Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Verklärung ihres Klassenauftrags

Es war alles schon so schön geplant: Nach dem bewährten Vorbild der kommunistischen Arbeiterveteranen tritt ein Kollektiv von ehemaligen West-Kundschaftern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) eine Lesereise durch die Städte und Dörfer des sozialistischen deutschen Heimatlandes an. Anlaß ist das Erscheinen des Prachtbandes „Mein Leben im Feindesland – Im Auftrag des Sozialismus“. Darin berichten die Autoren über die Jahre, in denen sie als Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) direkt an der morschen Fassade der bürgerlichen Gesellschaft gerüttelt haben. Das Buch – längst ein Bestseller, denn dafür haben die Abnahmen von Staats- und Parteiinstitutionen gesorgt – wird zur Pflichtlektüre an Schulen erklärt. Vom Traum zurück in die Wirklichkeit: Statt mit Orden, Auszeichnungen und Ruhm überhäuft zu werden, erhalten vierzehn Jahre nach dem Zusammenbruch „ihres“ Staates dreißig ehemalige West-Spione des MfS lediglich die Möglichkeit, sich im Rahmen eines verhältnismäßig bescheiden aufgemachten Sammelbandes mit 384 Seiten Umfang als selbsternannte „Kundschafter im Westen“ zu präsentieren. Schneidige Kampfzeugnisse bieten die Autoren, darunter so bekannte Vertreter wie Günter Guillaume oder Rainer Rupp (Anmerkung im Vorsatz: „Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, Diplomaten, Verfassungsschützer und andere integere Staatsbürger“), nicht an, sondern nur bescheidene „Erinnerungen“. Unter den marktwirtschaftlichen Bedingungen der „restaurativen bürgerlichen Gesellschaft“ und ihrer engen Konventionen vermeiden sie das Wort „Sozialismus“ weitestgehend und ersetzen es durch die Vokabel „Frieden“: „Es war Kalter Krieg, und sie waren davon überzeugt, den Frieden sicherer zu machen, wenn ihre, also die westliche Seite, nicht das verführerische Gefühl militärischer Überlegenheit hatte“. Da die Autoren nach eigenem Bekunden der bürgerlichen Ordnung niemals ernsthafte Schäden zufügen wollten, sind sie heute um so entrüsteter über das Verhalten jener „Siegerjustiz“, die einigen von ihnen immerhin die Gelegenheit bot, über einen absehbaren Zeitraum hinter Gittern über ihr damaliges Gewerbe nachzudenken: „Sie berichten selbstbewußt über ihre Motive, Handlungen und Erfahrungen – auch jene, die sie in Gefängnissen sammeln mußten“. Der Band „Kundschafter im Westen“ soll dreierlei Aufgaben erfüllen: Zum einen dient er den Autoren zur öffentlichen Rechtfertigung ihrer Spionagetätigkeit für die Hauptabteilung Aufklärung (HVA). Zweitens ist er eine Anklage und Kampfansage gegen die Gesellschafts- und Rechtsordnung der Bundesrepublik. Drittens wird darin ein weiteres Mal der schon fast zur alltäglichen Routine gewordene Versuch unternommen, eine untergegangene Diktatur und ihre Institutionen – insbesondere das MfS und natürlich die HVA selbst – zu rehabilitieren. Dazu ist den in ihrer Ideologie starr befangenen Autoren jedes Mittel und jede Schwarz-Weiß-Schablone recht. Außer den Alt-MfS-Kadern – für die die Inhalte allerdings kaum Neues darstellen dürften – und ihren Sympathisanten kommen auch DDR-Nostalgiker, die dem Verlust eines offiziellen Sprachstils der DDR nachtrauern, bei gewissen Satzstrukturen voll auf ihre Kosten. Sätze wie „Das größte Glück war, daß ich als junger Mensch in einer tiefen durch die Verhältnisse in Westdeutschland bedingten persönlichen Krise die Möglichkeit hatte, mich zur dialektisch-wissenschaftlichen Weltanschauung durchzuringen“ dürften bei ihnen ein wohliges Erinnern auslösen. Natürlich wird auch jeder, der noch weitere Argumente dafür sucht, daß der „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ der Bundesrepublik in fast allen Belangen überlegen war und daher die Bundesrepublik schließlich zwangsläufig Teil der DDR wurde – oder war es doch umgekehrt? – in jeder Hinsicht fündig. Garantiert. Klaus Eichner, Gotthold Schramm (Hrsg.): Kundschafter im Westen – Spitzenquellen der DDR-Aufklärung erinnern sich. Edition Ost, Berlin 2003, 384 Seiten, 17,50 Euro

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