Vereinigung mit der Natur

Die topographische Darstellung von Städten hatte seit Merian durch druckgraphische Wiedergabe eine weite Verbreitung gefunden. Auch die Vedutenmalerei hatte sich der genauen Ansicht berühmter Städte und prunkvoller Residenzen verschrieben. Am bekanntesten sind die venezianischen Bilder Canallettos. Dagegen war bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts die Schönheit vieler Landschaften in Deutschland und Europa den Künstlern verborgen geblieben. Landschaften waren lange Zeit nicht darstellungswürdig – von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie etwa den Wasserfällen von Tivoli. Einen ersten Aufschwung erlebte die Landschaftsmalerei im späten 18. Jahrhundert. Einen großen Einfluß hatte dabei die Gartenkunst des Rokoko, die mit ihren naturnahen, verzaubernden Arrangements auch die Malerei inspirierte. Hinzu kommt, daß das Repräsentationsbedürfnis und der Stolz der Fürsten die Darstellung ihrer Gärten in der Kunst beförderten. Auch der im 19. Jahrhundert aufkommende Tourismus einer zahlungswilligen Gesellschaftsschicht führte dazu, daß nun auch die Schönheiten der Natur in das Blickfeld der Kunst rückten. Die Romantik brachte eine neue Lebensphilosophie auf der Basis einer innigen Vereinigung mit der Natur. Der Mensch war nunmehr als Naturgeschöpf in das Leben und Weben des natürlichen Geschehens eingefügt. Wackenroders Satz, daß die Natur die Sprache sei, durch die Gott zu uns redet, hatte nachhaltige Wirkungen auch auf die Kunst. Diese konnte nun ein heiteres, feierliches, melancholisches oder sentimentales Verhältnis zur Natur entwickeln. Die Natur war Gegenpart zur Zivilisation und zu Urbanität. Die Künstler der Romantik richteten ihren Blick auch auf die deutsche Landschaft. Von der Rheinromantik waren in- und ausländische Maler fasziniert. Von Dresden reisten die Maler ins Elbsandsteingebirge, von dort weiter nach Böhmen. Caspar David Friedrich malte seine Bilder vom Riesengebirge und von der Insel Rügen. Der Schwarzwald mit seiner wilden Romantik wurden indes erst spät von Hans Thoma und Emil Lugo entdeckt. Emil Lugo, dem die Karlsruher Kunsthalle anläßlich seines hundertsten Todestages noch bis Sonntag eine Ausstellung widmet, wurde 1840 als Sohn eines Juristen in Stockach geboren. Er hatte – wie auch der lebenslang mit ihm befreundete Hans Thoma – bei Johann Wilhelm Schirmer gelernt, der auf besonderen Wunsch des badischen Großherzogs von der Düsseldorfer Malerschule nach Karlsruhe übergewechselt war und dort der erste Direktor der Akademie wurde. Schirmer fand seine Vorbilder in der klassisch-heroischen Landschaftsmalerei im Stil von Claude Lorrain und verlangte von seinen Schülern, daß die Naturdarstellung bestimmten ästhetischen Gesetzen zu folgen habe und alles Banale, Triviale und Zufällige aus der Kunst verbannt bleiben müsse. Er wies seine Kunstschüler in Karlsruhe an, ihre Naturskizzen im Freien zu großen idealen Darstellungen zusammenzufassen, wobei durch zierliche Staffagefiguren mit antik-mythologischen oder biblischen Bezügen auf sittlich-moralische Werte angespielt wurde. Lugo folgte in seiner Frühzeit ganz den Spuren Schirmers – im Gegensatz zu seinem Mitspieler Thoma, der unbekümmert seine auffälligen Beobachtungen in der ländlichen Heimat Bernau nach unmittelbarem Natureindruck wiedergab. Die Frühwerke Lugos folgen dem Stil der komponierten Bilder, die aus den Studien in der freien Natur hervorgegangen sind. Mit dem Tode Schirmers verlor Lugo seinen Protegé in Karlsruhe, und so kehrte er auch aus finanziellen Gründen ins heimatliche Freiburg zurück. In der Folgezeit orientierte er sich am klassischen Stil Friedrich Prellers, der in Weimar wirkte. Dorthin überzusiedeln, war Lugo in seiner bitteren Not unmöglich und so arbeitete er – in Freiburg sitzend – sich unermüdlich autodidaktisch anhand von kunsttheoretischen Werken und Fotographien von Prellers Bildern weiter. Seine so entstandenen Studien stellen für den heutigen Kenner freilich Werke von höchstem Wert dar: Studien von Pflanzen, Bäumen, Felspartien, vom Licht- und Schattenspiel, von Farbnuancen in der Natur. Zeichnungen, Aquarelle, Landschaften auf Papier, die den Betrachter bezaubern. Die Bilder von Lugo zeigen uns: Mit dem feinfühligen Landschaftsbild nimmt der Mensch einen Teil der sichtbaren Welt intensiver in sich auf. Der Betrachter wird in eine ästhetische Stimmung versetzt. Die Harmonie der Farben und Formen wirkt auf sein Gemüt wie die Musik. Das Bild weckt Sehnsucht, lockt ihn hinaus, ins romantische Freie, in die Ferne, in die Unendlichkeit. Als Teil der Natur empfindet der Mensch aber auch Ruhe und Geborgenheit beim Betrachten. So vermittelt das Landschaftsbild ein gesteigertes Welterlebnis. 1871 ermöglicht ein Stipendium des badischen Staates Lugo eine Reise nach Italien, dem Sehnsuchtsland der deutschen Maler. In Italien studierte er die Werke des vom ihm verehrten Claude Lorrain, der Nazarener und der klassischen deutschen Malerei. Von nachhaltigem Einfluß auf Lugos Malkunst bleibt der Eindruck des südlichen Lichts, was sich später sogar in seinen Schwarzwaldbildern und der Ausmalung von Villen zeigt. 1875 aus Rom zurückgekehrt lebt Lugo bis 1888 in Freiburg, wo er jetzt auch die Bekanntschaft der Familie des erfolgreichen Schriftstellers Wilhelm Jensen macht, der Lugo von jetzt ab bis an sein Lebensende tief verbunden bleibt. Er folgt der Familie schließlich nach München und Prien am Chiemsee. Emil Lugo starb am 4. Juni 1902; er wurde auf Frauenchiemsee neben den Jensens beigesetzt. Bild: Emil Lugo, „Parkmauer mit Eingangstor“ (1857): Lichtspiele

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