerade in den Folgejahren 1936 und 1937 kam es zwischen dem Loyalitäts- und Autonomiekurs Henleins und den Zielen der Berliner Regierung zu erheblichen Spannungen, die zu einer Spaltung in mehrere Parteiflügel führten, wobei jedoch die Vertreter die moderateren Kurses die Oberhand behielten. Doch die Chancen, die die ausgestreckte Hand Henleins geboten hätte, wurden von der Seite der tschechoslowakischen Regierung sowie der staatlichen Repräsentanten leichtfertig verschenkt. Statt mit Entgegenkommen reagierten sie aus der Situation des Stärkeren mit Härte, wodurch sie wiederum zur Änderung der Vorzeichen beitrug: Der NSDAP-nahe Flügel unter Karl Hermann Frank – Henleins langjährigem Weggefährten und nunmehrigem Gegenspielers – erhielt Oberwasser; womit sich die ursprünglich heterogene SdP nun allmählich tatsächlich, wenn auch endgültig erst im Sommer 1938, zu Hitlers „Fünfter Kolonne“ wandelte. Katzer präsentiert in seiner Darstellung eine Vielzahl interessanter und überzeugender Fakten, die den Anspruch des Werkes vollkommen rechtfertigen. Gleichzeitig weist das Buch jedoch auch gravierende Lücken und Mängel auf. Zum einen gerät der Autor immer wieder dann in ein schwieriges Fahrwasser, wenn er die Ursachen der Zuspitzung der nationalen Konflikte zwischen Sudetendeutschen und Tschechen, die sich bekanntlich bereits in der Habsburgermonarchie in hohem Maße manifestierten, zu weitläufig abhandelt. So ist der Exkurs in die Besiedlungsgeschichte des böhmisch-mährischen Raumes viel zu breit ausgedehnt worden. Schon ein kurzer Blick auf die Ergebnisse der wenig fruchtbaren über 150jährigen Dauerdiskussion hätte eine Warnung sein müssen, daß diese für Erklärungen der Geschichte der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts nur in sehr begrenztem Maße dienlich sein können. Ein weiteres Manko des Werkes ist das Fehlen zahlreicher Quellennachweise, die für den Beleg der teilweise hochinteressanten und wichtigen Zitate dringend notwendig gewesen wären. Die allerdings wohl größte Schwierigkeit sind Katzers grundsätzlichen Pauschalurteile gegenüber dem tschechoslowakischen und heutigen tschechischen Staat und seinen Repräsentanten. Mögen diese auch teilweise aufgrund der Biographie des Autors menschlich verständlich sein, so schaden sie doch der historischen Aufarbeitung. Zweifel an der Berechtigung der heutigen Existenz Tschechiens, die mehrfach in Katzers Darstellung durchscheinen, sind somit nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv. Insgesamt hinterläßt „Das große Ringen“ einen zwiespältigen Eindruck. Der geglückten materialreichen Aufarbeitung der Geschichte der sudetendeutschen Turnbewegung, der SdP und ihres Führers Konrad Henlein stehen deutliche Schwächen bei der Begrenzung auf die tatsächlichen Schwerpunkte sowie störende polemische Exkurse gegenüber. Dies ist um so bedauerlicher, da es der Verfasser verstanden hat, seine umfassenden Kenntnisse auch stilistisch gut zu präsentieren. So bleibt zu befürchten, daß Katzers Werk nur bei den grundsätzlichen Rezipienten des „grauen Buchmarktes“ sein Publikum finden wird, obwohl es Besseres verdient hätte. Franz Katzer: Das große Ringen – Der Kampf der Sudetendeutschen unter Konrad Henlein. Grabert Verlag, Tübingen 2003, gebunden, 720 Seiten, 29,80 Euro Der Führer der Sudetendeutschen Partei, Konrad Henlein, mit Gattin und der Kammersängerin Erna Sack (re.) bei einem Konzert in Berlin, 25. Februar 1938: Vom Autonomiekurs zur „Fünften Kolonne“

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