Prätorianische Gesänge

Der Tonkünstler Josef Klumb blickt mittlerweise auf eine kleine Heerschar musikalischer Anhänger, und so verdient seine neueste Scheibe allergrößte Aufmerksamkeit, ist sie doch das Beste, was uns je an solcherlei Klangwelten unterkam. „Bellum, Sacrum Bellum?!“ ist harter Stoff, noch nie klang es so martialisch, wurden so viele elektronische Legionäre zum Marschieren mobilisiert, und wer da glaubt, hinter dem Liedtitel „Mars macht mobil“ verstecke sich eine konsumistische Schokoladenwerbung, muß anderes erkennen. Hier wird der jüngste Krieg um das Zweistromland verarbeitet – und das nicht in der herkömmlichen Manier des Pazifismus. Gleich das Eingangsstück „Prätorianer“ beschwört die Kraft des alten Europa, was im einsetzenden Marschtakt unüberhörbar wird. Fraglich bleibt nur, ob der Anruf „Prätorianer aller Länder, vereinigt euch!“ zur Wiederherstellung des alten Glanzes führen wird. Oskar Werners eindringliche Stimme leitet mit dem Raskolnikow-Satz „Eines Tages wird jemand die Welt aus den Angeln heben, und nur dadurch, daß er denkt“ das Klanggewitter von „Through sun and steel transforming“ ein, in dem alle Register von Thronstahlscher Kraftästhetik gezogen werden, wenn „strong young men with their beautiful wives“ durch Stahl und Sonne eine höhere Seinsstufe erreichen. Das melodiöseste Stück ist „Adoration to Europa“. Wenn Klumb hier seine Stimme herunterschraubt und warm „Hail, Hail, Europa know, through death and night we go“ singt, läßt das nicht nur an Shakespeares „Julius Cäsar“ denken, sondern gerät auch zu einer Ode an das geheime Europa. In „Ius ad bellum et ius in bello“ läßt der Zusammenschnitt von Radionachrichten amerikanische Kriegsgrundkonstrukte aufscheinen, deren falsche Etikettierungen den Tonkünstler rebellieren lassen. Daß man auch Wagner-Ouvertüren thronstählen kann, zeigt „The flying Dutchman“, eine originelle Einverwandlung von Klassik in tanzbare Moderne. Wer Klumb privat kennt, weiß um seine liebenswürdige, bescheidene Art, der Aufschneiderei fernliegt. Was ihn von seinen meisten Zeitgenossen unterscheidet, ist ein ungehemmter Ideenbefall. Das Weltgeschehen mischt sich mit seinen Eingebungen unaufhörlich zu Neuem, auch wenn man nicht immer den Eindruck hat, daß sich dieses stets mit der Wirklichkeit deckt. Ungewöhnlich ist die Genesis der Ideenumsetzung. Der Zeitaufwand für die Entstehung eines Titels liegt zwischen einem und vier Studiotagen. Aus verschiedensten Zusammenhängen werden Klänge, Melodien und Takte zu Klangmutationen vereint. So werden für eine Marschsequenz fünf übereinandergelegte Spuren aufeinander abgestimmt. Von Thronstahls neues Ziel ist der amerikanische Musikmarkt. Verhandlungen wurden bereits aufgenommen. Nach dem dortigen Erfolg des Kraftpaketes Rammstein stehen die Zeichen günstig. Daß Josef Klumb das Zeug zum Star hat, wissen wir sowieso seit langem.

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