Romantischer Belletrist gegen den Affen Nietzsches

Oswald Spengler und Thomas Mann – eigentlich ideale Geschäftspartner für eine Skript-Firma „Untergänge en gros & en detail“. Wie praktisch, daß die beiden potentiellen „Existenzgründer“ – der Geschichtsdenker, der ganze Kulturen im Kosmos versinken ließ, und der Großschriftsteller, der in den „Buddenbrooks“ den Niedergang einer hanseatischen Kaufmannsfamilie erzählt – als norddeutsche Zuwanderer in München zudem nahe beieinander wohnten. Trotzdem schien die intellektuelle Distanz nur in Lichtjahren meßbar. Spengler hatte Mann schon 1913 mitleidig als Literaten abgetan, der in der „romantischen Belletristik“ steckengeblieben sei. Dafür revanchierte sich der Zauberer mit der hämischen Bemerkung über Spengler als dem „Affen Nietzsches“. Sie konnten also nicht zueinanderfinden und waren sich zeitweise doch geistig näher, als es im Lichte solcher wechselseitig erwiesener „Höflichkeiten“ scheinen mag. Dies ist der sonst so gern am Gängelband der zehnbändigen „Tagebücher“ jeder Unpäßlichkeit ihres Idols nachspürenden Thomas-Mann-Forschung bis heute entgangen. Wohl auch deshalb, weil sie Manns Selbststilisierung allzu lange aufgesessen ist, die den Verfasser der konservativen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) hinter den liberal-demokratisch „gewendeten“ Festredner der Weimarer Republik zurücktreten läßt. Man hat daher mitunter den Eindruck, daß der germanistischen Mann-Gemeinde jene Nachbarschaft ihres Meisters zu Spengler peinlich ist, die beide auf dem Einband von Armin Mohlers Standardwerk zu Protagonisten der „Konservativen Revolution“ stilisiert. Es wurde darum höchste Zeit, das Verhältnis zwischen Mann und Spengler zu klären. Barbara Beßlich, vor drei Jahren mit einer Freiburger Dissertation über die Zivilisationskritik in Deutschland zwischen 1890 und 1940 hervorgetreten (siehe JF 08/01), hat dies unternommen, indem sie Spenglers Einfluß auf Mann bis in dessen Randbemerkungen in seinem Exemplar von „Untergang des Abendlandes“ nachspürt, das sie im Züricher Thomas-Mann-Archiv zu Rate gezogen hat. Wichtigstes Ergebnis ihrer vergleichenden Studien ist der Nachweis, daß der „Zauberberg“ in kritischen Verwahrungen wie in „produktiver Aneignung“ geradezu durchtränkt ist von Spenglers „Untergangsdiskurs“. Mitunter etwas zu undeutlich, was die politisch konkretisierbaren Inhalte der Positionen beider Kontrahenten betrifft, aber doch erkennbar, arbeitet Beßlich heraus, wo Thomas Mann sich von Spenglers suggestivem Geschichtsbild befreit. Vor allem weigert Mann sich, an das Ende der abendländischen Kultur zu glauben, mißtraut auch Spenglers Prophezeiung von der aufgehenden neuen Kultur „im Osten“ der „russischen Morgenröte“. Je stärker die anfängliche Zustimmung zu Spenglers Globaldeutungen sich relativiert, um so schärfer tritt Thomas Mann als Verteidiger der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts hervor, der nicht davon überzeugt ist, daß der „Untergang“ geschichtsdeterministisch eine beschlossene Sache sei. Die „Betrachtungen eines Unpolitischen“, auf ihren liberal-individualistischen Gehalt hin neu untersucht, könnten nun kaum noch als „Haupttext“ der Konservativen Revolution klassifiziert werden. Wie sehr der Romancier jener überlebte Nostalgiker war, den Spengler bereits vor dem Ersten Weltkrieg als solchen rezipierte, zeigt Beßlich am Verhältnis zur technischen Modernität. Mann hatte anfangs gar nicht ernst nehmen wollen, wie positiv sich Spengler dazu stellte. Denn der von der Großindustrie alimentierte Privatgelehrte sah darin für Deutschland eine neue politische Perspektive, an der Spitze des technischen Fortschritts einen „cäsaristisch“ geführten „Zivilisationsstaat“ zu etablieren, der den „total“ mobilmachenden „Planstaat“ Ernst Niekischs und Ernst Jüngers vorwegnahm. Mann hingegen war zu dieser Zeit bemüht, die „deutsche Republik“ mit Novalis, mit der Ideenwelt der romantischen „Kultur“ zu verbinden, also mit jener „Lyrik“ oder „Malerei“ der bürgerlichen Gesellschaft, von der in Spenglers auf „Technik“ oder „Marine“ konzentriertem Staatswesen nicht mehr übrigblieb. Beßlichs Studie wird in einer ästhetisch ansprechenden Weise präsentiert. Da sie aber nicht nur auf die Thomas-Mann-Gemeinde rechnet, hätte der Hinweis nicht fehlen sollen, daß die täglich frisch manikürten Hände auf dem Einband die des Zauberers sind. Barbara Beßlich: Faszination des Verfalls. Thomas Mann und Oswald Spengler. Akademie Verlag, Berlin 2002, gebunden, 171 Seiten, 39,80 Euro

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