Pankraz, Maos rotes Büchlein und die Kraft des Zitats

Endlich mal eine kleine Trouvaille beim Surfen durch die deutschen Tagesfeuilletons: eine (leider recht dünne) Betrachtung darüber, weshalb die neue Literatur so wenige "Zitate" hergäbe im Vergleich zu früheren Literaturen. Mit "Zitat" war dabei nicht die Wiedergabe von Politikerreden gemeint, die jeden Abend die Medien füllen, sondern jenes bekannte Stilmittel, mit dessen Hilfe ambitionierte Autoren ihre Texte in dieser oder jener Richtung zu optimieren trachten. Für so etwas, hieß es, eigneten sich zwar Aussprüche von Shakespeare bis Nietzsche, aber kaum Aussprüche von Günter Grass oder Siegfried Lenz, von allerneuesten Berühmtheiten zu schweigen. Die neue Literatur sei einfach nicht zitierfähig.

Die Diagnose stimmt wohl, aber liegt es wirklich nur daran, daß die modernen Texte gewissermaßen dümmer geworden seien und man sich nicht mehr mit ihnen schmücken könne? Wer Zitate als "Schmuck" einsetzt oder um die eigene Einfallslosigkeit zu kaschieren und sich für gebildeter auszugeben, als er ist, hat schon verloren. Er dankt als Autor ab, gibt sich als bloßer Bauchwarenhändler mit "geflügelten Worten" zu erkennen, die er seine Sekretärin aus dem Büchmann und anderen Lexika hat abschreiben lassen.

Zitate, die ihren Namen verdienen, sind weder Schmuck noch geistiges Feigenblatt. Sie sind vielmehr dazu da, Pointen zu zünden, eine Argumentation überzeugungskräftiger zu machen, ihr Autorität zu verleihen, sie gegen vorschnelle Einsprüche abzusichern. Und das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der Palette dessen, was ein Zitat leisten soll und leisten kann. Eine Kulturgeschichte des Zitats (ein altes Lieblingsprojekt von Pankraz) würde an den Tag bringen, daß es kein zufälliger, sondern ein ganz und gar notwendiger Bestandteil jeglicher Literatur- und Kunstentwicklung ist (schließlich gibt es auch künstlerische Zitate). Ohne Zitat weder Literatur noch Kunst.

An der Art und Weise, wie ein Schreiber, Redner oder Künstler zitiert, läßt sich sein gesamtes Psychogramm inklusive intimer biographischer Daten und moralischer Privatstandards ablesen. Manche geben sich stolz und zitieren – angeblich – überhaupt nicht. In Wirklichkeit zitieren sie unablässig, ohne freilich den Urheber zu nennen. Sie geben fremde Ware für eigene aus, es sind schlichtweg Räuber, nur der Verfall des Urheberrechts schützt sie vor dem Staatsanwalt.

Wieder andere (dieser Fall kommt vor allem in Diktaturen oder in revolutionären Zuständen vor) zitieren nur dann, wenn es ihnen beim Fortkommen nützt oder wenn es von ihnen verlangt wird. Meistens hat ja die jeweils regierende bzw. dominierende Nummer Eins höchstselbst einige Bücher geschrieben oder schreiben lassen, "rote Büchlein" oder "grüne Büchlein", und der Karrierist oder Parteigänger zitiert nun fortlaufend und beflissen aus diesen Elaboraten.

Es kommt vor (siehe die "Kulturrevolution" Maos in China), daß man gar nicht mehr eigens aus den Büchern zitieren muß, sondern man schwenkt sie einfach ekstatisch hin und her. Ganze große "Lesungen" oder "Redner"-Auftritte bestanden damals in China aus nichts anderem, als daß die "Vorleser" bzw. "Redner" Maos Rotes Büchlein schwenkten und die Massen dazu "Der Osten ist rot" sangen. Ähnlich ging es kurze Zeit später hierzulande bei den 68ern zu, wo das Brüllen von Marx- oder Ho-Chi-Minh-Parolen ganze Universitäts-Seminare ersetzte und jeder, der dagegen aufzubegehren wagte, zusammengeschlagen wurde.

Der totalitäre Zug, in dem Zitate als Totschläger benutzt werden, zieht sich übrigens durch die komplette Geistesgeschichte. Seit Beginn von Predigt und Schrift wurde immer wieder die unbedingte, völlig zweifellose Treue zu "heiligen" Texten verlangt, und wer sie verweigerte, wurde verfolgt, und seine eigenen Texte wurden verbrannt, damit man keine verbotenen Zitate aus ihnen herausfischen konnte.

Mittelalterliche Magister und Doctores hauten sich in ihren Disputationen oft nichts weiter als geheiligte bzw. sakrilegisierte Zitate um die Ohren. Die Unfruchtbarkeit solchen Zitierens lag auf der Hand, so daß die Denker der frühen Neuzeit (Francis Bacon, René Descartes) das Zitieren überhaupt verbieten wollten, damit endlich "die reine Wissenschaft", die sie sich als eine Art Mathematik vorstellten, zum Zuge kommen könne.

Diese scharf antiphilologische Attitüde hat ihrerseits viel Schaden angerichtet, Bibliotheken verfielen, Traditionsstränge rissen ab, und vielerorts "entdeckte" man danach Dinge, die längst entdeckt waren und die man in den alten Pandekten bequem hätte nachlesen können. Man muß kein professioneller Philologe sein, um das lächerlich zu finden.

Heute beginnt sich allmählich herumzusprechen, daß wahrhaft Neues gar nicht entdeckt werden kann ohne ständigen Bezug auf die Tradition. Ein Entdecker steht auf der Schulter des anderen, und das Halteseil, das sie miteinander verbindet, ist das Zitat. Über dessen Vorhandensein Bescheid zu wissen und es gut, sparsam und effektiv einzusetzen, ziert den guten Redner wie den guten Schriftsteller.

Man braucht sich überhaupt nicht darüber zu wundern, daß sich Grass oder Lenz weniger zum Zitieren eignen als Shakespeare oder Nietzsche; es sind ja Zeitgenossen, sie müssen nicht, wie jedes echte Zitat, extra aus der Vergangenheit herausgerufen werden. Mag sein, es gibt bei Grass und Lenz manche haltbaren Sentenzen. Ob sie je zitierfähig werden, steht vorerst in den Sternen.

Auch Pankraz hegt den Verdacht, daß von der gegenwärtigen Literatur nicht viel Zitierfähiges übrigbleiben wird. Sie hat sich zu sehr der Gegenwart und dem jeweils gerade in Mode stehenden "Event" ausgeliefert, sie spricht den Jargon des Augenblicks, ihr "Diskurs" ist kurzbeinig und allzu selbstbezogen. Aber vielleicht ändert sich das in absehbarer Zeit.

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