Schreckensvision und Faszinosum

Sibirien – jener „Halbkontinent“, der östlich des Urals beginnt und bis an die Küste des Pazifiks reicht – trug lange Zeit einen für „Westler“ unheimlichen Namen. Es galt als Land der Finsternis, der politischen Verbannten – später als Land des Gulag. Unzählige deutsche Kriegsgefangene wurden hier gefangengehalten. Nach Sibirien geschickt zu werden – das bedeutete für die Angehörigen jener Nationen, die unter sowjetische Herrschaft fielen, oft das sichere Todesurteil. Diese Perspektive hat sich seit der Wende und dem Zerfall der Sowjetunion grundlegend geändert. Die Lager wurden aufgelöst, politische Häftlinge gibt es nicht mehr. Inzwischen ist Sibirien sogar zu einem westlichen Touristenziel geworden. Niemandem fährt mehr ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er hört, daß man sich anschickt, nach Sibirien zu reisen – komfortabel im gut geheizten (manchmal überheizten) Expreßzug nach Wladiwostok oder Peking. Einer gewissen Banalisierung kann auch das einst schrecklich erscheinende Sibirien nicht entgehen. Es ist das Verdienst des soeben erschienenen Buches von Sabine A. Gladkov, Sibirien aus den in den westlichen Hinterköpfen immer noch vorherrschenden Klischees – aber auch aus oberflächlichen Tourismusbildern – herausgelöst und eine umfassende Darstellung der Geschichte, aber auch der Psychologie, der seelischen Befindlichkeiten dieses besonderen Teils von Rußland vorgelegt zu haben. Kenntnisreich bis in die Details schildert sie, wie aus dem „Niemandsland“, dem Land zwischen Tartaren und Moskowitern, das Land wurde, von dem ein altes russisches Lied zu singen weiß: „Sibirien ist auch russische Erde“. Dem kleinen Wort „auch“ gebührt hier Beachtung. Sibirien wurde von den Russen kolonisiert und annektiert in einem sich über Jahrhunderte erstreckenden, widersprüchlichen, oft gewalttätigen, dann aber auch wieder großartigen Prozeß. Dabei spielten Moskau und die Zaren – beginnend mit Iwan „dem Schrecklichen“ – eine ebensolche Rolle wie zahllose Menschen, die man als „Abenteurer“ bezeichnen würde, wenn dieser Begriff nicht einen negativen Beigeschmack hätte: von Jermak Timoferewitsch im 16. bis zu Generalgouverneur Nikolai Murawjow-Amurskij im 19. Jahrhundert, dessen Name den imperialen Willen Rußlands ausdrückte – die bis an den Grenzfluß Amur vorgeschobenen Ansprüche und Ziele Moskauer, später Petersburger Politik. Sibirien war, wie man bei Gladkov nachlesen kann, eben nicht nur eine Strafkolonie oder eine Eiswüste. Es war ein weites Land mit unglaublichen Möglichkeiten – und dann auch wieder Freiheiten. Es war ein Land eigener Identität. Der Prozeß der Landnahme vollzog sich – ähnlich übrigens wie die Eroberung Nordamerikas durch die Weißen – nicht ohne Brutalität und Blutvergießen. Das Ergebnis aber war eine eigene sibirische Mentalität, eine Großzügigkeit, die sich aus der Weite des Horizonts und aus den Möglichkeiten ergab, die oft größer waren als im „europäischen“ Rußland. Interesse verdient auch die von der Autorin vertretene These, wonach Sibirien für die linken russischen Revolutionäre und Lenin ein „Entwicklungsland“ war, welchem die „revolutionäre Reife“ fehlte. Geradezu überraschend, aber dann auch wieder in der Logik der Dinge liegend ist Gladkovs Beobachtung, wonach die „Begeisterung für radikale und maximalistische Positionen“ aus Europa bzw. dem europäischen Rußland kam, während „in Sibirien noch bis in die 1920er Jahre ein eher gemäßigter politischer Ton herrschte“. In der „Geschichte Sibiriens“ findet man auch bemerkenswerte Einzelheiten über das Schicksal der nicht-russischen, autochthonen Völker – etwa der Tschuktschen oder der Tuwiner, die von den Russen „verlacht“ wurden, obwohl diese selber im hohen Norden mangels Kenntnisse des Klimas gar nicht hätten überleben können. Sofern die „Sibiriaken“ die Revolution 1917/18 begrüßten, geschah dies aus dem Wunsch nach Autonomie und Rückgewinnung eigener Rechte. Auf keinen Fall wünschte sich Sibirien jenen Zustand, der dann eintrat: Stalins totalitäre Diktatur, die sogar den Absolutismus der Zaren weit in den Schatten stellte. Gladkov ruft auch dramatische Ereignisse der jüngeren sibirischen Geschichte in Erinnerung, die im Westen weitgehend unbekannt geblieben sind: so die Tatsache, daß es in Ostsibirien nach 1920 eine antibolschewistische Republik gab. Vorher hatte Admiral Alexander Koltschak versucht, die Gegner der Sowjetmacht zu sammeln und eine auf Sibirien gestützte nationalrussische Staatsmacht zu proklamieren. Er endete vor einem revolutionären Erschießungskommando. Im russischen Bürgerkrieg, der dann auch in Sibirien tobte, waren Menschenleben nicht viel wert. Es ist nicht nur tröstlich, sondern verheißungsvoll, daß die Autorin Sibiriens Zukunft nicht in den sonst üblichen düsteren Farben malt. Sie sieht weitreichenden Handlungsspielraum der Regionen innerhalb der Russischen Föderation und eine „Verrechtlichung der Beziehungen zwischen Zentrum und Provinz“. Man könne aber nicht Probleme, die sich in hundert Jahren ansammelten, in einer Legislaturperiode lösen. Gladkov spricht von „westlicher Demokratie-Euphorie“ und von einer nun – zumindest in Sibirien – um sich greifenden realistischen, nüchternen Einschätzung der Dinge. Sie erwähnt auch die Hilflosigkeit und Frustration, mit denen viele Sibiriaken vor den nicht geringen Problemen stehen. Dann fügt sie hinzu: „Niemand kann übersehen, wie groß die Aufgaben sind. (…) In all dem Lamento über Verlust, Krise und Zerfallsollte jedoch der Hinweis gestattet sein, daß Sibirien noch nie so frei war wie heute.“ Das Land verfügte noch nie über so viele gut ausgebildete und motivierte Arbeitskräfte. Deshalb habe es erstmals die Chance, aus der Rolle eines Objekts fremder Interessen herauszuwachsen. Und die Autorin schließt mit der Hoffnung, vielleicht werde Sibirien „aus eigener Kraft“ zu einem „kleinen Wunderland“ werden. Ihr Wort in Gottes (oder sollte man sagen: Putins?) Ohr. Allerdings darf man nicht vergessen, daß dieses Rußland, zu dem Sibirien immer noch gehört, ein Land der enttäuschten Hoffnungen, der nicht zu Ende geführten, tragisch (oft durch Gewalt) verhinderten Reformen gewesen ist. Diesen Schatten gilt es abzuschütteln. Und dann sind da noch die Kräfte von außen, die nicht geschützte Grenze zur kommenden Weltmacht China mit seiner gewaltigen Übervölkerung. Liegt da ein begehrlicher Blick nach dem „halbleeren“ Sibirien nicht nahe? Trotzdem ist das Werk mit dem anspruchsvollen Titel „Geschichte Sibiriens“ verdienstvoll und notwendig, weil es auch die „russische“ Frage in einem neuen Licht und einer anderen Perspektive erscheinen läßt. Schließlich spricht für das Buch auch der Umstand, daß es mit Herzblut geschrieben wurde. Man merkt, daß die Autorin das Land und seine Menschen mag. Nur eine solche Zuneigung aber öffnet die Tür zur Erkenntnis. Foto: Transsibirische Eisenbahn: Sibirien war noch niemals so frei wie heute Sabine Gladkov: Geschichte Sibiriens. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2003, 296 Seiten, 16 Seiten Bildteil, 21 Textabbildungen, gebunden, 29,90 Euro

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