Pankraz, Thomas Mann und die Zusammenzieh-Brille

Pankraz war richtig erschrocken. Er las in Thomas Manns kleinen Schriften, und da stand plötzlich: "Selten lese ich ein Buch zu Ende". Es war keine Tagebucheintragung, auch keine halb verschwiegene Nebenbemerkung, sondern eine völlig öffentliche, gleichsam hochoffizielle Äußerung. Der Satz steht in einer Rezension für die seinerzeit in Berlin erscheinende Deutsch-französische Rundschau, Januar 1931: "Selten lese ich ein Buch zu Ende, aber dieses habe ich ganz und systematisch durchgelesen". Wie beruhigend und schmeichelhaft für die Rezensierten!

Thomas Mann, der sich gern und entschieden über die Bücher von Kollegen vernehmen ließ – ein Selten-zu-Ende-Leser! Was soll man nun von seinen starken Urteilen halten, über Musils "Mann ohne Eigenschaften" beispielsweise, den er nach Erscheinen ausführlich und enthusiastisch besprach, dabei mit harscher Schelte für das verehrliche Publikum nicht sparend, weil es sich partout weigere, das Werk zu lesen, so daß es wie Blei in den Regalen der Buchhändler liege? Hat Mann das Riesenopus selber gelesen, systematisch durchgelesen, zu Ende gelesen?

Seine Bemerkungen darüber sind durchaus zutreffend und anregend: "’Der Mann ohne Eigenschaften‘ ist ein im bedeutendsten Sinn aktuelles Buch. Lest es! Es ist wunderbar witzig. Laßt euch nicht einreden, ein Dichter dürfe nicht witzig sein! Jean Paul war ebenso überschwenglich witzig – und war doch ein deutscher Dichter." Dergleichen läßt man sich gern sagen. Es legt die Vermutung nahe, daß Thomas Mann über spezielle Lesemethoden verfügte, die über einfaches, planes Durchlesen hinausreichten und trotzdem, vielleicht gerade deshalb, erfolgreich waren. Aber welche waren es?

Manche geübten und begabten Leser riechen einem Buch geradezu an, ob es etwas taugt und wo und wie es einzuordnen ist, handle es sich nun um Romane oder Essays. Sie blättern träumerisch in der Neuerscheinung, nehmen hier und da mal eine knappe Lese- bzw. Riechprobe, und schon ist ihr Urteil perfekt. Andere lesen nur den Anfang und/oder das Ende, wieder andere nur Kritiken, ihr Urteil kommt aus zweiter Hand und taugt nicht einmal für Partygeschwätz.

Auch diejenigen, die nur Anfänge lesen, liegen mit ihrem Urteil meist völlig daneben. Denn Buchanfänge sind in der Regel exterritoriales Gebiet, keineswegs repräsentativ für den übrigen Inhalt. Der Autor benutzt sie, um zunächst einmal gut Wetter für sich zu machen, eröffnet mit einem bedeutungsvollen Paukenschlag oder wählt Formulierungen von dämonischer Beiläufigkeit, um den potentiellen Leser automatisch in den Text hineinzuziehen. Viele avantgardistische Autoren haben das Prinzip Anfang überhaupt abgeschafft. Sie "beginnen" mitten in der Handlung und liefern deren Voraussetzungen und Bedingungen erst später nach, am liebsten häppchenweise, so daß der Leser niemals weiß oder erfährt, was hinten und was vorne ist.

Besser als mit den Anfängen ist es mit den Schlüssen bestellt. Natürlich gibt es Avantgardisten, die auch nicht aufhören wollen oder können. Sie brechen den Schreibprozeß einfach ab, ohne die geringste Erklärung, und provozieren damit allerdings den Zorn des Publikums. Letztlich gleichen literarische Texte doch musikalischen Partituren, sie verlangen nach einer Coda, einem Schlußakkord, der das Vorangegangene zusammenfaßt, das Motiv, das "Anliegen", noch einmal aufklingen läßt, es kommentiert und mit Anstand beerdigt.

In Kriminalgeschichten und verwandten Genres geschieht erst ganz am Ende die Auflösung des Knotens, der Spitzbube wird entlarvt, die Gerechtigkeit wiederhergestellt, die Welt irgendwie ins Lot gebracht. Der Gesamttext erhält erst vom Ende her seinen Sinn, und das gilt cum grano salis für alle Bücher. Ein gutes Ende versöhnt mit dem Gesamttext.

Möglicherweise war es dies, was Thomas Mann so mißtrauisch oder gleichgültig gegen das Zu-Ende-Lesen machte. Er reagierte da pro domo, es war ein Selbstschutzreflex, denn seine eigenen Schlüsse, zumindest die in den dickeren Werken, "Zauberberg", Josephs-Tetralogie, waren vergleichsweise schwach. Sie waren unmusikalisch, was den großen Musikliebhaber Mann besonders verdrießlich gestimmt haben mag.

In Wahrheit gibt es kein einziges gutes Argument gegen das Nicht-zu-Ende-Lesen. Man sollte, wenn es denn nötig ist (und es ist angesichts des ungeheuren Medienandrangs nur allzu nötig), das Schnell-Lesen üben, das ahnende Überfliegen, das äugende Durchblättern, aber man sollte auf jeden Fall zu Ende lesen. Hochwillkommen wäre der Einsatz einer Text-Zusammenzieh-Brille, wie sie in einem Gedicht von Christian Morgenstern beschrieben wird: Man setzt sie sich auf die Nase und hat sofort den Totalüberblick, sieht sowohl den Sinn des Ganzen wie auch die herausragenden Einzelschönheiten.

Da es eine solche Zusammenzieh-Brille in Wirklichkeit nicht gibt, bleibt dem willigen, nie gänzlich zu vertreibenden Leser nur die demütige Bitte an die Autoren um größtmögliche Kürze und Knappheit. Sicherlich, Quantität und Qualität stehen auch in der Literatur in einem komplizierten Verhältnis, und beileibe nicht jeder Text läßt sich beliebig herunterkürzen. Doch es muß gesagt werden: Die meisten Texte lassen sich sehr wohl kürzen, oft gewaltig kürzen, ohne dabei an Qualität zu verlieren. Das gilt sogar für die anspruchsvollsten, etwa für die Romane von Martin Walser; ihre ins Englische übersetzten Fassungen sind im Vergleich zu den deutschen Originalen dramatisch gekürzt. Es war eine "Bitte" britischer Kritiker.

Woraus wieder einmal erhellt, wie phänomenal der Einfluß der Kritiker auf die Gestaltung von Literatur ist. Die Zeichen der Zeit, deren Mundstück die Kritiker sind, stehen auf Kürze. Auch die Kritiker wollen es bequem haben, und sie müssen ja auf jeden Fall zu Ende lesen.

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