Schusters Leisten

Im Jahr 2000 entdeckt die Violinistin Ulla Schneider, eine ausgewiesene Interpretin so genannter Alter Musik, in der Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek Dresden die seit Jahrhunderten friedlich vor sich hinschlummernde Partitur eines Opernmonstrums, das ein gewisser Joseph Schuster im Jahr 1776 komponiert hat – und erweckt sie zum Leben. Zum Leben erwecken heißt in solchen Fällen: die originale, meist nur handschriftlich vorliegende Partitur und das, wenn überhaupt, dann lückenhaft überlieferte Notenmaterial mühsam entziffern, heißt musikalische und theatrale Kontexte rekonstruieren, Lesarten diskutieren, neues Aufführungsmaterial herstellen und zu guter Letzt Interpreten und Produzenten finden. Nun, Ulla Schneider mußte nicht weit suchen: die Musiker des eigens zur Popularisierung der Musik Joseph Schusters gegründeten Orchesters „La Ciaccona“ arbeiten bereits seit den neunziger Jahren als feste Gruppe um ihre Konzertmeisterin Ulla Schneider zusammen. Und dem Dirigenten Ludger Rémy, Professor für Alte Musik an der Dresdner Musikhochschule, hatte Ulla Schneider bereits in dem von ihm geleiteten Orchester „Les Amis de Philippe“ gegenübergesessen. Im Bayerischen Rundfunk ließ man sich von den Begeisterten begeistern und hat die Opera Seria „Demofoonte“ in Partnerschaft mit Deutschlandradio als „Weltersteinspielung“ – „World Premier Recording“ – produziert (BMG/DHM 74321 98282 2). Joseph Schuster, geboren 1748, Kirchencompositeur und kurfürstlicher Kapellmeister in Dresden, der selbstverständlich längere Zeit in Italien lernte und arbeitete, war seit der triumphalen Uraufführung seiner ersten Opera Seria „Didone abbandonata“, 1776 in Neapel, eine italienische Berühmtheit. Einige seiner etwa 20 Opern wurden zu größten Opernerfolgen seiner Zeit: seinerzeit! Noch berühmter aber war der Theaterdichter und Universalgelehrte Pietro Metastasio (1698-1782), dessen Libretti vertonen zu dürfen die Komponisten der metastasianischen Epoche Schlange standen. Und so hat auch der junge Schuster sein Auftragswerk „Demofoonte“ auf ein Libretto Metastasios komponiert. Nun soll die schematische Zusammenstellung von Jungfrauenopfer, heimlichen Ehen, verheimlichten Mutterschaften und überhaupt äußerst undurchsichtigen schicksalhaften Verstrickungen weniger Furcht und Schrecken auslösen oder wenigstens dramatische Knoten schürzen, als vielmehr Gelegenheiten bieten, um die Seelenzustände der Betroffenen auszubreiten. Doch selbst Rémys zupackendes Dirigat und die packende Ausführung einzelner Nummern vermag den Widerspruch zwischen kruder Handlung und schlicht, dabei aber effektvoll gestrickter Partitur nicht aufzulösen. Schusters musikalische Neuerungen sind kaum inhaltlicher oder struktureller Natur und bleiben stets im Rahmen des Akzeptierten. Die technisch-musikalischen Attraktionen vermögen heute wenig zu beeindrucken, hingegen die zahlreichen lyrischen Arien und das einzige harmlose Duett mit seinen, nun ja, Schusterterzen auch heute noch zu rühren. So kann „Demofoonte“ immer noch als Beispiel für die Masse an Tagesproduktion herhalten, aus der sich die Zumutungen des blatternarbigen Wunderknaben aus Salzburg herausheben – beispielsweise dessen sechs Jahre vorher komponierter „Mitridate“, übrigens auf ein Libretto Metastasios -, aber auch dafür, wie die gutgemeinteste Originalklangbewegung leerläuft, wenn ihre Wiedererweckungen eher antiquarische denn Interessen des aktuellen Musiktheaters bedienen. Das Museumsstück wurde einmal abgestaubt und auf die andere Seite gedreht; nun darf es friedlich weiterschlummern.

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