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Rückkehr zur Normalität

Daß einmal der Brandt-Weggefährte Egon Bahr, der als „Architekt der neuen Ostpolitik“ gilt, und der Zeithistoriker Gregor Schöllgen Bücher über die Rückkehr Deutschlands als Faktor der Weltpolitik verfassen würden, ist sicherlich eine Überraschung. Bahr, inzwischen 81 Jahre alt, scheut sich nicht, sein Buch „Der deutsche Weg“ zu nennen. Schöllgen betitelt sein Opus programmatisch „Der Auftritt. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne“. Bahrs Buch zeichnet sich durch eine gradlinige, schnörkellose Sprache aus. Dies gilt auch für seine zentralen Aussagen: „Als der Bundeskanzler das erste Mal vom deutschen Weg sprach“, so Bahr, „wiederholte sich reflexhaft die Sorge der Welt vor dem abschreckenden deutschen Weg aus der Vergangenheit. Und im eigenen Land verstärkte sich sogar das Echo. Als ob es deutsches Schicksal bleiben müßte, uns selbst ewige Lernunfähigkeit zu bescheinigen.“ Es sei an der Zeit, die „Scheu vor dem deutschen Weg generell zu verlieren“. Nur in Deutschland werde nach Bahr überhaupt diskutiert, ob andere den deutschen Weg fürchten könnten. Dieser sei aber gar nicht mehr zu fürchten und sein engagiertes Beschreiten sogar im deutschen Interesse. Das nachdrückliche Vertreten dieser außenpolitischen Maxime sei auf Dauer tragfähiger als das Räsonieren über alte Zeiten und Loyalitäten. Bahrs unbefangene Kombination von Begriffen wie „deutscher Weg“, „Würde“, „Stolz“, „Interessen und Machtpolitik“ dürfte bei manchem Genossen heftigste Irritationen auslösen. Dies gilt erst recht, wenn Bahr eine „deutsche Normalität“ einfordert. Sie sei – man höre und staune – notwendig im Sinne geistiger und politischer Gesundheit. Bahr fordert nicht mehr und nicht weniger als „ein ähnlich normales Verhältnis zur Nation“ wie andere Europäer. Wer wie Bahr redet, sieht sich schnell mit einem Begriff konfrontiert, der in der Vergangenheit immer wieder als Totschlagargument herhalten mußte: gemeint ist der Begriff des „deutschen Sonderweges“. Bahr fürchtet keinen deutschen „Sonderweg“, weil er der Auffassung ist, daß Sonderwege die Normalität darstellten: „Die Welt der Völker besteht aus Singularitäten.“ Für ihn führt der deutsche Weg zu einem Europa, das in Militär- und Sicherheitsfragen zu einem selbstbewußten Partner der USA wird. Der deutsche Weg verlange ein Deutschland im Dienste Europas, das seine Interessen verfolgt und seine Zukunft nicht von der Vergangenheit behindern läßt. Die europäische Zukunft sei wichtiger als die deutsche Vergangenheit. Der Erlanger Zeithistoriker Gregor Schöllgen traktiert das gleiche Thema wie Bahr. Schöllgen erklärt die Phase des Übergangs vom Zusammenbruch der bipolaren Welt hin zu einer neuen Weltordnung für abgeschlossen. Welche Kontur diese neue Weltordnung freilich hat, darauf bleibt Schöllgen die Antwort schuldig. Hier liegt eine Schwäche dieses Buches. Schöllgen überschätzt die Rolle und das Potential Europas in dieser neuen Ordnung, wenn er feststellt, daß Europa sich selbst schützen könne. Das von ihm beschworene Abschreckungspotential französischer und britischer Nuklearwaffen ist gegen die Bedrohungen asymmetrischer Kriegführung, wie sie am 11. September 2001 augenfällig geworden sind, wenig wert. Ohne die Leistungsfähigkeit der europäische Rüstungsindustrie unterschätzen zu wollen: Die desolate deutsche Haushaltslage und die damit verbundene Streichung der Mittel für die Bundeswehr zeigt die europäischen Grenzen in aller Eindeutigkeit auf. Dafür noch ein anderes Beispiel: die Ende Mai 2003 erfolgte Einigung über die Finanzierung des Militärtransporters A 400 M. Diese Einigung zeigt, daß selbst nach der Einführung dieses Transporters die Logistik europäischer Operationen von den USA abhängig sein wird. Daran dürfte sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern. Aus Schöllgens Sicht lautet die Kernfrage für die Europäer: „Wann, mit welchen Mitteln und unter welchen Bedingungen, gegebenenfalls auch mit welchen Verbündeten, wollen sie in welchen Regionen einschreiten, um für ihre eigene Hemisphäre Frieden, Freiheit und Wohlstand zu sichern?“ Der zurückliegende Irak-Krieg ist hier so etwas wie eine Nagelprobe gewesen. Schöllgen, der ganz im Sinn der rot-grünen Bundesregierung argumentiert, sieht in diesem Krieg eine Art Epochenwandel. Schließlich ginge es in der neuen Epoche um nicht weniger als die Formulierung eigenständiger europäischer – und damit zwangsläufig auch um das Hintanstellen traditionell nationalstaatlich definierter – Sicherheitsinteressen. In der gegenwärtigen Konstellation der internationalen Beziehungen wie Schöllgen von einer „neuen Epoche“ sprechen zu wollen, erscheint sehr weitgegriffen. Die Welt ist vielmehr im Umbruch und in Unordnung. Das Denken in Zeitaltern, wie es Schöllgen für die Gegenwart versucht, bringt keinen wirklichen Erkenntnisfortschritt. Hier liegt die zweite Schwäche eines sonst lesenswerten Buches, das Schöllgen bei den Kritikern der rot-grünen Außenpolitik bereits heftigen Tadel eingebracht hat. Jacques Schuster, seit Anfang Januar 2001 Ressortleiter Außenpolitik bei der amerikafreundlichen Berliner Tageszeitung Die Welt, sprich Schöllgens Thesen jeden „Sinn für die Wirklichkeit“ ab. Besonders fuchst ihn, daß Gerhard Schröder bei Schöllgen zum visionären Staatsmann aufgewertet wird, der den USA die „Stirn bot“. Mit seinem neuen Buch hat sich Schöllgen offensichtlich bei allen Transatlantikern unbeliebt gemacht. Und das ist auch gut so, möchte man hinzufügen. Egon Bahr: Der deutsche Weg. Selbstverständlich und normal. Blessing Verlag. München 2003, 155 Seiten, 12 Euro Gregor Schöllgen: Der Auftritt. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne. Propyläen Verlag. München 2003, 176 Seiten, 18 Euro

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