Radikal sanft

Vor zehn Jahren hatte Peter Cornelius die Nase voll. Der 1951 geborene Österreicher wollte sich dem Rhythmus der Banalitäten nicht unterordnen und zog sich von heute auf morgen aus der Popszene zurück. Nein, er setzte sich nicht zur Ruhe, sondern versuchte, zu sich selbst zu finden, Abstand zu gewinnen und seiner Kreativität jenseits von Plattenstudios und Tourneestreß freien Lauf zu lassen. Zur Jahrtausendwende wurde der eingefleischte Kinks-Fan von der Lust gepackt, nach fast neun Jahren wieder eine CD einzuspielen. „Lebenszeichen“ erwies sich als sehr stille, in sich gekehrte, leicht esoterische, gelegentlich die Grenze zum Langweiligen streifende Angelegenheit: Balladen über Balladen, mit Texten, die zwar einen erleichterten und zeitgeistfernen Poeten zeigten; von Cornelius‘ einstiger Gabe aber, Geschichten zwischen beißender Ironie und beobachtender Zuspitzung zu erzählen, war kaum etwas übriggeblieben. Einem Paukenschlag gleich kommt Cornelius nun zur Feier seines 30jährigen Bühnenjubiläums mit „Schatten und Licht“ (Koch/Universal) daher: traditioneller Deutschrock im Stile der 1980er Jahre und doch alles andere als angestaubt wirkend arrangiert. „Schatten und Licht“ kann in einem Atemzug genannt werden mit den Cornelius-Klassikern „Bevor I geh“ (1982), „Gegen den Strom“ (1986) und besonders „Fata Morgana“, seinem Meisterstück aus dem Herbst 1983. Wertkonservativ und konsequent gegen den Zeitgeist gerichtet, metaphorisch und mit gelungenen Wortspielen („Ist die Wirklichkeit in Wirklichkeit die Wirklichkeit?“ in „So oder So“) äußert sich der Wiener Liedermacher in seinen zwölf neuen Songs, denen alles Balladeske, Stille vollkommen abgeht. In seinem Wohnzimmerstudio spielte der Autodidakt nahezu im Alleingang – nur die wenigen Schlagzeugparts wurden von Depeche Mode-Tourdrummer Christian Eigner übernommen – sein neues Opus ein. Cornelius brilliert, wie seit fast 20 Jahren nicht mehr, als ausgezeichneter Gitarrist – sei es mit bluesigen Soli oder folkigen Wällen aus Akustikgitarren – und beherrscht die Programmierung von Computern, Synthesizern und Keyboards besser als manch zwanzigjähriger Jungspund. Im Titelsong eröffnen rockende Gitarren das zwölfteilige Puzzle, das zum Schluß zu einer musikalischen Einheit zusammenwächst. Gleich danach sehnt sich Cornelius in „Wo der Fluß entspringt, ist er rein“ nach den unbelasteten Seelen der Kinder, denen Gewalt, Haß und Mißgunst fremd sind. Als „musikalische Novelle“ zeigt sich der schnelle, gitarrengeführte Pop-/Rocksong „Sie steht auf“ über das Leben einer Frau, die sich von einer Sekunde auf die andere entschließt, alles hinter sich zu lassen. Trotz moderner Drum’n’Bass-Sounds, verfremdeter Stimmen und vertrackter Rhythmen hätten Lieder wie „Spiele spielen“ oder „E. T.“ auch zur musikalischen Stimmung der dunklen frühen 1980er Jahre gepaßt. Doch Cornelius rät dem kleinen Außerirdischen aus Steven Spielbergs Erfolgsfilm von 1982, die Erde diesmal nicht zu besuchen. Versöhnlich läßt Cornelius seine geballte Zeitgeistkritik ausklingen mit einer erneuten Hymne auf seine „Wunderbare Kindheit“. Zu folkigen Gitarrenklängen à la Tom Petty schwärmt der Wiener von Kindertagen „in dem Land“. Im letzten Lied stellt Cornelius am plakativsten das Vergangene dem Gegenwärtigen gegenüber und entscheidet, daß das Gestern womöglich viel mehr Charme ausstrahlte als das sich immer schneller drehende Heute. Dies sind nur einige Beispiele aus einer durchgehend vorzüglichen Songkollektion, in der jeder einzelne Titel geprägt ist von einer außergewöhnlichen Mischung aus sanfter Radikalität und romantischer Aggression.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles