Von der kaum erträglichen Langsamkeit des Seins

Wer auf dem Lande lebt, und zwar nicht im weitgestreuten ländlichen Umfeld einer Großstadt, wo die Frauen auch noch Kittel tragen und zur Erntezeit die Traktoren über die Straßen rollen, aber das Neubaugebiet als Brücke zur urbanen Zone längst ausgewiesen und der S-Bahnhof in Fahrradnähe ist; nein, auf dem platten Land ohne Schlecker und Aldi in den Weiten des Horizonts, dort also, wo die Einwohner nach Seelen gezählt werden und der Hochsprache selten mächtig sind, dem bleiben im Grunde nur zwei Möglichkeiten, seinen Frieden zu finden: Entweder er gehört dazu, und zwar mit Gemüt und Geist, oder er eignet sich eine Sicht auf die Nachbarn an, die als Hamsunscher Blick bezeichnet werden könnte. Wie klar hatte Knut Hamsun, der begnadete norwegische Schriftsteller und Nobelpreisträger, die Schwächen der dörflichen Protagonisten seiner Romane gesehen, die Tratsch- und Eifersucht, Geiz, Mißgunst, das gesamte Spektrum des Kleingeistigen allenthalben, und mit welch großmütiger Nachsicht hat er sie dennoch gezeichnet, wie lieb waren ihm diese Menschen doch vor dem Gegenbild des hohlen Städters. Zumindest im Ansatz verfährt Regisseur Bohdan Sláma im tschechischen Heimatfilm „Wilde Bienen“ nach eben dieser Art: Ein ärmliches Dorf im Norden Mährens, die Bewohner, Männer wie Frauen, verdingen sich weitgehend als Holzfäller. So auch Kaja (Zdenek Rauser), schüchterner Frühzwanziger, der den (hobby)philosophischen Ambitionen seines Vaters nicht entsprechen mag – denken, wozu denn, und worüber bloß? Und zu was soll das führen – zu einer Frau wie seiner Mutter vielleicht, die nur keifend kommuniziert und sich als Bessere fühlt, nur weil ihre Frisur mit einer Dauer-, ihre Küche mit einer Mikrowelle ausgestattet ist? Kaja weiß wenig vom Leben, aber er bewundert Bozka (Tatiana Vilhelmová), die den kleinen Dorfkiosk führt, Kaja nur zufällig grüßt und so erscheint, als wisse sie, worum es ginge im Leben. Bozka raucht Kette, ist mit dem halbautistischen Dorfdandy und beseelten Michael-Jackson-Imitator Lada zusammen und zerschmeißt schon mal die alten Lautsprecher, die Stunde um Stunde den Dorfplatz mit dudelnder Produktwerbung beschallen. Dabei kennt auch Bozka nicht viel mehr als die Geschichten und die Gesichter, die das Dorf zu bieten hat: Ihre Freundin Jana, deren große Liebe in die Stadt gegangen ist, die mit einem Säugling und einem spielsüchtigen Mann zusammenlebt, ihre Mutter, die als armselige Dorfhure nicht einmal den Schein des Mondänen wahren kann, die dauerbesoffene Schar der Holzfällerinnen, die sie mit alkoholischem Nachschub versorgt. Lada ist ein Trottel, das weiß sie, aber wer genießt schon mehr Ansehen als ein verkappter Michael Jackson, der Höhepunkt aller Dorffeste, das wenn auch nur sehr vage Versprechen der großen weiten Welt? Als Kajas Bruder, Janas längst abgeschriebener Geliebter, aus der Stadt in sein Heimatdorf zurückkehrt, halb gemachter Mann, halb vom Ruch eines Windhundes umgeben, sorgt das allgemein für Gesprächsstoff. Vor allem aber gerät das Leben der drei stets daheimgebliebenen Jana, Kaja und Bozka in Bewegung. Die nächste große Dorffeier nähert sich, und auf einmal erscheint alles offen zu sein … Es ist ein langsamer Film, einer, der mehr beobachtet als handelt, und mehr als der zeitlich wie geographisch entlegenere Hamsun steht hier sicherlich Landsmann Milos Forman geistiger Pate. „Wilde Bienen“ wurde bereits vor zwei Jahren abgedreht und tourte bislang mit beachtlichem Erfolg auf diversen Filmfestivals in Europa und Übersee. Ein melancholisches, versöhnliches Stück – allein die Bedeutung seines Titels mag sich nicht erschließen. Hinweis der Redaktion: Der Berliner Filmverleih Neue Visionen hat es aus politischen Gründen abgelehnt, der JUNGEN FREIHEIT Fotos aus dem Film zur Verfügung zu stellen.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles