Pankraz, K.-M. Kodalle und die Eroberung des Nutzlosen

Die Ausnahme denken". So heißt – sehr attraktiv und Appetit machend – die stattliche, von Claus Dierksmeier organisierte und redigierte Festschrift für den Jenaer Moralphilosophen Klaus-M. Kodalle zu dessen 60. Geburtstag (Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2003). Es gibt darin eine Menge interessanter Beiträge über das Phänomen der Ausnahme, aber fast als größte Ausname erscheint der Jubilar selbst, überzeugter Christ und Kierkegaardianer, der den sogenannten "Mainstream", das, was alle sagen und für richtig und wichtig halten, meidet wie der Teufel das Weihwasser und seine ganz und gar eigenen Wege geht.

Was soll, fragen nun mit augenzwinkernder Rhetorik einige der Gratulanten, "die Gesellschaft" mit solchen Gestalten anfangen? Werden sie überhaupt "gebraucht"? Oder sind sie nicht vollkommen "nutzlos"? "Die Eroberung des Nutzlosen" ist ja einer der bekanntesten Kodalleschen Titel. Der Mann scheint die Nutzlosigkeit für eine der höchsten Tugenden zu halten, vielleicht sogar für die Tugend schlechthin. Kann man dergleichen in so knappen Zeiten wie der unseren auf Dauer dulden?

Das Problem wird verschärft durch die schneidende Abfuhr, die Kodalle allen Versuchen erteilt, die Nutzlosigkeit gleichsam durch die liberale Hintertür doch noch irgendwie gesellschaftlich zu rechtfertigen. Ein Lieblingsargument vor allem angelsächsischer Ökonomen ist ja die Behauptung, daß die "Nutzlosen", all die Käuze, Eigenbrötler oder reichen, "nichtsnutzigen" Playboys, nur scheinbar nutzlos seien, daß sie in Wirklichkeit eine eminente Produktions- und Innovationskraft bildeten, ununterbrochen neue Ideen, Moden, Einfälle unter die Leute brächten, die dann von denen nachgeahmt und in ökonomischen Mehrwert umgesetzt würden. Über solche Reden kann Kodalle nur lachen.

Mutwilliges Sichabheben von der Masse um des bloßen Abhebens willen, lehrt er, ist nie und nimmer Ausweis wahrer Nutzlosigkeit, im Gegenteil, der Abheber qua Modemacher und Accessoire-Vorzeiger bestätigt durch sein Tun gerade seine Abhängigkeit von der Masse, er ist Teil von ihr, er ist ihr Pausenclown. Wer Tag für Tag einzig darüber grübelt, was er sich denn Neues ausdenken könnte, um die Anderen zu verblüffen, zu ekrasieren und zum Kopfschütteln zu bringen, der kommt vor lauter Beschäftigung mit den Anderen gar nicht mehr dazu, das Eigene zu denken.

Der wahrhaft Freie, gesellschaftlich "Nutzlose", neigt eher dazu, sich in Sachen Mode und äußerer Erscheinung dem Trend lässig anzugleichen und dadurch seine Gleichgültigkeit ihm gegenüber zu bekunden. Anders steht es bei den "inneren Dingen", den Ideen, Handlungsanleitungen, ethischen Prinzipien. Hier ist der Freie viel anspruchsvoller und genauer als der Durchschnitt. Denn darin besteht seine Freiheit: Nach der Norm des für richtig Gehaltenen zu leben, komme, was da wolle, sich "im Allgemeinen als berechtigt zu behaupten" (Kodalle), sich als überzeugtes Ich bis zur Ununterscheidbarkeit mit dem Allgemeinen zu verschwistern.

Just dadurch wird er für die Masse zur Ausnahme, zum Kauz, zum Eigenbrötler, schlimmenfalls zum "unbelehrbaren Dickkopf" und schließlich gar zum "Volksfeind", wie das schon im neunzehnten Jahrhundert Henrik Ibsen in seinem Drama vorgeführt hat. Denn die Masse lebt nicht nach Normen, auch wenn diese von ihr und ihren Demagogen immer wieder heuchlerisch angerufen werden, sie lebt nach je wechselnden "Sachzwängen", denen man sich schlau und bequemerweise anpaßt, d.h. sie lebt unfrei. Bequemlichkeit heißt Unfreiheit. Deshalb, sagt Kodalle, ist der Freie in jeder Hinsicht unbequem, vor allem für die Masse, der er eine anstrengende und eventuell sogar leidensvolle Existenz vor Augen führt.

Dabei ist er nichts weniger als ein Politiker, welcher Andere zur Gefolgschaft zwingt oder unter ihnen wenigstens wortreich für seine Prinzipien wirbt. Das Zwingen- und Überredenwollen steht quer zu jedem Freiheitsbegriff. Die Unbequemlichkeit des Freien resultiert nicht in erster Linie aus dem, was er tut oder sagt, sondern aus dem, was er ist und vorlebt und was schon Kierkegaard "Haltung" genannt hat.

Haltung ist das Gegenteil von Aufdringlichkeit. Sie zielt nicht darauf ab, Anderen die eigene Existenz als Vorbild einzuprägen, sie will auch nicht per "Diskurs" die Oberhoheit gewinnen, sondern folgt im Gespräch einzig dem Ziel, Erkenntnisse zu mehren, Sichtweisen zu schärfen, Sachverhalte und Perspektiven in optimaler Weise zu versprachlichen. Haltung garantiert weder Macht noch existentielle Geborgenheit, nur schwierige Freiheit. Das macht sie, wie gesagt, unbequem und in manchen Lagen anstößig.

Als anstößige Existenz par excellence und in jedem Sinne des Wortes scheint bei Kodalle Jesus Christus auf, ein "sterblicher Zimmermannssohn", ein von der Masse und den weltlichen Machthabern als Exzentriker Verhöhnter und Verfolgter, dessen Verheißungen ganz und gar im Transzendenten liegen und von daher ein ehernes Diesseits-Reich des Sollens und der Norm aufrichten. Aber eben dieses Reich ist das Reich der Freiheit. Das Paradox der menschlichen Existenz liegt darin, daß sie sich nur insoweit als freie, genuin menschliche, von der bloßen Natur und ihren Zwängen abhebbare erfüllt, als sie sich vorbehaltlos unter Gesetze des Sollens stellt.

Diejenigen, die das Paradox durch ihre Haltung glaubhaft bezeugen, werden wohl immer die Ausnahme bleiben und auch immer wieder Anstoß erregen, doch über ihre "Nutzlosigkeit" für die Gesellschaft läßt sich streiten. Zwar schaffen sie keinen Mehrwert im Sinne der utilitaristischen Nationalökonomie, eignen sich auch nicht als Erfinder oder Vorbeter frommer Regenmachersprüche, und nicht einmal als Vorbild für die Jugend sind sie in jedem Falle tauglich. Aber der Sinn ihrer Existenz liegt offen zutage, es ist unser aller Sinn.

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