Ungenießbar

Wenn alternde Popstars eine CD mit Neueinspielungen ihrer betagten Klassiker veröffentlichen, ist dies meist ein zweischneidiges Schwert. Manche Ohrwürmer sind einfach zu sehr mit der Zeit verwoben, in der sie einst entstanden. Nur selten ist es Musikern, besonders im deutschsprachigen Bereich, gelungen, solchen Neuaufnahmen eigener Hits gerade soviel an Veränderungen und Modernisierungen zuteil werden zu lassen, daß Fundament und Ausstrahlung des Originals nicht beeinträchtigt werden. Wie man es besser nicht machen sollte, beweist dieser Tage die Münchener Freiheit. Die fünfköpfige Band erlebte ihre ersten Erfolge im Zuge der Neuen Deutschen Welle, bevor ihr 1985/86 mit romantischen Rock-/Popsongs der Sorte „Ohne Dich“ oder „Tausend Mal Du“ der große Durchbruch gelang. Die Freiheit entwickelte sich daraufhin zur erfolgreichsten einheimischen Popband der achtziger Jahre; erst 1994/95 begann ihr Stern zu sinken. Intelligente Popmelodien, ein perfekter Satzgesang nach Vorbild der Beach Boys und klischeefreie Texte über das Abenteuer Liebe galten bis dato als Markenzeichen des Quintetts um Sänger Stefan Zauner und Gitarrist Aron Strobel. Im 23. Jahr ihres Bestehens meinte die Gruppe festgestellt zu haben, daß sich bei Konzerten nicht nur 35jährige, sondern auch ganz junge Menschen in den vordersten Reihen drängten – Teenager, die gut und gerne die Kinder von Zauner, Strobel, Rennie Hatzke, Michael Kunzi und Alexander Grünwald sein könnten. So erwuchs in Zauner der Gedanke, die wichtigsten Hit-Singles und persönlichen Favoriten aus zwei Jahrzehnten Münchener Freiheit neu zu produzieren. Für das 14. Studioalbum der Band, „Zeitmaschine“ (Sony), bekamen 14 Klassiker vollkommen neue Arrangements verpaßt; der inzwischen 51jährige Zauner selbst sang zudem sämtliche Stimmen neu ein. Heraus kam ein größtenteils ungenießbares Konglomerat aus Hip-Hop-Beats, Rap-Einsprengslen, Drum’n’Bass-Tupfern; sogar Techno-Rhythmen kommen zum Zuge. Bei dem Versuch, mit Vocoder, Hallgeräten und Drumcomputer aus der einst regentrüben und doch so hoffnungsvollen Ballade „Tausend Mal Du“ das seichte Popnümmerchen „1000 x Du“ zu machen, änderte sich nicht nur die Schreibweise, sondern die vollständige Aussage des Songs zu dessen Ungunsten. Wie man auf die Idee kommen kann, aus der ehedem dramatischen Rocknummer „Es gibt kein nächstes Mal“ einen verspielten Reggae zu kreieren, wissen die Götter. „Herz aus Glas“ im Boygroup-Arrangement grenzt an Blasphemie. „Ich will Dich nochmal“ zählte schon von jeher zu den schwächeren Songs der Freiheit – in der aktuellen Mischung aus Crossovergitarren aus dem Synthesizer und kindlichen Rapklischees à la Oli. P. ist der Song erst recht unerträglich. „Du bist Energie für mich“ klingt anno 2003 wie ein Einschlaflied von Rolf Zuckowski und seinen Freunden. Der einstige Blues „Oh Baby“ wird zum Mitstampfer für Kneipengelage und Fußballspiele: „Oh Baby, lieb mich im Mondschein …“, heißt es im Text – das Baby wird den Teufel tun, den vocoderverstärkten Zauner im Mondlicht zu küssen! Gegen ordentliche Gitarrenriffs ist nichts einzuwenden – bei der einstigen Synthiballade „Ohne Dich“ haben sie allerdings nichts verloren. „Herzschlag ist der Takt“ gerät, voller moderner Extrasystolen und Herzrhythmusstörungen, vollkommen aus demselben. Entweder hat die Münchener Freiheit so wenig Respekt vor ihrer eigenen Kunst – oder der schnöde Mammon hat eine Rolle gespielt, zumal sich die letzten Alben der Band nicht gerade berauschend verkauften. Aber es ist ehrlicher, mit Anstand unterzugehen, als mit Kinderspielereien an Deck bleiben zu wollen – und sich zum Gespött zu machen.

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